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Pressefreiheit in der Türkei : Wer Erdogan nicht huldigt, wird mundtot gemacht

Selcuk, der starke Mann der Zeitung, verstand die liberalen, sozialdemokratischen Ansichten Alpays nicht, lehnte sie ab. Er drängte den jungen Intellektuellen an den Rand und griff ihn ständig an. Es seien seine unglücklichsten Berufsjahre gewesen, sagt Alpay im Rückblick. Als Selcuk, der aus dem Beton eines Altkemalisten gegossen war, 1992 den Machtkampf gegen Cemal gewann, wurde der Liberale Alpay aus der Redaktion gemobbt, die vorgab, doch Atatürks Erbe zu verwalten.

Es folgte ein Abstecher in die Politik und nach Ankara. Mit acht Monaten blieb der Ausflug kurz. Deniz Baykal, der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei (CHP) hatte den promovierten Politikwissenschaftler als Berater angeworben. Baykal aber, beratungsresistent wie die meisten türkischen Politiker, wusste auch damals alles selbst, so dass Alpay das Handtuch warf und nach Istanbul und zum Journalismus zurückkehrte. Die Zeitung „Sabah“, damals noch unabhängig, bot ihm eine tägliche Seite mit dem Titel „der intellektuelle Blick“ (entellektuel bakis) an, mit eigenen Artikeln und Interviews zu aktuellen Entwicklungen.

Ein Angebot, das er ablehnte

Zum ersten Mal war eine der vielen Wirtschaftskrisen der Grund für das Aus. „Sabah“ geriet 1994 in finanzielle Schieflage, musste sparen und strich Alpays offenbar zu anspruchsvolle Seite. Da bot ihm der Medienkonzern von Aydin Dogan an, die Seite bei „Milliyet“ fortzusetzen. Sie prägte über viele Jahre den öffentlichen Diskurs der Türkei, es waren Alpays beste Jahre. Der neu gegründete Nachrichtensender CNN Türk, der ebenfalls zu Aydin Dogans Imperium gehört, bot ihm eine weitere Plattform.

In dieser Zeit hatte der türkische Geheimdienst Alpay wegen dessen angeblich prokurdischer Berichterstattung wiederholt gewarnt, eingegriffen haben dieser oder das Militär aber nie. 2001 war es wieder eine Wirtschaftskrise, die Alpays Tätigkeit bei „Milliyet“ beendete. Aydin Dogan bestellte Mehmet Yilmaz zum Chefredakteur und Sanierer von „Milliyet“, und der wollte für die Zeitung neue Gesichter.

Alpay übernahm im April 2001 eine Professur für Politikwissenschaft an der noch jungen Istanbuler Bahcesehir-Universität. Im Jahr darauf warb ihn die Zeitung „Zaman“ an. Alpay erkannte bald, dass er bei keiner früheren Zeitung so frei hatte schreiben können wie bei dem Flaggschiff der Medien, die Gülen nahestehen. In seinen Kolumnen kommentierte der Agnostiker mit Sympathie die Reformen der AKP-Regierung und die Ausrichtung ihrer Außenpolitik nach Europa; kritisch setzte er sich mit der politischen Rolle der türkischen Armee auseinander. In diese Phase fällt das Angebot der AKP, für sie zu kandidieren, das Alpay ablehnte.

„Das Zentrum der Terrororganisation“

Im Februar 2011 schrieb er erstmals über Erdogans zunehmend autoritäres Gebaren und die ersten Ansätze, die Gewaltenteilung auszuhebeln. Seine Kritik wurde mit der Niederschlagung der Gezi-Proteste im Sommer 2013 schärfer. Immer öfter bezeichnete Alpay Erdogan als einen „Islamo-Kemalisten“. Der dünnhäutige Erdogan war über Alpays Kritik so erzürnt, dass er 2015 von der Bahcesehir-Universität die Entlassung Alpays forderte und dabei gesagt haben soll: „Weshalb beschäftigt ihr diesen Ungläubigen?“

Als der Staat die Zeitung „Zaman“ übernahm und sie als Huldigungsorgan für Erdogan irrelevant wurde, hatte die Redaktion für den Fall der Schließung mit „Yarina Bakis“ bereits ein Nachfolgeblatt vorbereitet, um so ein Zeichen zu setzen, dass sie nicht tot sei. Der psychische Druck stieg aber auf alles, was mit der Gülen-Bewegung in Zusammenhang gebracht wurde. Abdurrahman Dilipak, einer der Hardline-Islamisten und Berater der Sicherheitsfirma Sadat, eines „islamistischen Blackwater“, drohte allen Gülen-Anhängern, sie würden gelyncht, sollten sie sich auf der Straße sehen lassen.

Noch vor dem 15. Juli hatte der Staat der Druckerei untersagt, „Yarina Bakis“ weiter zu drucken, so dass sie nur noch im Internet lebte. In Deutschland druckt „Zaman“ weiter täglich eine Zeitung, wenn auch unter schwierigen Bedingungen. Kurz nach dem gescheiterten Putsch zeigte das Huldigungsorgan „Sabah“ auf der Titelseite das Verlagsgebäude von „Zaman“ in Offenbach und entblödete sich nicht zu titeln: „Das Zentrum der Terrororganisation“. Der liberale Intellektuelle Sahin Alpay war, so die Propagandamaschine, Teil dieser „Terrororganisation“ und wurde daher festgenommen.

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