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Marcel Reich-Ranicki zum 100. : Professori Marselij Rikas-Rannikken

Als Herr Karasek einmal den Lockvogel gab: Hier allerdings ordnungsgemäß beim „Literarischen Quartett“. Bild: Picture-Alliance

Marcel Reich-Ranicki ließ sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Nicht einmal angesichts einer finnischen Tankstelle mitten in Oberbayern – eine seiner größten Rollen.

          3 Min.

          Es ist zehn Uhr nachts, ein Auto fährt über eine einsame Landstraße irgendwo in Oberbayern. Sphärische Klänge sind zu hören, Lichter flirren, und Nebel, wohin man schaut. Im Fond der Limousine sitzt Marcel Reich-Ranicki, der sich angeregt mit Hellmuth Karasek unterhält. Die Rollen im Auto sind an jenem Abend ähnlich verteilt wie sonst im „Literarischen Quartett“, der Fernsehsendung, in der die beiden zu jener Zeit mitwirken. Reich-Ranicki redet, emphatisch, energisch, mit der Hand fuchtelnd, während Karasek neben ihm lauscht und verdruckst lächelt.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Reich-Ranicki hat soeben einen Vortrag zur Rolle der Literaturkritik in München gehalten und befindet sich auf dem Heimweg nach Frankfurt, als sich 1996 diese Begegnung der dritten Art, nur für ihn inszeniert, ereignet. Vor den Augen des damals sechsundsiebzigjährigen Chef-Literaturkritikers verwandelt sich dank versteckter Nebelmaschinen und allerlei Filmscheinwerfer die Landschaft, durch die er fährt, in eine Szenerie, wie sie Steven Spielberg nicht unheimlicher hätte entwerfen können.

          Die immer geisterhaftere Stimmung lässt das Gespräch der beiden Herren allmählich verstummen. „Es ist neblig“, murmelt Karasek nach einer Pause. „Es wird immer nebliger“, fügt Reich-Ranicki an. Beide schauen aus dem Fenster. Nun macht auch das Auto seltsame Geräusche, und ein greller Lichtkegel ist vor der Windschutzscheibe zu sehen. „Eigenartig“, sagt Karasek. Reich-Ranicki schweigt. Erst als ein Straßenschild mit dem Schriftzug „Helsinki 119“ auftaucht, entfährt es ihm: „Helsinki? Was heißt Helsinki 119?! Sag mal, gibt es in Bayern einen Ort namens Helsinki?“

          Verloren in Finnland

          Das Warnschild vor kreuzenden Elchen nehmen sie da schon nicht mehr wahr, denn der Chauffeur steuert die kleine Seilschaft nun zu einer Tankstelle, die am Wegesrand liegt. Als die beiden Männer den hellen Kassenraum betreten, kommen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus, wobei in Wahrheit natürlich nur einer staunt: Alles hier ist finnisch! Die Lebensmittel und das Bier in den Regalen, die Poster an der Wand und die großen Preistafeln. Und als wäre das nicht genug, spricht auch die Kassiererin mit den weißblonden Haaren ganz offensichtlich – finnisch.

          Die Miene von Marcel Reich-Ranicki, der sich inzwischen an einen Stehtisch angelehnt hat, bleibt zunächst regungslos. Die lärmenden „Finnen“ beobachtet er mit einer Mischung aus Irritation und Neugierde. Erschrocken ist er nicht, aber es ist ihm anzusehen, wie er mit aller Kraft versucht zu begreifen: Wie kann das sein, was nicht sein darf? Sollte er sich denn nicht mehr in Bayern befinden, sondern urplötzlich Tausende Kilometer entfernt irgendwo in der finnischen Prärie? So jedenfalls beteuern es in radebrechendem Deutsch die Männer in den Norwegerpullis um ihn herum.

          „Verloren in Finnland“ mit der versteckten Kamera und Marcel Reich-Ranicki als ahnungslosem Hauptdarsteller ist eine der Sternstunden deutscher Fernsehgeschichte, vergleichbar nur noch mit Reinhold Messners Extremerfahrung, als er bei der Besteigung des Matterhorns 1988 einen Kiosk vorfand. Die neunminütige Episode mit Marcel Reich-Ranicki, die sich anzuschauen unbedingt lohnt, erzählt zugleich aber auch viel über die Verfasstheit der Ausnahmeerscheinung MRR. So unfassbar cool reagiert Reich-Ranicki da auf das Unerklärliche, so nervenstark und unerschrocken stellt er sich der verrätselten Welt entgegen, und nach einer Weile ist er dann sogar amüsiert ob des Unwahrscheinlichen.

          Zu einer solch verblüffend gelassenen Reaktion kann wohl nur jemand imstande sein, der durch die harte Schule der Fiktion gegangen ist. Die Grenzen der Phantasie jedenfalls kann ein Geist wie dieser erstaunlich weit und unorthodox fassen. Und so nimmt es nicht wunder, dass der Extremleser Reich-Ranicki sich hier noch begeistern kann über die finnische Ausgabe eines Thomas-Mann-Romans, den er im Drehständer entdeckt. Nicht viele hätten in vergleichbarer Situation dafür noch den Sinn gehabt. Reich-Ranicki hingegen scheint von einem bestimmten Moment an sogar bereit zu sein, die Fiktion der finnischen Tankstelle als solche anzuerkennen, obwohl er sie nicht versteht. „Kafka!“, spottet er, womit zugleich nichts gesagt und alles erklärt ist.

          Während der Kritiker noch grübelt, kreuzen immer mehr Leute in der Tankstelle auf: finnische Polizisten und ein Mann im Pelz, dessen Schlittenhunde vor der Türe jaulen. Der Höhepunkt aber ist ein Typ mit lilafarbener Zipfelmütze, der aus dem Kühlfach einen öligen, in Zeitungspapier gewickelten Fisch holt. Nicht etwa, um ihn zu verspeisen, sondern um dem Fremden die Zeitung zu zeigen. Und als Marcel Reich-Ranicki auf der Titelseite sein Foto entdeckt und die Headline darunter entziffert – „Gyntteri Grassinen vastaan professori Marselij Rikas-Rannikken“ –, ruft er Hellmuth Karasek prompt zu: „Das bin ja ich!“ Jetzt hat der Verblüffte seine Sprache wiedergefunden und sich selbst gleich noch dazu. Der Rest ist Literaturgeschichte.

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