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Vereitelter Anschlag auf Karikaturisten : Islamisten vergessen niemanden

Karikaturenprotest in Karachi vor einem Jahr Bild: AFP

Die dänische Polizei hat ein Attentat auf einen Zeichner vereitelt, der für die Zeitung „Jyllands-Posten“ den Propheten Mohammed karikierte. Es zeigt sich, dass über den Konflikt nur scheinbar Gras gewachsen ist. Ein Kommentar von Michael Hanfeld.

          5 Min.

          Der berühmte Abu Laban ist inzwischen verstorben. Eines natürlichen Todes, nach langer Krankheit, im vergangenen Jahr. Der Mordaufruf aber, den der von ihm angeführte Protest gegen die Mohammed-Karikaturen der „Jyllands-Posten“ heraufbeschwor, hat ihn überdauert. Er wirkt fort, mit unerbittlicher Vehemenz, wie man jetzt sieht. Am Dienstag ist bekanntgeworden, dass die dänische Polizei einen Mordkomplott gegen einen der Karikaturisten, den 73 Jahre alten Kurt Westergaard, vereitelt hat. Von fünf Festgenommenen ist die Rede, darunter drei Dänen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Am 30. September 2005 hatte die „Jyllands-Posten“ die Karikaturen gedruckt. In den Tagen darauf gab es zwar Proteste aus muslimischen Gemeinden, doch schienen sie sich in zivilen Bahnen zu bewegen. Auch der Imam Abu Laban, mit dessen Namen sich der spätere Aufruhr verbinden sollte, gab sich in Gesprächen mit der Zeitung zum Dialog bereit. Dort war man auf die Idee mit den Karikaturen gekommen, weil kurz zuvor eine Debatte um die Selbstzensur der Presse aus Angst vor radikalen Islamisten entbrannt war. Der Autor Kare Bluitgen hatte einem Journalisten erzählt, er habe vor, ein Kinderbuch über den Propheten Mohammed zu schreiben, finde aber keinen Zeichner, der bereit sei, es zu illustrieren - aus Angst. Das stachelte den Kulturchef der „Jyllands-Posten“, Flemming Rose, an. Er rief vierzig Karikaturisten auf, den Propheten Mohammed so zu zeichnen, wie sie ihn sähen. Zwölf Zeichner gingen auf das Angebot ein.

          Kopfgeld von einer Million Dollar

          Es dauerte eine Weile, bis offenbar wurde, dass die Ruhe nur eine scheinbare war. Hinter den Kulissen einiger muslimischer Gemeinden formierte sich ein radikaler Widerstand, dem sich schließlich auch der Kopenhagener Imam Abu Laban anschloss. Die damalige Befehlskette haben die dänischen Journalisten John Hansen und Kim Hundevadt in ihrem Buch „Der Provokateur und der Prophet“ nachgezeichnet (nachzulesen in der „Weltwoche“ vom 1. Juni 2006). Demnach ging die treibende Kraft von fünf Imamen aus, die sich in einer Moschee in Arhus versammelten. Interner Wortführer wird der Imam Raed Hlayhel, der einen Neunzehn-Punkte-Plan fasst mit dem Ziel, den Protest gegen die Karikaturen in die ganze, vor allem islamische Welt zu tragen, da sich der Konflikt in Dänemark selbst nicht recht entwickeln will. Die Strategie, die der Imam Abu Laban nun als Wortführer nach außen hin vertritt, zeigt Wirkung.

          Erst recht, nachdem eine Delegation in den Nahen Osten gereist ist, um den Regierungen im Libanon, Syrien und Ägypten und an der Al-Azhar-Universität in Kairo zu verdeutlichen, worum es geht. Allerdings haben die Abgesandten nicht nur die Karikaturen der „Jyllands-Posten“ im Gepäck. Sie zeigen Bilder vor, die mit der „Jyllands-Posten“ nichts zu tun haben und mit denen Muslime bei ganz anderer Gelegenheit verunglimpft werden sollten. Einer der Abgesandten, der Imam Ahmed Akari, gab das in einem Interview später sogar zu. Eines der Bilder, das einen Mann mit aufgesetzten Schweineohren zeigt, ist vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen worden, es stammt von einem „Schweine-Quiek“-Wettbewerb, der auf einer Landwirtschaftsmesse in Südfrankreich stattgefunden hatte.

          Extremen Widerhall findet der Protest, als ihn der Fernsehprediger Yussef als Qaradawi aufnimmt, der bei Al Dschazira auftritt. Er ruft den 3. Februar 2006 zum weltumspannenden Protesttag aus. Einen Tag später brennen die dänische und die norwegische Botschaft in Damaskus, darauf werden die Botschaften Dänemarks in Beirut und in Teheran mit Brandbomben angegriffen. Im Internet hat sich die Nachricht verbreitet, dänische Rassisten wollten bei einer Demonstration öffentlich den Koran verbrennen. Bei Ausschreitungen in Nigeria, Libyen und Pakistan verlieren Dutzende Menschen ihr Leben. Im April fordert der Terrorführer Usama Bin Ladin die Auslieferung der dänischen Karikaturisten. Da waren die Todesdrohungen gegen die Zeichner längst in der Welt, die Goldschmiede der pakistanischen Nordwestprovinz hatten ein Mordgeld von einer Million Dollar ausgesetzt.

