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Angeblicher Facebook-Skandal : Stimmt die Story von der Frau, die ihre Eltern verklagt?

Man hätte schon gerne unter Kontrolle, welche Bilder es von einem bei Facebook gibt. Ob man dafür aber auch die eigenen Eltern verklagen muss? Bild: dpa

Die österreichische Zeitschrift „Die ganze Woche“ berichtet von einer Achtzehnjährigen, die ihre Eltern wegen Familien-Bildern auf Facebook verklagt. Das Gericht weiß davon nichts. Was sagt der Chefredakteur?

          2 Min.

          Das Internet wird von manchen Menschen noch immer verteufelt. Dabei ist es natürlich weder schlechter noch besser als die wirkliche Welt, es macht nur das Gute wie das Schlechte sichtbarer. Facebook zum Beispiel: tolle Sache, für viele unentbehrlich und gerade deshalb natürlich auch richtig schlimm – Zeitfresser, Süchtigmacher, Datensammler. Und Privatsphäre-Killer, zum Beispiel im Fall von Anna Maier: Seit 2009, schreibt die Wiener Zeitschrift „Die ganze Woche“, haben die Eltern der heute achtzehn Jahre jungen Schülerin Kinder- und auch Babyfotos von ihr ins Netz gestellt, „ein schönes Familienalbum“, wie ihr Vater sagt, für die 700 Facebook-Freunde. Nur Anna selbst hat keine Freude daran. „Sie kannten keine Scham und keine Grenze“, klagt sie. „Sie haben mich nie gefragt, ob mir das recht sei.“ Nun, mit achtzehn, hat sie ihre uneinsichtigen Eltern verklagt.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Konflikte wie diesen mag es in zahlreichen Familien geben, nur selten aber landen sie vor Gericht. Kein Wunder also, dass Annas Geschichte sich rasant im Internet verbreitete. „Stern.de“ brachte sie am Dienstag ganz groß, aber auch die Websites von „Bild“, „Welt“, „Focus“, BR und vielen weiteren Medien griffen sie auf, stets mit Verweis auf „Die ganze Woche“. Am Donnerstag hatte es die Story als „Streiflicht“-Thema auf die Titelseite der „Süddeutschen Zeitung“ geschafft.

          „Vor dem Internet war alles besser“

          Eine solche Breitenwirkung erzielt „Die ganze Woche“ nicht häufig. Trotz seiner Auflagenstärke gilt das Blatt, beliebt besonders für seinen umfangreichen Fernsehprogrammteil, als publizistisches Leichtgewicht; seine Leserschaft ist eher älter, eher weiblich, trägt in der Mehrzahl eher keinen Professorentitel und ist vermutlich nicht sehr internetaffin. Als die „Zeit“ dem Heft im Januar 2014 ein Porträt widmete, zitierte sie die Überschrift eines Interviews mit dem Schauspieler Daniel Brühl: „Vor dem Internet war alles besser.“ Von daher scheint die Facebook-kritische Story über die Leiden der jungen Anna perfekt ins Blatt zu passen.

          Anderes passt nicht ganz so gut. Anna, deren Namen „Die ganze Woche“ geändert haben will, stammt angeblich aus Kärnten, allerdings ist beim Landesgericht Klagenfurt, das in Kärnten für derartige Fälle zuständig wäre, nichts von einer Klage bekannt – obgleich „Die ganze Woche“ schreibt, voraussichtlich im November müsse sich der Vater vor Gericht verantworten. „Wir haben mit dem Fall nichts zu tun. Wir kennen das Mädchen nicht“, sagt auch der Wiener Medienanwalt Peter Zöchbauer, dessen Mitstreiter Daniel Bauer von der „Ganzen Woche“ zitiert worden war; allerdings sei er von der Zeitschrift nur ganz allgemein zu dem Thema befragt worden, erst am Ende des Gesprächs sei ihm mitgeteilt worden, dass es da einen konkreten Fall gebe. Und noch anderes ist verwirrend: Warum zum Beispiel beklagt sich die junge Frau über Kinderfotos, die sie nackt zeigten, welche nach den Facebook-Richtlinien umgehend gelöscht werden müssten?

          Gibt es eine Klage? Gibt es Anna Maier?

          Gibt es also tatsächlich eine Klage? Und gibt es Anna Maier? Am Donnerstag haben wir bei der „Ganzen Woche“ angefragt, am Nachmittag erreicht uns eine Mail ihres Chefredakteurs Burkhard Trummer. „Das Mädchen möchte keinen Kontakt mehr zu anderen Medien haben“, schreibt er. „Wir haben selbst mit allen Beteiligten gesprochen, so wie es in unserem Bericht steht.“ Er fügt hinzu: „Die Geschichte STIMMT.“ Beweise indes liefert er keine, und die Antwort auf die Frage, bei welchem Gericht die vermeintliche Klage nun eingereicht worden sei, bleibt er schuldig.

          Das ist eben das Gute wie auch das Schlechte am Internet: Es macht Dinge sichtbar. Auch Geschichten, die ihre Schöpfer eigentlich nicht so groß werden lassen wollten.

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