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„Verrate mich nicht“ auf Arte : Die Hochstaplerin hat Nachtschicht

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Sie ist gelernte Krankenschwester, doch sie gibt sich als Ärztin aus: Cath (Jodie Whittaker) gerät mit ihren Lügen immer stärker in Bedrängnis. Bild: Arte

Als Krankenhaus-Drama ist die Miniserie „Trust me“ der BBC nicht sonderlich raffiniert. Jodie Whittaker aber imponiert als falsche Ärztin voller widerstreitender Spannung.

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          Scheiß aufs Gesundheitssystem!“ Dieser Fluch hat einen anderen Nachhall, wenn man weiß, dass er sich auf den notorisch unterfinanzierten britischen „National Health Service“ bezieht. Schon vor dem Brexit fehlen in Großbritannien mehr als hunderttausend Mediziner und Pfleger. Da scheint es denkbar, dass ein Provinzkrankenhaus bei der Bewerbung einer hochqualifizierten Ärztin nicht allzu kritisch die Unterlagen prüft. Und tatsächlich gelingt es Laien ohne medizinische Fachausbildung immer wieder, sich ins System einzuschleusen. Der Fall einer „falschen“ Hamburger Kinderärztin, die jahrelang und erfolgreich schwerkranke Patienten behandelt hatte, wurde vor neun Jahren gar für das ZDF verfilmt, ein guter, vielschichtiger Film, leicht überladen nur auf der Reflexionsebene.

          Im Grunde erzählt die BBC-Miniserie „Trust me“ (unpassend als „Verrate mich nicht“ übersetzt) dieselbe Geschichte, nimmt sich dafür jedoch mehr Raum und Zeit. Überladung lässt sich diesmal kaum diagnostizieren, eher schon schmerzhaft fehlende Komplexität der Charaktere und pathologische Schlichtheit der Dialoge. Autor Dan Sefton, selbst Arzt und Erfinder der Serie „The Good Karma Hospital“ (ITV), hat das Buch nicht als Essay über die Antithese von Können und Qualifikation angelegt, sondern als emotionale Achterbahnfahrt ohne zweite Ebene, dafür mit eindeutiger Sympathielenkung. Der in Gefühlsserien erfahrene Regisseur John Alexander hat Seftons Vorlage routiniert bebildert, am liebsten mit intensiven Großaufnahmen von Gesichtern.

          Erste weibliche Inkarnation von „Doctor Who“

          Was „Trust Me“ sehenswert macht und den Erfolg in Großbritannien erklären mag, ist die schauspielerische Qualität. Selbst Nebendarsteller wie Sharon Small und Blake Harrison überzeugen. Getragen aber wird die Serie durch die imponierende Darbietung von Jodie Whittaker, die vielen Zuschauern noch als trauernde Mutter aus dem grandiosen Krimi-Drama „Broadchurch“ im Gedächtnis sein dürfte und zurzeit als erste weibliche Inkarnation von „Doctor Who“ Furore macht (wohl der letzte Nationalheld, der die Insel noch vor dem Brexit-Chaos retten könnte). Im Falle unserer angemaßten Doktorin haben wird es freilich mit einer gebrochenen Figur zu tun. Auf ihre Weise strahlt aber auch sie. In Whittakers Mimik liegt so viel widerstreitende Spannung, dass man unablässig mit einem Geständnis rechnet, ihr zugleich aber auch das eiserne Festhalten am immer stattlicher werdenden Lügengebäude abnimmt, eben weil jede kühle Logik bei diesem Betrug fehlt. Wenn die Hochstaplerin sagt „Ich bin keine Lügnerin“, handelt es sich nicht um das Alle-Kreter-lügen-Paradoxon (von einem Kreter ausgesprochen), sondern um die tiefe Überzeugung der Heldin: Nur durch eine solch schizophrene Selbsttäuschung kann sie die Kraft für ihre Lebenslüge aufbringen.

          Der Plot ist simpel. Die fähige Krankenschwester Cath wird von ihrem Arbeitgeber kaltgestellt, nachdem sie sich über systematische Patientenvernachlässigungen beschwert hat. Um mit ihrer niedlichen Tochter (Summer Mason) nicht in der Armut zu landen, gibt sich die Geschasste als Ärztin aus und wird von einem Hospital in Edinburgh angestellt. Nach Anfangsschwierigkeiten findet sich Cath, die nun Ally heißt, hervorragend in das turbulente, herzliche Notfallteam ein und überrascht durch hohes medizinisches Geschick: Thorax-Drainagen, Einrenkungen, alles gelingt ihr. Bald folgt die kittelserienübliche Affäre mit einem knackigen Kollegen (Emun Elliot). Im selben Maße aber, in dem das Vertrauen in die falsche Ärztin wächst, steigt die Gefahr ihrer Entdeckung, weil alte Bekannte auftauchen oder ein Dokument fehlt. Fatale Behandlungsfehler aus Nichtwissen mutet das gegen Ambivalenzen immune Drehbuch Cath hingegen nicht zu, allenfalls kleine Unaufmerksamkeiten.

          Weil es sich um ein (umgekehrtes) Märchen handelt, sollte man die Wahrscheinlichkeitsfrage nicht zu hoch hängen. Dass Caths beste Freundin, die Ärztin Ally Sutton, im richtigen Moment als Schafzüchterin nach Neuseeland auswandert, um sich nie wieder zu melden, und dass Cath im Papierkorb just Allys Ausbildungsunterlagen findet, das darf so sein. Problematischer ist die erzählerische Balance: In der ersten Episode wird derart viel Handlung verfeuert, dass die beiden folgenden wie Wiederholungsschleifen wirken und bei rührseligen OP-Szenen und schmachtenden Romanzen an „Grey’s Anatomy“ erinnern.

          Erst die letzte Folge mit ihrem verstörend harten Finale bringt noch einmal eine spannende Wendung, weil die Protagonistin, die ihr quälendes Gewissen nicht mehr erträgt und von ihrem alten Leben eingeholt wird, zunehmend irrational agiert. Inzwischen aber haben sich Teile der Lüge zur eigenen Realität verdichtet, so dass Cath endgültig in der Klemme sitzt. Dass die Serie, die so kritisch wie glaubhaft die Zustände in unterbesetzten Krankenhäusern darstellt, es fertigbringt, eine Antwort auf die sich angesichts des Identitätsdiebstahls vier Stunden lang aufdrängende Moralfrage zu unterlaufen, erstaunt ein wenig, ist aber kein Manko. In Großbritannien ist das Fernsehen eben nur in Maßen eine Erziehungsanstalt (daher die besseren Filme). Jodie Whittaker, die eine so formidable Figur in diesem Doktorspiel abgibt, wird in der geplanten zweiten Staffel nicht mehr zu sehen sein. Das ist schade, aber erzählerisch richtig. Es könnte sonst nur mehr vom Gleichen geben (hierzulande die Essenz von Serien).

          Verrate mich nicht läuft in Doppelfolgen heute und nächsten Donnerstag um 20.15 Uhr auf Arte.

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