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Deutsches Fernsehen : Wir müssen endlich übers Programm streiten!

Uwe Jansons Serie „Das Pubertier“ (mit Mia Kasaloa als Clara) erreichte außergewöhnlich viele junge Zuschauer. Abgesetzt wurde sie trotzdem. Bild: ZDF und Britta Krehl

Wenig Freiräume, ängstliche Redakteure und keine Vision: Der Regisseur Uwe Janson rechnet im Interview mit dem deutschen Fernsehen ab.

          Herr Janson, Sie haben als Regisseur rund 80 Fernseh- und Kinofilme und -serien gedreht – Komödien, Krimis, historische Filme, vom „Tatort“ bis zum Luther-Zweiteiler „Zwischen Himmel und Hölle“. Trotzdem machen Sie sich Sorgen um den Zustand des deutschen Fernsehens. Was gefällt Ihnen nicht?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Was mir am meisten fehlt, ist ein gemeinsames, öffentliches Nachdenken. Wir müssen progressiv darüber reden, wie wir, die Filmschaffenden, die Situation, wie sie ist, verbessern können. Das deutsche Fernsehen hat die Entwicklung der letzten 15 Jahre verschlafen. Es stellt sich den neuen Herausforderungen nicht wirklich. Es fehlt Diversität in allen Bereichen, es fehlen Freiräume für Regisseure und Autoren, es fehlt der Mut, neu zu denken, neue Geschichten zu erfinden. Das Durchschnittsalter der öffentlich-rechtlichen Sender liegt mittlerweile jenseits der Sechzig, die Privaten versuchen weiterhin nur Unterhaltung pur – und trotzdem traut sich niemand, neue Wege zu gehen.

          Diese Kritik ist mittlerweile oft zu hören, von Journalisten, von enttäuschten Zuschauern, von Filmemachern oder Schauspielern im persönlichen Gespräch. Warum wird sie von den Kreativen so selten öffentlich formuliert?

          Als Regisseur hat man in Deutschland eigentlich nur wenige Arbeitgeber, die ARD, das ZDF, die Privaten. Da muss man aufpassen, dass man es sich mit ihnen nicht verscherzt. Viele denken: nur keine Kritik, keine inhaltlichen Auseinandersetzungen. Und das ist leider begründet, weil eben diese intensive Form der Kommunikation in Deutschland oft so empfunden wird, als würde man jemanden damit persönlich beleidigen wollen. Mir geht es um die Realisierung einer ehrlichen Streitkultur. Aber aus den gegebenen Umständen haben viele Kollegen darauf leider keine Lust – oder sie denken, es helfe sowieso nichts.

          Uwe Janson: „Es gibt keinen Lerneffekt“

          Sie haben in diesem Jahr bei der ZDF-Serie „Das Pubertier“ Regie geführt, eine Verfilmung des Bestseller von Jan Weiler. Man kann sicher darüber streiten, ob das der Stoff ist, mit dem man Netflix Konkurrenz machen kann. Aber immerhin war es ein Versuch, ein jüngeres Publikum zu erreichen. Das ZDF hat dafür sogar einen neuen Seriensendeplatz geschaffen. Die Serie soll aber nicht fortgesetzt werden. Was ist schiefgelaufen?

          Ich denke, „Das Pubertier“ hätte durchaus die Qualität, Netflix Konkurrenz zu machen. Und eigentlich ist erst mal nichts wirklich schiefgelaufen. Die Maßgabe des ZDF war, eine junge, frische Primetime-Serie zu machen. Ein Familienprogramm, aber für jüngere Zuschauer. Wir haben dann gefragt, was heißt denn für euch „jüngere Zuschauer“? 50-Jährige? „Nein, nein, nein“, sagte das ZDF, „junge Familien, Frauen, 30 bis 40.“ Wir hatten wunderbare Autoren, einen hervorragenden Regiekollegen, eine moderne, tolle Besetzung – und wir haben den Zuspruch bekommen. Wir haben die Quote in der anvisierten Zielgruppe spürbar deutlich gesteigert, auch die Klicks in der Mediathek haben sehr überzeugt.

