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Varoufakis obszöne Geste : Den Deutschen den Stinkefinger zeigen

Es kommt darauf, welchen Finger man benutzt: Yanis Varoufakis bei einer Rede vor dem griechischen Parlament im Februar 2015. Bild: dpa

Der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis stilisiert sich als Ikone des Widerstands gegen übermächtige europäische Mächte. Doch es könnte sein, dass er ein paar falsche Zeichen zu viel gesetzt hat.

          Giannis Varoufakis ist ein Bild von einem Mann. Davon können wir uns täglich überzeugen, im Netz, in der Zeitung, auf dem Bildschirm. Er ist omnipräsent, und er treibt die EU-Kommission vor sich her. Er provoziert, gibt sich revolutionär oder gönnerhaft. Er geht blitzschnell vor und zieht sich mit Tempo zurück. Er tänzelt durch die politische Manege wie Muhammad Ali es in seinen besten Zeiten im Boxring tat, Varoufakis fintiert und legt sich seinen Gegner zurecht. Als Captain Cool setzt er sich in Szene, lässig, elegant, viril und zeigt uns – beziehungsweise vor allem der Bundesregierung und dem Finanzminister Wolfgang Schäuble –, wo der Hammer hängt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Bei einem Vortrag im Mai vor zwei Jahren hat Varoufakis dafür sogar den Mittelfinger verwendet, den man bei der entsprechenden Geste als „Stinkefinger“ bezeichnet: „Stick the Finger to Germany“, sagte er und meinte, Griechenland hätte im Jahr 2010 seine Pleite erklären und den Deutschen das Problem allein überlassen sollen. „Stick the Finger to Germany“, also sagte Giannis Varoufakis, der damals noch nicht Finanzminister seines Landes war: Sollen die Griechen sich immer weiter verschulden, nur um den Interessen deutscher und französischer Banken zu dienen? Die Aussage hätte jeder auch ohne den Stinkefinger kapiert.

          Der Finger des Anstoßes: Varoufakis spricht im Mai 2013 auf dem „Subversive Festival“ in Zagreb.

          Den will Varoufakis nun plötzlich nicht mehr gezeigt haben – er sei in die Aufnahme, die bei einer Konferenz in Zagreb entstand, hineinmontiert worden, sagte er am Montag, einen Tag nachdem die Szene in der Sendung von Günther Jauch im Ersten eingespielt worden war. Dass das nicht stimmt, davon kann sich jeder im Internet leicht und schnell überzeugen. Der Produzent des Videos und der Kameramann bezeugen, was jeder sieht: Da wurde nicht von Hand montiert, Varoufakis streckt den Finger aus freien Stücken hoch, so wie einst der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf dem Cover des „SZ-Magazins“. Eine kleine Geste, die unter Umständen eine große Wirkung erzeugt.

          Die Geste wird am Minister haften bleiben

          Mit der Wirkungsforschung politischer Gesten und symbolischer Handlungen, mit der Wirkung politischer Rede gar scheint sich der frühere Wirtschaftsprofessor Varoufakis noch nicht beschäftigt zu haben. Spieletheoretiker mögen an seinen Aufritten ihre Freude haben und den paneuropäischen Rabatz, den er veranstaltet, dahingehend deuten, dass er so für sein überschuldetes Land am meisten erreiche. Doch scheint seine Penetranz, geübt im Verein mit Ministerpräsident Alexis Tsipras und dem gefährlich verrückt wirkenden Verteidigungsminister Panos Kammenos, für immer größeren Widerstand in der EU zu sorgen. Die Herren scheinen nicht zu verstehen, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Politik, die man aus der Opposition heraus fordert, und jener, die man in der Regierung verantwortet.

          Wie miserabel und verantwortungslos diese Vorstellung ist, das teilt sich nicht erst in den Tiraden der griechischen Regierung mit, die auch noch mit einem Schulterschluss mit Wladimir Putin liebäugelt, sondern schon in den Bildern. Da sehen wir Wolfgang Schäuble, wie er stoisch Fragen zur nächsten Beleidigung erträgt, während in Athen wieder alle Sirtaki tanzen. Um die Lage, in der sich Griechenland befindet und in welche die griechische Regierung die EU führt, und die Frage, wie man wieder herauskommt, geht es nicht mehr, dem coolen Herrn Varoufakis sei Dank. Am Sonntag, zugeschaltet in der Talkshow von Günther Jauch, machte er vordergründig wieder eine gute Figur, bis der Stinkefinger kam. Den dürfte er nicht mehr loswerden.

          Nimmt man die Homestory hinzu, die Varoufakis mit dem Magazin „Paris Match“ veranstaltet hat, fühlt man sich unwillkürlich an Aufstieg und Fall eines deutschen Politikers erinnert. „Avant la Bataille“ – vor der Schlacht – ist die Story in „Paris Match“ überschrieben. Wir sehen Varoufakis Arm in Arm mit seiner Frau Danae, beim gemeinsamen Essen (er reicht den Salat), in der Bibliothek, am Klavier und dann in Brüssel – „vor seiner nächsten Intervention“. Ein Bild des Ministers als kleiner Junge im Alter von fünf Jahren gibt es auch, es rundet die Geschichte ab von Giannis, dem Helden.

          Macht Varoufakis den Scharping?

          Der damit freilich bei seinen Landsleuten in etwa so gut ankommt wie seinerzeit der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping, als er auf Mallorca zu Kristina Gräfin Pilati-Borggreve für die „Bunte“ in den Pool sprang. Die Wasserspiele gingen als „Bin Baden“-Kontroverse in die Geschichte der Bundesrepublik und der SPD ein und besiegelten im Sommer 2002 das Ende von Scharpings politischer Karriere. Drei Jahre später kehrte er als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer in die Öffentlichkeit zurück.

          In diesem wie in anderen Fällen schießen zum aktuellen Fehltritt passende Geschichten aus der Vergangenheit hoch. Bei Giannis Varoufakis lautet – was die von ihm so getreulich bespielte Vorderbühne des politischen Spektakels angeht – die Gleichung im Augenblick: Populäre Auftritte in Lederjacke plus Schlag bei den Frauen minus Stinkefinger minus süßliche Homestory. Ob er in den Augen seines Chefs Alexis Tsipras jetzt auch bei null ist? Die nächste Volte von Giannis Varoufakis, der die Homestory angeblich „bereut“, könnte jetzt lauten, alles den Medien in die Schuhe zu schieben. In der Talk-Sendung von Günther Jauch habe er versucht, „dem deutschen Publikum eine Hand der Freundschaft anzubieten“, wird Varoufakis bei „Spiegel Online“ zitiert. Die Lauterkeit des Ministers können wir uns wohl an fünf Fingern abzählen.

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