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Veronica Ferres im Interview : Diese Courage spiel' ich nicht!

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Ich habe in vielen Rollen gezeigt, daß ich Mut zur Häßlichkeit habe. Aber es kommt immer auf die Qualität der Sachen an. Ob ich eine Kindsmörderin Medea spiele, eine Lady Macbeth, die Mord in Auftrag gibt, oder ein Gretchen, das ein Kind umbringt - jederzeit und immer, wenn es dramaturgisch erforderlich und gut umgesetzt ist.

Und wenn Sie sich irren und einen künftigen Klassiker abgelehnt haben?

Das mag ja sein, dann möge es jemand anderer spielen. Aber ich nicht!

Das Stück ist angeblich nicht fertig.

Wie soll man denn mit einer so geschriebenen Aussage umgehen? Flimm hat mir teilweise recht gegeben und gesagt, er werde den dritten Akt umschreiben. Ein Theaterstück ist für mich wie die Bibel. Ich empfinde mich als Geschichtenerzählerin, ich stelle mich in den Dienst der Geschichte. Wenn diese mich entfremdet, muß ich gehen.

Hätten Sie sich nicht zu dritt zusammensetzen müssen, um alles zu klären?

Hier liegt eine dicke Mappe mit Briefen und Faxen, mit denen ich Jürgen Flimm meine Beweggründe dargelegt habe. Es enttäuscht mich sehr, wenn er das nicht versteht: Unter diesem Zeitdruck - in fünf Wochen ist Probenbeginn, in neun Wochen ist Premiere - kann das Stück nicht umgeschrieben werden. Ich denke, es ist einfach nur professionell, einen Schlußstrich zu ziehen, um schnellstmöglich und rechtzeitig umbesetzen oder ein Ersatzprogramm suchen zu können.

Wie nachhaltig ist Ihr Verhältnis zu Flimm durch Ihre Absage beschädigt?

Ich bin als junge Schauspielerin von München nach Hamburg getrampt, um seine Inszenierungen sehen zu können. Jahre später saß er bei mir in der Küche und hat gesagt: Du mußt mir vertrauen. Was hätte ich denn tun sollen? Ich schätze ihn nach wie vor sehr, habe großen Respekt vor seinem Lebenswerk. Aber hier liegen wir weit auseinander. Wenn das sein Bild von der Courage ist, na ja, meines ist es mit Sicherheit nicht.

Das klingt, als vermuteten Sie dahinter ein gewisses Kalkül?

Vielleicht geht es darum, meine Popularität als Verkaufsmagnet einzusetzen - aber dafür lasse ich mich nicht benutzen. Vielleicht dachten sie, ich habe nicht den Mut, in dieser Situation abzusagen. Ich bin sehr enttäuscht und fühle mich ausgenutzt. Ich habe seit zehn Jahren das Glück und die Gnade, daß ich Rollen spielen darf, die ein moralisches und gesellschaftliches Anliegen haben. Sender und Produzenten haben zu mir Vertrauen. Ich sehe das als Glück an, mir die Rollen aussuchen zu können, aber auch als eine Verantwortung. Was hier geschehen ist, ist ein gnadenloser Überraschungsfeldzug. Und der hat mich mitten ins Herz getroffen, das tut sehr weh. Flimm hat mir schriftlich mitgeteilt, daß es keinerlei Berührungspunkte mehr geben wird in unserem Leben. Kritikfähigkeit habe ich mir anders vorgestellt - schade.

Was hätten Sie im nachhinein anders machen wollen?

Man kann mir vorwerfen, daß ich Jürgen Flimm blind vertraut habe. Er kennt meine künstlerische Entwicklung, er weiß, wo ich hinwill, um so weniger verstehe ich seine Motive. Man hat gesagt, Werbeverpflichtungen. Das ist Nonsens. Ich bin mündig genug, unabhängige Entscheidungen zu treffen.

Wo sind Ihre Grenzen am Theater?

Das ist immer eine Frage des literarischen Niveaus. Wenn ich mich von einem Regisseur verstanden und geführt fühle, dann gibt es nur wenig Grenzen.

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