https://www.faz.net/-gqz-9qzy3

Videospiel „Gris“ : Seine Stimme wiederfinden

Im Anfang (zumindest in „Gris“) war – der freie Fall aus schützender Hand. Bild: Nomada Studio

Das bezaubernde Videospiel entführt in eine Welt aus Klang und Licht: In „Gris“ muss eine Frau ihre Stimme und ihren Weg finden. Selten war es schöner, ihr dabei zu folgen.

          Wer von „Gris“ erzählen will, der muss ganz am Anfang beginnen. Da liegt eine junge Frau hingestreckt in der steinernen Hand einer gewaltigen Statue. Oder ist es eine versteinerte Riesin? Ihr Gesicht jedenfalls schaut starr auf die Liegende herab. Die Finger der großen Hand, gesprungener Stein, bewegen sich. Ganz leicht. Die winzige Frau im schwarzen Umhang mit dem türkisen Schopf erwacht. Wir sehen das Gesicht aus der Nähe, die Sommersprossen auf der Nase. Sie öffnet den Mund, hebt zu singen an, ihr Haar wogt im Wind. Sie steht auf. Der Gesang wird lauter. Sie schwebt. Plötzlich bekommt der Boden unter ihr Risse. Sie singt weiter, verstummt, fasst sich mit beiden Händen an die Kehle. Die Stimme versagt. Sie bricht zusammen. Mehr Risse im Boden. Die haltende Hand beginnt zu bröckeln. Dann fällt die junge Frau – und überschlägt sich und fällt und fällt und fällt. Die Musik schwillt an, tost, ein freier Fall ins Weiße, einzig ein paar Klavierakkorde fangen das Ganze auf.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Himmel hilf, was für ein Pathos. Und doch entwickelt diese Einleitung selbst auf einem kleinen Bildschirm eine solche Kraft, dass man ergriffen ist. Warum? Weil alles so reduziert ist – Farben, Töne und Musik –, weil so viel Schichten abgetragen und Ebenen herausgenommen wurden, dass es möglich wird, den Raum mit überlebensgroßen Symbolen und Gesten zu füllen. Melancholie nachvollziehbar zu machen, das war lange keine Qualität, durch die sich Videospiele auszeichneten. Auch, weil derlei in jeglichem Erzählmedium zu den höchsten Weihen gehört. Doch mittlerweile hat eine blühende Independent-Szene Nischen geschaffen, um Dinge auszuprobieren, Sprünge zu wagen und Spiele zu entwickeln, die mehr sind als Geschicklichkeits- oder Stresstest, mehr als Rätselraten, Trophäenjagd oder interaktiver Film.

          Das spanische „Nomada Studio“ hat unter Führung von Conrad Roset mit seinem ersten und mehrfach ausgezeichneten Spiel „Gris“ nun ein graziles Jump-’n’-Run-Adventure konstruiert, bei dem drei Komponenten dazu beitragen, dass man als Spieler rasch und ohne es zu bemerken, auch emotional Teil der Welt und der Wanderung wird, welche die gefallene Frau in Schwarz nun beginnt. Das ist zum einen der minimalistische und doch ausufernde Zeichenstil, der eine Welt und ihre mitunter titanischen Dimensionen zwischen zerfallenen Tempeln, in kubistischen Wäldern und leuchtenden Unterwasserhöhlen präsentiert. Zum anderen belästigt einen das Spiel nur im Ausnahmefall mit Erklärtexten, wenn die Wandernde im Verlauf der Geschichte etwa neue Fähigkeiten erwirbt. Gefesselt aber wird der Spieler – auch hier, ohne, dass es sich aufdrängte – durch die Untermalung der Musiker von „Berlinist“ aus Barcelona. Beeindruckend ist das Spektrum, mit dem der Soundtrack arbeitet. Hier fragmentiert entrückt, dort aufbrausend und alle Register ziehend – und immer in so präziser Abstimmung mit dem Spielgeschehen, dass die Momente von Einheit und Spielfluss den Atem rauben.

