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Verkürztes „heute-journal“ : Lückenfüller zum Bierholen

  • -Aktualisiert am

Wirbt momentan lieber für ihren Südamerika-Reisefilm: „heute-journal“-Moderatorin Marietta Slomka. Bild: Eilmes, Wolfgang

Das „heute-journal“ ist zu einer Express-Halbzeit-Sendung zwischen den WM-Spielen degradiert worden - auch wenn das ZDF selbst gar nicht aus Brasilien überträgt. Der Sender macht sich so zum Sklaven des Fußballs.

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          Viel ist nicht übrig vom „heute-journal“. An Tagen, an denen das ZDF WM-Spiele überträgt, schrumpft die Sendung auf eine Kurzausgabe zusammen. Und an Tagen, an denen die ARD WM-Spiele überträgt – auch. Wenn das ZDF Fußball-Dienst hat (am Donnerstag mit 27,25 Millionen Zuschauern beim Spiel der Deutschen gegen die Vereinigten Staaten), wird aus dem „heute-journal“ ein Halbzeit-Journal, neun Minuten kurz, aber dank der Plazierung als dünne Nachrichtenscheibe in einem heißbegehrten Fußball-Sandwich mit phänomenalen Quoten. Einen Marktanteil von 56,5 Prozent erreichte die Sendung in der Mitte des Spiels Brasilien gegen Kroatien; 14,6 Millionen Menschen sahen diese Ausgabe – wobei: Wie viele sie tatsächlich sahen und nicht einfach den Fernseher laufen ließen, während sie auf Toilette gingen oder sich ein neues Bier holten, ist natürlich nicht bekannt.

          Aus den Werten lassen sich Erfolgsmeldungen mit eindrucksvollen Durchschnittszahlen machen. Und das ZDF glaubt, dass die Bestwerte für die Mini-Journale auch einen längerfristigen positiven Effekt haben. Die WM biete die Möglichkeit, das „heute-journal“ auf diese Weise „besonders ins Schaufenster zu stellen“, erläutert ein Sendersprecher, „wovon die Sendung profitiert, sobald sie nach der WM zur Regelsendezeit zurückkehrt“. Erstaunlicherweise nimmt sich der Sender aber nicht einmal an den Tagen, an denen die ARD die WM überträgt, die übliche halbe Stunde für das „heute-journal“. Wenn um 22 Uhr Anpfiff im Ersten ist, endet damit auch die Nachrichtensendung im ZDF vorzeitig nach knapp fünfzehn Minuten Länge. „Während einer WM ist die Seherwartung des Publikums stark auf Sport orientiert, die Programmabläufe sind darauf jeweils abgestellt“, erklärt der Sender.

          Eine Kapitulation vor der Logik der Quotenoptimierung

          Ziel des ZDF sei es, das „heute-journal“ „so zu plazieren, dass die Inhalte der Sendung dennoch möglichst viele Zuschauer erreichen“. Das bedeute: mit „möglichst wenigen Überlappungen mit den Spielen in der ARD, da sonst zu viele Zuschauer verlorengingen“. Angesichts der vielen Millionen, die sich die Fußballspiele im Fernsehen angucken, hätte ein „heute-journal“, das zur Hälfte parallel zu einer WM-Übertragung läuft, im Schnitt vermutlich tatsächlich deutlich weniger Zuschauer. Es hätte aber auch doppelt so viel Inhalt.

          Die Verkürzung ist insofern nicht nur eine Kapitulation der Nachrichten vor der Dominanz des Fußballs, sondern auch vor der Logik der Quotenoptimierung. Sonst würde das ZDF an den übertragungsfreien Tagen eine Alternative zum Fußball bieten: ein „heute-journal“ in gewohnter Ausführlichkeit, als Kontrast zu den Neun-Minuten-Quickies an den Tagen davor und danach und als Dienstleistung für Beitragszahler, die sich noch für andere Nachrichten interessieren als die Spielergebnisse in Brasilien. Andererseits scheinen der Redaktion selbst die fünfzehn Minuten zu lang zu sein, um sie mit Nachrichten zu füllen. Sowohl am Montag als auch am Mittwoch dieser Woche knappste sie von der reduzierten Länge noch etwas ab, um mit Ausschnitten aus Marietta Slomkas Südamerika-Reisefilm für deren ZDF-Zweiteiler „Zwischen Anden und Amazonien“ zu werben.

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