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Viktor Jerofejew : Ich war in Russlands Dschungelcamp

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Die russische Dschungelcamp-Variante heißt „Der letzte Held”: Viktor Jerofejew und der Sänger Nikita Dschigurda waren dabei Bild:

Ein russischer Autor geht fürs Fernsehen auf die Insel. Der Transport erfolgt im Viehwagen. Er bleibt nicht lange. Denn was er dort sieht, ist das Schreckensbild seiner Heimat. Erfahrungen vom russischen Dschungelcamp.

          6 Min.

          Der Skandal ist der Götze des heutigen Lebens. Gibt es keinen Skandal, so gibt es auch den Menschen nicht. Der Skandal ist das letzte Ventil des Ruhms, das letzte Reizmittel des öffentlichen Interesses. Alles andere ist vom Moos der Gleichgültigkeit überwachsen. Ein anständiger Mensch sollte sich von Skandalen fernhalten, doch wen interessiert schon ein Unsichtbarer? Darüber sinne ich nach, nachdem ich ins Epizentrum eines Skandals geraten war. Ich kehrte aus Panama zurück, wo sich mir, wie ich fest überzeugt bin, die Essenz des russischen Lebens offenbarte.

          „Der letzte Held“ ist eine der erfolgreichsten Sendungen im russischen Fernsehen. Das ganze Land sieht zu. Die Produktion - es gibt bereits die siebte Staffel - verschlingt gewaltige Summen. Die Folgen werden jeweils zum Jahresende ausgestrahlt, und das Finale, bei dem der Sieger bekanntgegeben wird, findet am 31. Dezember statt. Dieses Projekt, seine Philosophie, die Vorstellung von Moral, mit der hier gearbeitet wird, all das ist wie ein Schaufenster: was man darin sehen kann, ist der Dialog, den der Kreml mit dem russischen Volk führt.

          Im Viehtransporter auf die Insel

          Der Sinn des Spiels, das das russische Fernsehen den amerikanischen Kollegen abgeschaut hat, besteht darin, auf einer einsamen tropischen Insel zu überleben und drei Millionen Rubel zu gewinnen. Die Menschen versorgen sich selbst mit Nahrung, sie nehmen an unkonventionellen Wettkämpfen teil: Wer verschlingt die meisten Würmer, wer trägt den meisten Schmutz in seinem Haupthaar?

          Viktor Jerofejew bei einer Lesung in Berlin

          Defoe hat bekanntlich den ersten modernen europäischen Roman geschrieben, in dem der einsame Held sich als Persönlichkeit verwirklicht. Im Dschungelfernsehen muss sich der neue Robinson den Sieg sichern, indem er alle anderen zwanzig Robinsons auffrisst, sie mit allen erdenklichen Mitteln aus dem Spiel rauskickt. Um solch einen Kannibalen zu erziehen, muss man unseren Zeitgenossen zunächst in ein niederträchtiges Wesen verwandeln: ihn demütigen und danach auf die Insel schicken, damit er die anderen demütigt.

          Symbol dieses Wahnsinns wurde die russische Flagge. Als wir in Panama City landeten, wurden wir am Flughafen von zahllosen Fernsehkameras empfangen. Am Himmel tanzte ein Hubschrauber, aus dessen Kabine der Kameramann herauszufallen drohte. Das Wichtigste aber war: Die Teilnehmer wurden nicht in Busse oder Lastwagen verladen, sondern in Viehtransporter mit schmalen, hohen Wänden und schwarzen Gittern, wie sie normalerweise zur Beförderung von Ziegen, Schweinen und Schafen dienen. Jetzt wurden wir darin transportiert.

          Plötzlich kam ich mir wirklich wie in einem Gefängnis vor

          In unserer Arche Noah gab es ein Paar von jeder Tierart, im Verhältnis eins zu eins: Popstars, Komödianten, eine kürzlich gekürte Miss Russland, dazu Personen, die keiner kennt. Die Viehtransporter setzten sich in Bewegung. Über einem hisste eine von traurigen Gedanken nicht geplagte Teilnehmerin die russische Flagge. Sie flatterte stolz zur Freude und Verwunderung der Einheimischen, die vielleicht noch nie in ihrem Leben weiße Menschen in solch einer rechtlosen Lage gesehen haben. Wahrscheinlich dachten sie, hier würden Waffenhändler ins Zuchthaus gebracht.

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