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Veronica Ferres im Interview : Diese Courage spiel' ich nicht!

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Veronica Ferres Bild: dpa

Aufwühlende Vertrauensfragen: Veronica Ferres erklärt, warum sie die Hauptrolle in Wilhelm Genazinos neuem Theaterstück „Courasche oder Gott laß nach“, das auf der Ruhr-Triennale Premiere haben sollte, abgesagt hat. Ein Gespräch über die Grenzen der Kunst.

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          Ende September sollte Veronica Ferres im Rahmen der Ruhr-Triennale die Hauptrolle in Wilhelm Genazinos Zwei-Personen-Stück „Courasche oder Gott laß nach“ spielen. Vor wenigen Tagen hat die Schauspielerin ihre Zusammenarbeit mit dem Festival aufgekündigt - das Stück lasse sich weder mit ihren Vorstellungen noch mit ihrer künstlerischen Integrität vereinbaren. Was sie zu diesem Schritt bewog, und wie sie nun ihr Verhältnis zum Intendanten Jürgen Flimm empfindet, erläutert sie hier.

          Was hat Sie so gegen den Text von Wilhelm Genazino aufgebracht?

          Aufgebracht hat mich dagegen nichts, ich sehe das sehr sachlich. Jürgen Flimm ist im vergangenen Dezember auf mich zugekommen und hat gesagt, er würde die „Mutter Courage“ in einer Neufassung schreiben lassen: Ob ich Lust hätte, die Rolle zu spielen? Das sei eine große Charakterrolle, ganz pur und erdig, nach der Urfassung von Grimmelshausen. Natürlich hatte ich Lust, ich habe sogar ein Filmprojekt in Amerika dafür sausenlassen. Ich habe gedacht, jetzt komme ich an den Punkt, wo ich diese intellektuelle Herausforderung auf der Bühne habe, auf die ich mich unendlich freue.

          Couragierte Schauspielerin

          Aber dann kam der Text.

          Ich war zutiefst erschrocken und enttäuscht von dem, was ich am 9. Juni zu lesen bekam. Nämlich einen vierzigseitigen Frauen-Monolog mit ordinärsten Ausdrucksformen. Drei Tage später teilte ich bereits der RuhrTriennale meine Bedenken mit. Um es deutlich zu sagen: Es geht ums „Ficken“, es geht seitenlang um „Sperma“ - und das von einer Frauenfigur, die zwar durch verschiedene Epochen wandert, die aber gar keine Entwicklung hat. Sie wird weder geläutert, noch scheitert sie, noch hat sie einen dramaturgischen Bogen. Ich habe einfach durch den Zeitdruck, den wir mit dem festgesetzten Premierentermin haben, nicht mehr die Chance gesehen, das ändern zu können.

          Eine Figur, die, wie man hört, in der Gegenwart, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und im Barock angesiedelt ist.

          Sie trägt vielleicht jeweils ein anderes Kostüm pro Akt. Im dritten Akt gibt es die Situation, wo sie einem Soldaten anbietet, ein kleines Mädchen sexuell vorzubereiten, damit er es vergewaltigen kann. Sie macht das, um sich einen Vorteil zu verschaffen, aber sie macht es, ohne daß sie dafür bestraft wird. Da sind für mich moralische Grenzen überschritten, da kann ich mich nicht hinstellen und mich dafür beklatschen lassen. Ich finde keinerlei Zugang dazu. Ich mag diese Frau nicht. Die Figur von Genazino hat kein Raffinement, sie erstickt in Selbstmitleid. Bei Grimmelshausen ist die Courage eine Landstörzerin, eine Zigeunerin, keine Hure. Jede Rolle von mir muß aber eine potentielle Schwester sein können. Ich könnte Hitler spielen, wie es Bruno Ganz gemacht hat, wenn Hitler eine Frau gewesen wäre, weil Ganz eine Entwicklung darstellt. Wenn ich aber eine solche Ideologie darstelle, ohne das Grauen aufzuzeigen, dann wird es für mich ethisch fragwürdig. Auf der Bühne wäre es für mich ein unüberwindbares Hindernis geworden. Von daher ist die Absage in Ordnung.

