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Verfemt : Das Fernsehen im Dopingsumpf

Nicht nur Gesprächs-Partner: Hagen Boßdorf und Jan Ullrich Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Doping-Aufklärer von heute sind die Leugner von gestern. Es gibt nicht wenige Sportjournalisten, deren Karriere darauf gründet, dass sie jemanden wie Jan Ullrich zur Lichtgestalt hoch gesendet haben. Von Michael Hanfeld.

          2 Min.

          Die Doping-Aufklärer von heute sind die Leugner von gestern. Was man dieser Tage bei ARD und ZDF zu sehen bekommt, macht einen schwindlig. Die Moderatoren überbieten einander geradezu, Abscheu und Verachtung auszudrücken gegenüber einer Praxis, vor der sie ein ganzes Jahrzehnt lang die Augen verschlossen haben.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bevor wir am Donnerstag Rolf Aldag lässig erzählen sahen, wie er mit dem Doping begonnen hat, und Erik Zabel schluchzte, schauten uns Figuren an wie Dieter Poschmann im ZDF und Michael Antwerpes in der ARD, die im Inquisitorenton die Pressekonferenz des Teams T-Mobile ankündigten. Die haben ja alle gedopt! Welch eine Enttäuschung, welch ein Skandal! Die Mär vom sauberen Sport - alles Lüge! Wer hätte das nur gedacht? Sie alle haben es gedacht, geahnt, gewusst oder billigend in Kauf genommen. Sie haben die Heroen geschaffen, deren Untergang sie nun genauso lustvoll begleiten wie zuvor deren Aufstieg.

          Die Öffentlich-Rechtlichen sind ein Teil des Problems

          Es gibt nicht wenige Sportjournalisten, deren Karriere darauf gründet, dass sie jemanden wie Jan Ullrich zur Lichtgestalt hoch gesendet haben. Die Intendanten gaben ihm den passenden Mitarbeitervertrag dazu, rund 200.000 Euro bekam er von 1999 an von der ARD; 2003 wurde sein Kontrakt noch einmal verlängert, obwohl er zuvor des Dopings überführt worden war. Man wolle ihm eine zweite Chance geben, hieß es damals und hieß es vor ein paar Monaten, als die Verabredung ans Licht kam.

          Richtig gelesen hatte den Vertrag angeblich keiner. Warum auch? Es galt schließlich der Satz des wegen seiner Stasi-Kontakte geschassten Sportkoordinators Hagen Boßdorf: Wenn das Team Telekom sagt, es wird nicht gedopt, dann gibt es auch für die ARD kein Doping. Und so gingen sie jahrein, jahraus an die Strecke und stünden immer noch da, wäre es den Athleten nicht inzwischen selbst unheimlich geworden, ewig den Lügenbaron zu spielen.

          Jetzt ist Meutgens dran

          Und wenn man dann noch sieht, dass im ZDF die ehemalige DDR-Schwimmerin Kristin Otto als Sportredakteurin die entsprechenden Meldungen verliest, weiß man, dass leider gerade die Öffentlich-Rechtlichen noch immer ein Teil des Problems sind und wenig zur Lösung beitragen, auch wenn der Radsportler Bert Dietz bei „Beckmann“ die Bekenntnisorgie begonnen hat.

          Doch dann taucht im Ersten plötzlich jemand wie Ralf Meutgens auf. Wer ist Meutgens? Ein freier Journalist, den bis dato nur die Insider kannten. Ein Besessener, der seit Jahren akribisch wie kein Zweiter die Dopingmafia verfolgt hat und das System mit allen Verästelungen in seinem jüngst erschienenen Buch „Doping im Radsport“ ebenso trocken wie detailliert nachzeichnet. Ein Außenseiter, der Zeilenhonorar kloppen und sein Geld woanders verdienen musste; ein Verfemter der Branche - zumindest im Fernsehen -, der seine Geschichten wie sauer Bier anbieten musste und Mal um Mal abgedrängt wurde. Der bis zur letzten Ampulle vorrechnet, was die Radfahrer alles in sich hineingepumpt haben.

          „Partners in crime“

          Da steht er nun plötzlich, als wäre nichts gewesen, vor Antwerpes' ARD-Mikrofon und gibt zum Besten, was wir in der „Sportschau“ oder dem „Aktuellen Sportstudio“ schon vor Jahren von ihm hätten hören können: wer wie wann gedopt hat. Nur wollte das, solange Sender, Sponsoren und Rennställe noch Partner waren, keiner hören. Jetzt ist Meutgens dran, endlich.

          Es ist schwer zu erklären, wie es zum Umschwung kam, zum Ende des Widerspruchs zwischen der Sportberichterstattung in Qualitätszeitungen und Magazinen und der des Fernsehens. Vielleicht hat ja doch das erzwungene Ende der Radsport-Fernseh-Allianz dazu beigetragen, beflügelt durch die Aufdeckung der Machenschaften korrupter Sportchefs wie Jürgen Emig vom Hessischen und Wilfried Mohren vom Mitteldeutschen Rundfunk. Die „partners in crime“ stehen bald selbst vor dem Kadi. Doch man sollte sich nichts vormachen: Wo zuvor die nun verfemten Radsportler strampelten, stehen heute - zum Beispiel - die Boxer unter Vertrag.

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