          Dabei ist das eigentliche Spielprinzip vergleichsweise simpel. Wir bewegen uns von links nach rechts, überwinden Hindernisse, sammeln mysteriöse Lichtpunkte und bringen, wenn wir ein Level erfolgreich durchquert haben, stets eine Farbe zurück in die Welt. Parallel schöpfen wir Kraft durch die Lichtpunkte. Die Zerbrechlichkeit der Figur wird zu Beginn auch in der Spielmechanik spürbar. Da ist nichts mit Herumhüpfen. Ein Druck auf die Sprungtaste zeitigt einen Zusammenbruch. Hinfallen, aufstehen, wieder hinfallen, abermals aufstehen. Erst mit der Zeit erlernt man Fähigkeiten und entwickelt Kräfte, um nicht zu sagen eine gewisse Resilienz. Da ist unser Umhang, der sich in einen schweren Klotz verwandeln kann, um Stürmen zu trotzen oder steinerne Blockaden aus dem Weg zu räumen. Später gleiten wir mit ihm durch die Luft oder durchs Wasser.

          Von Stufe zu Stufe, von Level zu Level nimmt die Formen- und Farbenvielfalt zu. Gegner, die uns gefährlich werden können, gibt es nicht – bis auf einen: ein Schattenwesen, das immer wieder versucht, uns aufzuhalten oder zu schlucken, mal als finstere Nachtigall, mal als Muräne mit leuchtend weißen Augen. Die Motive und Bilder, derer sich das Spiel bedient, wurden von Spielern und Kritikern als Überwindung einer ernsten Depression interpretiert. Das ist vielleicht etwas zu einseitig gefasst. Lähmende Traurigkeit, die sich wie ein Schleier auf alles legen oder aber als schattenhaftes Raubtier hervorbrechen kann, schlummert nicht nur in einer ernsthaft erkrankten Seele. So oder so: Wer diese lebendige und lebenskluge Parabel spielt, kein Pathos fürchtet und sich auf die Sinfonie aus Klang, Farbe und Licht einlässt, dem kann es schlicht das Herz wärmen. Vielleicht sogar Mut machen. Man hat jedenfalls schon mal schlechter gestaunt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimapaket der Regierung : Worauf sich die Koalition geeinigt hat

          Die Spitzen der Koalition haben sich auf eine Klimastrategie geeinigt. Künftig müssen für CO2-Ausstoß Zertifikate gekauft werden, der Plan einer CO2-Steuer ist dafür vom Tisch. Für Bürger sollen im Gegenzug einige Entlastungen kommen.
          Millionen Zuschauer wollen die Fußball-Nationalmannschaft spielen sehen. Doch auf welchem Sender können sie das künftig?

          Telekom kauft alle Live-Rechte : Fußball-EM 2024 erstmals ohne ARD und ZDF

          Die Telekom hat sich die Live-Rechte an allen 51 Spielen der Fußball-Europameisterschaft in Deutschland im Jahr 2024 gesichert. Das hat die F.A.Z. exklusiv erfahren. Damit gehen die Öffentlich-Rechtlichen Sender ARD und ZDF erstmals leer aus.

          Verfassungsschutz bei Youtube : Humor gegen Dschihadismus

          Nordrhein-Westfalens Verfassungsschutz will den Salafismus dort bekämpfen, wo er bisher freie Hand hatte: in der Youtube-Welt der Jugend. Ein Satire- und ein Informationsformat klären über das Thema auf.
          In einem Bierzelt wie diesem kam es auf der Münchner Wiesn zum sexuellen Übergriff.

          Übergriff auf dem Oktoberfest : Wiesn-Grabscher zu Geldstrafe verurteilt

          Im vergangenen Jahr kam es auf dem Münchner Oktoberfest zu einem sexuellen Übergriff, bei dem ein Mann einer Frau an Brust und Gesäß griff. Kurz vor Beginn des diesjährigen Fest ist nun das Strafmaß verkündet worden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.