          Das klingt so, als fühlten Sie sich vom Autor und vom Intendanten der RuhrTriennale hintergangen?

          Die Absprachen waren ganz andere. Flimm hat im Jahr 2002 zu mir gesagt, als er mich als Buhlschaft zu den Salzburger Festspielen holte: Du muß etwas spielen, ganz weg von dem, wo dich phantasielose Menschen erst mal nur sehen, nämlich in der Sinnlichkeit der rein erotischen Ausstrahlung. Du mußt etwas spielen, wo du zu einer ganz puren Charakterrolle kommst, wo du im Dreck wühlst. Ich habe das in meinem Tagebuch festgehalten und jetzt nachgelesen. Diese Gespräche im Salzburger Cafe Tomaselli waren die Basis für unsere Zusammenarbeit. Wenn Sie dann so ein Stück wie das von Genazino bekommen, ist das ein Schock. Ich komme mir ein wenig vor wie die Figur im Stück - die Männer bestimmen: Friß oder stirb, du mußt die Beine breit machen.

          Haben Sie mit Jürgen Flimm darüber geredet?

          Ich habe ihn angerufen, er brauchte dann zehn Tage, um das Stück zu lesen. Ich war sehr erstaunt über die Reaktion, als ich merkte, daß vom Chefdramaturgen, von der Regisseurin Stephanie Mohr und von seiten der künstlerischen Leitung der RuhrTriennale höchste Begeisterung über das Stück herrschte. Das hat mich natürlich noch mehr entfremdet. Wenn man als Autor mit einem Text eine so extreme Richtung einschlägt, muß man den Schauspieler mit einbeziehen. Ich habe zweimal die Regisseurin getroffen, Jürgen Flimm zwischen Dezember und Juli mehrmals gesprochen und getroffen, und es ging nie in diese Huren-Richtung. Ich frage mich, was in einem Autor wie Wilhelm Genazino vorgeht, der sagt, er hätte mir die Rolle auf den Leib geschrieben. Wie soll ich das bitte verstehen? Das wurde mir auch so nicht kommuniziert.

          Kennen Sie Wilhelm Genazino?

          Ich habe ihn persönlich nicht kennengelernt. Ich wundere mich, daß er jetzt in der Presse sagt, er hätte das Stück für mich geschrieben. Warum hat er nicht einmal gesagt, er möchte mich kennenlernen, um meiner Person gerecht zu werden - und nicht einem Abziehbild, das er sich wo auch immer herholt? Seinen Roman „Die Liebesblödigkeit“ habe ich verschlungen, ich war begeistert von der Zartheit dieser Prosa. Flimm hat gesagt: In diese poetische Richtung wird auch das Stück gehen. Leider ist es mir anwaltlich verboten worden, öffentlich aus dem Stück zu zitieren.

          Aber Jürgen Flimm scheint das Stück trotzdem zu gefallen.

          Er schreibt mir, er finde Akt eins und zwei exzellent und brillant. Er hat mir gesagt, ich solle mit der Regisseurin die schlimmsten Kraftausdrücke streichen. Aber ich bin kein Autor, ich kann mit Streichungen nicht einen Bogen im Stück erzeugen. Wenn Flimm immer so schön über Genazino sagt „der Büchner-Preisträger“, rechtfertigt das nicht, daß man von einem Büchner-Preisträger alles spielen muß. Ich bin auch Grimme-Preisträgerin in Gold und mache auch Fehler.

          Flimm wirft Ihnen Eitelkeit vor: Er könne Ihre Motive nicht nachvollziehen.

