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Regisseure werden ausgebootet : Verdi begeht einen Tabubruch

  • -Aktualisiert am

Für Netflix ist der Deal mit Verdi günstig. Für Regisseurinnen und Regisseure ist er eine Katastrophe. Bild: Reuters

Die Gewerkschaft Verdi hat mit Netflix einen Tarifvertrag abgeschlossen, der Regisseure zu Tagelöhnern macht. Die Kreativen sind entsetzt, zumal, da die Gewerkschaft sie gar nicht vertritt. Warum das Lohndumping?

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          Netflix und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Verdi haben sich darauf verständigt, dass seit dem 1. Juli bei Serienproduktionen sowohl der Tarifvertrag für auf Produktionsdauer beschäftigte Film- und Fernsehschaffende als auch der Gagentarifvertrag zwischen Verdi und der Produzentenallianz die Grundlage für Vergütungen bilden. Zudem wurden in der Übereinkunft auch Mindestgagen für Regisseurinnen und Regisseure festgelegt.

          Gegen diese Regelung hat der Bundesverband Regie (BVR) protestiert und sie als „Tabubruch“ bezeichnet. Mit mehr als 550 Mitgliedern ist der Bundesverband eine der größten Berufsvereinigungen der Filmbranche. Bei der Verabredung mit Netflix handelt es sich nach Auffassung des BVR weder um einen Tarifvertrag noch um eine Gemeinsame Vergütungsregel, sondern um einen für Regisseure unvorteilhaften „Deal“.

          Bei Verdi sind kaum Regisseure vertreten

          Das Verhandlungsfeld „Vergütung für Werkerstellung und Werknutzung“ werde traditionell vom BVR bestellt, sagt Jobst Oetzmann, Regisseur und Drehbuchautor sowie Mitglied des Beirats des BVR-Vorstands, denn Verdi vertrete keine fiktionale Regie. Die Gewerkschaft habe in diesem Bereich kaum Mitglieder und damit keine Repräsentativität für die Vertretung der Interessen der fiktionalen Regie in der Auftragsproduktion.

          Der Bundesverband Regie verhandele deshalb Vergütungsregeln für Regie für alle Längenformate mit den öffentlich-rechtlichen und privaten Sendergruppen sowie auch mit der Produzentenallianz. Der Regieverband schließt dabei Gemeinsame Vergütungsregeln ab, wie sie der Gesetzgeber seit 2002 ermöglicht hat. Er handele durch Ermächtigung seiner Mitglieder und dadurch, dass er die gesetzlichen Vorgaben, allen voran die Repräsentativität und Gegnerfreiheit, erfülle.

          Eine Vergütung für Streamer müsse, so Oetzmann, zudem die Umstände berücksichtigen, unter denen Filme oder Serien hergestellt und wie sie genutzt werden. Ein Vorbild seien beispielsweise die Regelungen der DGA (Directors Guild of America). Dort werde die Erstellung des Werks bezahlt, nach bestimmten Konditionen, Formaten und Zeiten, und dann der Rechteumfang nach Territorien, Einstellzeiten und der Anzahl der Abonnenten und nach Erfolg. Die von Verdi mit Netflix ausgehandelten Honorare berücksichtigten das nicht. Sie seien auffallend niedrig und allein nach Budgets skaliert.

          Verdi grätscht in die Auseinandersetzung hinein

          Der Regisseur und Drehbuchautor verweist im Gespräch darauf, dass der Bundesverband Regie seit 2020 mit Netflix für den selben Bereich – 45 Minuten fiktional – in Verhandlungen sei und vor wenigen Wochen das Scheitern der Verhandlungen erklärt habe. „Verdi grätscht damit in das anstehende Schlichtungsverfahren des BVR mit Netflix.“

          Das Ergebnis des Vertrags bedeutet nach Berechnungen des Regieverbands die Drittelung der Regievergütung im Vergleich zu den Vereinigten Staaten oder anderen Ländern. Das Ziel von Netflix sei offensichtlich: Es würden Billiglohnländer etabliert und Produktionen dorthin verlagert. Sollten diese doch teurer werden, werde man neue Billiglohnländer finden und dorthin weiterziehen. „Für eine Gewerkschaft, die da mitmacht, ist das eine seltsame Rollenumkehr, auch wenn es ‚nur‘ die Regie betrifft: Starter im Unterbietungswettbewerb.“ Vor wenigen Wochen hatte Netflix mitgeteilt, dass es nicht bereit ist, die angemessenen Gagen in Dänemark zu zahlen, und angekündigt, den Produktionsstandort Dänemark zu boykottieren.

          Der BVR werde die Schlichtung weiterführen. Am Ende werde entweder eine Vereinbarung mit Netflix oder ein Schlichterspruch stehen. Ein Schlichterspruch, dies habe die Erfahrung mit der ARD gezeigt, indiziert die Angemessenheit. Sender und Produzenten würden diesen akzeptieren, selbst wenn keine Vereinbarung zustande komme, sagt Oetzmann. Die Schlichtung werde nach Auffassung des Regieverbandes Netflix nicht erspart bleiben. Es gebe keinen Grund, warum Netflix mit seinen deutschen Produktionen und der weltweiten Nutzung nicht dem Urheberrechtsgesetz mit seinen klaren Vorgaben für das Zustandekommen einer angemessenen Vergütung unterliegen solle. Die internationalen Plattformen hätten sich dem europäischen und deutschen Recht genauso zu unterwerfen wie jeder andere. Alles andere wäre ein Versagen des Gesetzgebers, sagt Jobst Oetzmann.

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