          Es schien sich beruhigt zu haben

          Als wir den Imam Abu Laban im Frühjahr 2006 in Kopenhagen besuchen, gibt es Kekse, Tee, Instantkaffee und Limonade. Journalisten aus aller Welt geben sich in seinem Büro ein Stelldichein. Nicht den Hauch von Aggressivität, mit welcher die „Karikaturen-Krise“ vorangetrieben worden war, sucht Abu Laban zu vermitteln. Er sei froh, in Dänemark zu leben, sagt der freundliche Mann mit dem festen Händedruck, nichts anderes liege ihm am Herzen als die friedliche Integration seiner Glaubensbrüder. Die Verantwortung für die Eskalation der Gewalt will er nicht übernehmen.

          Die sei allein Folge der Haltung der „Jyllands-Posten“ und der dänischen Regierung. Die wiederum hat zu einem internationalen Treffen mit Publizisten und Klerikern aus Dänemark und dem Nahen Osten eingeladen, das einen Dialog befördern sollte, allerdings das Gegenteil bewirkt. Es endet mit einem Eklat - der Chef eines saudischen Fernsehsenders ruft die Dänen auf, die Regierung zu stürzen, so sich diese nicht im Namen aller für die Karikaturen entschuldigt. Der Imam Abu Laban, der aus Palästina stammt und stolz davon berichtet, gerade Großvater geworden zu sein, zeigt uns das Dossier, mit dem seine Kollegen losreisten. Was nicht aus der „Jyllands-Posten“ stammte, habe der Verdeutlichung der Lage der Muslime in Dänemark gedient. „Wir schreiben Geschichte“, sind die Worte des Imams, mit denen er sich von uns verabschiedet.

          Über diese Geschichte schien in der Zwischenzeit Gras gewachsen zu sein. Es schien sich beruhigt zu haben, sagen Informanten, die anonym bleiben müssen. Im Stillen sei der Konflikt verarbeitet worden, habe es an weniger spektakulären Orten bei international nicht beachteten Gelegenheiten Gespräche zwischen dänischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft gegeben. Der radikale Imam Raed Hlayhel hat das Land verlassen, Abu Laban ist verstorben, an ihre Stelle seien Gemeindeführer getreten, die einen friedlichen Dialog im Sinn hätten. Doch die Drohungen gegen die Karikaturisten rissen nicht ab, sie gehen in die Hunderte. Jetzt, mit den Verhaftungen, zeigt sich, wie konkret die Gefahr weiterhin ist.

          Kritiker müssen untertauchen

          Und es zeigt sich, dass die Islamisten nichts und niemanden vergessen. Den Karikaturisten Kurt Westergaard nicht und auch nicht den französischen Philosophen Robert Redeker, der seit dem Herbst 2006 unter Polizeischutz steht und das Leben eines Verfolgten führt (F.A.Z. vom 30. September 2006). Er hatte im „Figaro“ die Reaktionen aus der islamischen Welt auf die Regensburger Rede des Papstes kritisiert. Sie seien, schrieb er, „Teil des Versuchs, das Wertvollste, was der Westen hat und was es in keinem islamischen Land gibt, zu ersticken: die Gedanken- und die Meinungsfreiheit“. Die Rückbesinnung auf Mohammed, schrieb Redeker, verstärke Hass und Gewalt in der Welt.

          Der Philosoph musste untertauchen, er verkaufte sein Haus, seinen Job als Lehrer in Toulouse verlor er. Im Januar 2007 wurde ein Attentat gegen ihn vereitelt. Aus Sicherheitsgründen vermochte er nicht einmal die Beerdigung seines Vaters zu organisieren. Nur wenige Intelektuelle haben sich mit Redeker solidarisch erklärt, der französische Staat übt sich in äußerster Zurückhaltung. Und Redeker selbst bemüht sich, wie er im vergangenen Jahr bei einem Treffen mit einem Reporter der „Welt“ sagte, „unsichtbar zu werden“.

          Alle anderen müssen sich fragen, ob das der Preis ist, den zahlen muss, wer sich in der Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam nicht in Sklavensprache flüchtet und die Meinungsfreiheit hochhält. Es werde weitere Kämpfe um Werte geben, schreiben die dänischen Journalisten Hansen und Hundevadt. Zwischen der Forderung der Islamisten, dem Propheten Mohammed nicht zu nahe zu treten, und der abendländischen Tradition, religiöse Dogmen in Frage zu stellen, könne es einen Kompromiss nicht geben.

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