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„Now or Never“ im Ersten : Vielleicht gibt es doch ein Leben vor dem Tod

  • -Aktualisiert am

Auf letzter Fahrt: Rebecca (Tinka Fürst) und Henry (Michael Pink) Bild: SWR

Palliativhumor und das ewige Erlösungswunder der Liebe: Mit der Tragikomödie „Now or Never“ traut sich die ARD was. Und es funktioniert auch noch.

          3 Min.

          Welch ein Griesgram, der Mann an den Rudern. Verlottert, starrend vor Schmutz, abweisend mit jeder Faser. So liest man es schon bei Vergil und Ovid, und so scheint es nachvollziehbar: Was ist das auch für ein deprimierender Job, von früh bis spät gegen einen Obolus Tote über Styx, Lethe oder Acheron bringen? Später, etwa bei Monteverdi, erfuhr man dann, dass auch der mürrische Charon ein Herz hat, das sich rühren lässt, durch den Gesang des Orpheus nämlich. Was den Fährmann, den Sohn der Finsternis, so grummelig gemacht hat, blieb lange sein Geheimnis. Hier weiß nun der Autor Belo Schwarz mehr: eine tragische Liebe natürlich, ein unüberwindlicher Verlust, und auch das ist nachvollziehbar, zumal am sanft schwappenden Gestade des Fernsehfilms.

          Um einen Fährmann handelt es sich hier freilich bloß im übertragenen Sinne. Als angestellter Arzt in einem Schweizer Sterbehospiz, das genau auf der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz steht, rührt Henry (Michael Pink) gegen einen Obolus tödliche Tränke an. Solidarisch nur mit den Totkranken verachtet er die würdelose Prozedur, bei der die Betten der Sterbewilligen kurz vor der Einnahme des Schierlingsbechers über eine Linie juristisch in die Schweiz geschoben werden müssen. Verlottert ist unser Todesengel vor allem psychisch, offen dem Alkohol zugetan, aber das Vergessen will einfach nicht gelingen. Musik und Lebensfreude lässt dieser Zyniker nicht an sich heran.

          Dabei hätte er bei Ovid (oder in jedem zweiten Fernsehfilm) auch erfahren können, was gegen den größten Liebeskummer hilft: eine neue Liebe. Dass ausgerechnet eine „Klientin“ des Hospizes, die tatsächlich wohl ein Stück weit verzweifelt lebenslustige Rebecca (Tinka Fürst) – „Du hast gar keine Angst vorm Sterben. Du hast Angst davor, nie gelebt zu haben“ – mit ihrer direkten Art („Du glaubst ja nicht einmal an ein Leben vor dem Tod“) Henrys versteinertes Herz rührt, bringt eine eigene Dimension an Tragik mit sich: Es bleibt den beiden nur ein Fingerbreit Sand in der Stundenuhr. Damit ist der Plot dieses eigentümlichen Trauerlustspiels aufgespannt, und obwohl es den nach Strich und Faden abarbeitet, gelingen dem Film in der Regie von Gerd Schneider viele anrührende Momente.

          Wunderglaube, der sich dem Himmel entgegen schraubt

          Dass dies alles nicht pietätlos wirkt, liegt daran, dass Schwarz und Schneider auf das Gegenteil von schwarzem Humor abzielen, auf leichenblassen sozusagen, der aber doch von einem Wärmestrom getragen wird. Entfärbt wirkt sogar die eigentlich so üppig bunte Landschaft der Schweiz. Nach leicht holprigem Beginn mausert sich der Film bald zum surrealen Roadmovie mit trockenem Witz: „Lass doch den Gurt, lohnt sich ja eh nicht.“ Mag nun der grantelnde Protagonist, der sich als Nihilist zu erkennen gibt („Der Tod ist einfach das Ende von allem, was war oder hätte sein können. Da ist einfach nur nix“), die schönen Schweizer Berge für „Scheißhaufen der Götter“ halten, so fügt sich selbst das bestens in den Erzählbogen dieses untergründig frommen Carpe-diem-Requiems, das an Wunder so gern glauben möchte und sich Windung um Windung dem Himmel entgegenschraubt.

          Ein Film über die moralische Komplexität von Sterbehilfe ist das so wenig wie eine lebensnahe Auseinandersetzung mit den Themen Krankheit und Tod. Dafür sind die von Pink und Fürst schwer gebrochen gespielten Charaktere zu archetypisch geraten (wer ist schon so bindungslos?) und die Sätze mitunter etwas platt: „Wie fühlt es sich denn an, den lieben Gott zu spielen?“ „So’n Krebsgeschwür ist kein Zuckerschlecken.“ „Ich bring doch nur ein bisschen Leben in dein Leben.“ Es geht eher darum, die (kurze) Rückkehr zur Lebensfreude vorzuführen, als sie zu thematisieren.

          Schwung bringt da die Idee in den Film, die beiden schicksalhaft ineinander verhakten Flüchtigen, die gemeinsam ihrem Ende – dem „Checkout“ respektive der Depression – von der Schippe springen und wie Bonnie und Clyde durchs Land kurven, von zwei weiteren Personen verfolgen zu lassen, deren Liebe echt und doch erdrückend ist: Henrys bester Freund Benno (Johannes Allmayer), den Henry aber für sein Unglück verantwortlich macht, und Rebeccas liebenswert verdatterter Ehemann (Sebastian Jehkul), der glaubt, ihre letzten Stunden stünden ihm zu.

          Erzählerisch gekonnt und klassisch komisch durchkreuzen sich die Wege der beiden Teams immer wieder, während sich die Unterhaltungen über die Schnitte hinweg nahtlos ergänzen. Auch das mitlaufende, in seiner schillernden Künstlichkeit zunächst vielleicht ein wenig nervende „Elvis lebt“-Dauermotiv (immer mehr Elvisse tauchen auf, immer mehr Songs des Kings hören wir, auch sein emotionales „It‘s now or never“ natürlich) erweist sich als gelungene Verwischung der Grenze zwischen Hüben und Drüben: eine zur Groteske aufgepeppte Orpheus-Reminiszenz. Bei allem Witz führt uns der Film kitschfrei in ein so tränenreiches wie versöhnliches, fast epiphanisches Finale, das uns mit der ganz und gar nicht neuen, aber nach wie vor tröstlichen Einsicht zurücklässt, dass zwar nicht das Abtreten, aber die Angst davor heilbar ist und dass würdevolles Sterben zum Leben gehört, nicht zum Tod.

          Now or never, um 20.15 Uhr im Ersten.

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