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Vereitelter Anschlag auf Karikaturisten : Islamisten vergessen niemanden

Es schien sich beruhigt zu haben

Als wir den Imam Abu Laban im Frühjahr 2006 in Kopenhagen besuchen, gibt es Kekse, Tee, Instantkaffee und Limonade. Journalisten aus aller Welt geben sich in seinem Büro ein Stelldichein. Nicht den Hauch von Aggressivität, mit welcher die „Karikaturen-Krise“ vorangetrieben worden war, sucht Abu Laban zu vermitteln. Er sei froh, in Dänemark zu leben, sagt der freundliche Mann mit dem festen Händedruck, nichts anderes liege ihm am Herzen als die friedliche Integration seiner Glaubensbrüder. Die Verantwortung für die Eskalation der Gewalt will er nicht übernehmen.

Die sei allein Folge der Haltung der „Jyllands-Posten“ und der dänischen Regierung. Die wiederum hat zu einem internationalen Treffen mit Publizisten und Klerikern aus Dänemark und dem Nahen Osten eingeladen, das einen Dialog befördern sollte, allerdings das Gegenteil bewirkt. Es endet mit einem Eklat - der Chef eines saudischen Fernsehsenders ruft die Dänen auf, die Regierung zu stürzen, so sich diese nicht im Namen aller für die Karikaturen entschuldigt. Der Imam Abu Laban, der aus Palästina stammt und stolz davon berichtet, gerade Großvater geworden zu sein, zeigt uns das Dossier, mit dem seine Kollegen losreisten. Was nicht aus der „Jyllands-Posten“ stammte, habe der Verdeutlichung der Lage der Muslime in Dänemark gedient. „Wir schreiben Geschichte“, sind die Worte des Imams, mit denen er sich von uns verabschiedet.

Über diese Geschichte schien in der Zwischenzeit Gras gewachsen zu sein. Es schien sich beruhigt zu haben, sagen Informanten, die anonym bleiben müssen. Im Stillen sei der Konflikt verarbeitet worden, habe es an weniger spektakulären Orten bei international nicht beachteten Gelegenheiten Gespräche zwischen dänischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft gegeben. Der radikale Imam Raed Hlayhel hat das Land verlassen, Abu Laban ist verstorben, an ihre Stelle seien Gemeindeführer getreten, die einen friedlichen Dialog im Sinn hätten. Doch die Drohungen gegen die Karikaturisten rissen nicht ab, sie gehen in die Hunderte. Jetzt, mit den Verhaftungen, zeigt sich, wie konkret die Gefahr weiterhin ist.

Kritiker müssen untertauchen

Und es zeigt sich, dass die Islamisten nichts und niemanden vergessen. Den Karikaturisten Kurt Westergaard nicht und auch nicht den französischen Philosophen Robert Redeker, der seit dem Herbst 2006 unter Polizeischutz steht und das Leben eines Verfolgten führt (F.A.Z. vom 30. September 2006). Er hatte im „Figaro“ die Reaktionen aus der islamischen Welt auf die Regensburger Rede des Papstes kritisiert. Sie seien, schrieb er, „Teil des Versuchs, das Wertvollste, was der Westen hat und was es in keinem islamischen Land gibt, zu ersticken: die Gedanken- und die Meinungsfreiheit“. Die Rückbesinnung auf Mohammed, schrieb Redeker, verstärke Hass und Gewalt in der Welt.

Der Philosoph musste untertauchen, er verkaufte sein Haus, seinen Job als Lehrer in Toulouse verlor er. Im Januar 2007 wurde ein Attentat gegen ihn vereitelt. Aus Sicherheitsgründen vermochte er nicht einmal die Beerdigung seines Vaters zu organisieren. Nur wenige Intelektuelle haben sich mit Redeker solidarisch erklärt, der französische Staat übt sich in äußerster Zurückhaltung. Und Redeker selbst bemüht sich, wie er im vergangenen Jahr bei einem Treffen mit einem Reporter der „Welt“ sagte, „unsichtbar zu werden“.

Alle anderen müssen sich fragen, ob das der Preis ist, den zahlen muss, wer sich in der Auseinandersetzung mit dem radikalen Islam nicht in Sklavensprache flüchtet und die Meinungsfreiheit hochhält. Es werde weitere Kämpfe um Werte geben, schreiben die dänischen Journalisten Hansen und Hundevadt. Zwischen der Forderung der Islamisten, dem Propheten Mohammed nicht zu nahe zu treten, und der abendländischen Tradition, religiöse Dogmen in Frage zu stellen, könne es einen Kompromiss nicht geben.

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