          Ich habe in vielen Rollen gezeigt, daß ich Mut zur Häßlichkeit habe. Aber es kommt immer auf die Qualität der Sachen an. Ob ich eine Kindsmörderin Medea spiele, eine Lady Macbeth, die Mord in Auftrag gibt, oder ein Gretchen, das ein Kind umbringt - jederzeit und immer, wenn es dramaturgisch erforderlich und gut umgesetzt ist.

          Und wenn Sie sich irren und einen künftigen Klassiker abgelehnt haben?

          Das mag ja sein, dann möge es jemand anderer spielen. Aber ich nicht!

          Das Stück ist angeblich nicht fertig.

          Wie soll man denn mit einer so geschriebenen Aussage umgehen? Flimm hat mir teilweise recht gegeben und gesagt, er werde den dritten Akt umschreiben. Ein Theaterstück ist für mich wie die Bibel. Ich empfinde mich als Geschichtenerzählerin, ich stelle mich in den Dienst der Geschichte. Wenn diese mich entfremdet, muß ich gehen.

          Hätten Sie sich nicht zu dritt zusammensetzen müssen, um alles zu klären?

          Hier liegt eine dicke Mappe mit Briefen und Faxen, mit denen ich Jürgen Flimm meine Beweggründe dargelegt habe. Es enttäuscht mich sehr, wenn er das nicht versteht: Unter diesem Zeitdruck - in fünf Wochen ist Probenbeginn, in neun Wochen ist Premiere - kann das Stück nicht umgeschrieben werden. Ich denke, es ist einfach nur professionell, einen Schlußstrich zu ziehen, um schnellstmöglich und rechtzeitig umbesetzen oder ein Ersatzprogramm suchen zu können.

          Wie nachhaltig ist Ihr Verhältnis zu Flimm durch Ihre Absage beschädigt?

          Ich bin als junge Schauspielerin von München nach Hamburg getrampt, um seine Inszenierungen sehen zu können. Jahre später saß er bei mir in der Küche und hat gesagt: Du mußt mir vertrauen. Was hätte ich denn tun sollen? Ich schätze ihn nach wie vor sehr, habe großen Respekt vor seinem Lebenswerk. Aber hier liegen wir weit auseinander. Wenn das sein Bild von der Courage ist, na ja, meines ist es mit Sicherheit nicht.

          Das klingt, als vermuteten Sie dahinter ein gewisses Kalkül?

          Vielleicht geht es darum, meine Popularität als Verkaufsmagnet einzusetzen - aber dafür lasse ich mich nicht benutzen. Vielleicht dachten sie, ich habe nicht den Mut, in dieser Situation abzusagen. Ich bin sehr enttäuscht und fühle mich ausgenutzt. Ich habe seit zehn Jahren das Glück und die Gnade, daß ich Rollen spielen darf, die ein moralisches und gesellschaftliches Anliegen haben. Sender und Produzenten haben zu mir Vertrauen. Ich sehe das als Glück an, mir die Rollen aussuchen zu können, aber auch als eine Verantwortung. Was hier geschehen ist, ist ein gnadenloser Überraschungsfeldzug. Und der hat mich mitten ins Herz getroffen, das tut sehr weh. Flimm hat mir schriftlich mitgeteilt, daß es keinerlei Berührungspunkte mehr geben wird in unserem Leben. Kritikfähigkeit habe ich mir anders vorgestellt - schade.

          Was hätten Sie im nachhinein anders machen wollen?

          Man kann mir vorwerfen, daß ich Jürgen Flimm blind vertraut habe. Er kennt meine künstlerische Entwicklung, er weiß, wo ich hinwill, um so weniger verstehe ich seine Motive. Man hat gesagt, Werbeverpflichtungen. Das ist Nonsens. Ich bin mündig genug, unabhängige Entscheidungen zu treffen.

          Wo sind Ihre Grenzen am Theater?

          Das ist immer eine Frage des literarischen Niveaus. Wenn ich mich von einem Regisseur verstanden und geführt fühle, dann gibt es nur wenig Grenzen.

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