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Das Videospiel „A Happy Few“ : Vergiss nicht, die Wahrheitspille zu nehmen

Sperrstunde im Zwielicht: Wer sich nach 22 Uhr auf den Straßen von Wellington Wells herumtreibt, bekommt es mit rauflustigen Ordnungshütern zu tun. Bild: Compulsion Games

Dröhne, neue Welt: Im finster-grellen Videospiel „We Happy Few“ flieht der Spieler aus einem totalitären Regime, das an die Dystopien der sechziger Jahre erinnert. Und wird dabei mit sehr gegenwärtigen Fragen konfrontiert.

          Wenn der Hund entwurmt werden muss, dann verabreicht ihm Herrchen eine Pille. Die schmeckt dem Hund nicht. Deshalb versteckt der clevere Herr die Pille in einem Stück grober Mettwurst. Auf dass der Hund die Pille schluckt, damit die Würmer ausgetrieben werden – und, da Darm und Verdauung einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Psyche aller Lebewesen haben, vielleicht ja gleich auch ein paar Grillen mit ihnen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          In dem Videospiel „We Happy Few“ spielen zartrosa Pillen eine zentrale Rolle. Nicht für die Hunde, die wurden allesamt gegessen, sondern für den Menschen. Sie werden nicht in Mettwurst versteckt, sind aber in den Fürst-Pückler-Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade und Erdbeer erhältlich. Ihr Name ist „Joy“, Freude, und die Menschen in der britischen Stadt Wellington Wells sind dazu angehalten, stets darauf zu achten, ihre „Freude“ zu nehmen, „sich anzuziehen, um zu beeindrucken“ – vornehmlich im Mary-Quant-Stil und unter Zuhilfenahme glattweißer Masken, die einem ein Lächeln ins Gesicht meißeln. Und sie sollen „zuvorkommend und höflich“ sein.

          Aus Weinen und Wimmern wird fröhliches Gelächter

          So auch der schlaksige Arthur Hastings, der trotz seines nach Camelot und englischer Niederlage klingenden Namens, als Redakteur beim „Ministerium für Druck, Recycling und Archive“ arbeitet und mit seiner Hornbrille wirkt wie eine jüngere, größere Version von Woody Allen. Er macht exakt das, was Winston Smith in George Orwells „1984“ im „Ministerium für Wahrheit“ tat: Er genehmigt oder schwärzt alte Zeitungsartikel, die via Rohrpostkapsel auf seinem Schreibtisch landen. Er ist der klassische Antiheld, eine seiner herausragenden Fähigkeiten ist, sehr schnell zu rennen.

          Die Parallele zu Orwell ist so absichtlich wie all die anderen dystopischen Stoffe der sechziger und siebziger Jahre, an denen sich „We Happy Few“ fast schon im Übermaß abarbeitet: darunter „A Clockwork Orange“ (visuell nach Stanley Kubricks Film von 1971, inhaltlich eher nach Anthony Burgess’ Romanvorlage), Aldous Huxleys „Brave New World“, Philip K. Dicks „The Man in the High Castle“ und vor allem, in musikalischer Hinsicht, Terry Gilliams genial-teuflisch-anarchische Komödie „Brazil“.

          Die Straßen bunt, die Polizisten freundlich: Durch die Pillen-Brille sieht gleich alles viel verträglicher aus.

          Die Freude verheißende Wunderdroge, durch die das Sichtfeld des Spielers, der Arthur aus der Ich-Perspektive steuert, einen grell-fröhlichen Anstrich bekommt, sorgt neben flächendeckender Halluzination – nicht selten Schmetterlinge, aus Weinen und Wimmern wird fröhliches Gelächter – dafür, dass die Bewohner von Wellington Wells ihre Vergangenheit vergessen. Die ersten Anhaltspunkte für das, was wirklich passiert ist, bekommt der Spieler durch eigenhändig zu zensierende Zeitungsartikel, eingefasst von üppigen Propaganda- und Werbeanzeigen, die zum Aufruf „Grabt weiter – für den Sieg über den Kommunismus“ einen Gemüsekorb abbilden. Oder sie werben für „Duke of Clarence Malmsey Soda“, mit dem sich „der schwarze Hund ertränken“ lässt. Und wer keine „Milch mehr hat“, der gibt den Kindern eine sprudelnde Flasche „Cheshire’s Curiosity Pop“ („Gut!“) oder eben Schlachtabfälle – und zwar so viel, „wie ihr Kind wiegt“.

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