          Das klingt doch nach einem Erfolg?

          Das ist richtig. Aber leider haben die älteren Zuschauer nicht mitgemacht. In der Summe waren es dann 3,4 Millionen Zuschauer. Deshalb sagte das ZDF dann: Die Quote war leider zu niedrig, deshalb wollen wir das nicht weitermachen. Wenn man ihnen dann sagte: Ihr macht ja doch Programm für die 70- bis 80-Jährigen, sagen sie: Die sind uns ja wichtig, die müssen wir ja halten! Ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist, auch mit Blick auf die Quote. Das ZDF setzt auf die Leute, die irgendwann wegsterben. Schon meine Generation, die in den sechziger Jahren Geborenen, lassen sich mit dem „Bergdoktor“ nicht mehr abfrühstücken. Von der Generation danach müssen wir gar nicht reden. Früher gab es so etwas wie „Das blaue Palais“ – eine Art Sci-Fi-Thriller-Reihe –, so was gibt es bei den deutschen Sendern nicht mehr. Das machen jetzt die Engländer sehr erfolgreich mit „Black Mirror“. Meine Kinder schauen fast nur noch skandinavische, amerikanische und englische Serien.

          Die Verantwortlichen beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen würden jetzt sagen: Das ist und bleibt ein Nischenprogramm.

          HBO oder Amazon Video als Nischenprogramm zu bezeichnen ist fahrlässig und ignorant. Netflix hat mittlerweile 110 Millionen Abonnenten und einen Umsatz von knapp sieben Milliarden Dollar. Das ist doch kein Nischenprogramm. Das ist ein riesiges internationales Publikum. Und es ist noch gar nicht abzusehen, was da noch kommt. Wer das nicht sehen will, handelt allein schon wirtschaftlich gesehen verantwortungslos und überheblich. Wir können auch intelligent unterhalten. Ich war mit meiner Familie in „Ziemlich beste Freunde“ – drei Generationen, alle haben sich köstlich amüsiert. Das war pure Unterhaltung, aber man hat danach auch über den Inhalt diskutiert. Aber reichen Sie mal bei einer deutschen Filmförderung ein Drehbuch über einen querschnittsgelähmten alten Mann und seinen wirklich sehr schwarzen Pfleger ein – Sie hätten keine Chance.

          Auch in den Gremien der deutschen Filmförderung sitzen lauter Fernsehredakteure.

          Diese Gemengelage, dass man Fernsehen und Kino so miteinander verzahnt hat, tut keiner Seite gut. Sie hat zur Folge, dass wir ständig nur Programmen haben, die FSK 12 sind, weil der Kinofilm ja um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden muss. Welcher Actionfilm, welcher Thriller, welcher Horror-, Sci-Fi oder Mysteryfilm kann dabei rauskommen? Da gehen die Kids nicht rein, das muss mindestens FSK 16 sein, sonst kann man mit der internationalen Konkurrenz einfach nicht mithalten.

          Sie haben als Autorenfilmer angefangen, aber mittlerweile auch viele Filme gemacht, die man eher als Unterhaltung bezeichnen würde. Aber auch dabei stoßen Sie beim Fernsehen immer wieder an Grenzen?

          Ich bin immer noch Autorenfilmer. Ich möchte eben nicht nur unterhalten, ich möchte die Leute auch ein bisschen kitzeln. Ich möchte schon, im besten BBC-Gedanken, auch ein bisschen erzieherisch tätig sein. Ich möchte gar keine Antworten geben, das interessiert mich als Künstler gar nicht. Aber gute Fragen stellen. Und das geht gerade auch mit Komödien: Ernst Lubitsch und Billy Wilder sind das beste Beispiel dafür. Sie haben es immer geschafft, einen gesellschaftskritischen Blick auf Situationen zu werfen, indem sie nur das Normale gezeigt und die Perspektive ein bisschen verschoben haben – schon wird’s komisch. Aber selbst wenn es darum geht, wie man gute Unterhaltung für viele Menschen macht, gibt es keine Visionen bei den Verantwortlichen.

          Liegt das nur an der Obsession mit der Quote?

          Ja. Leider. Was mir jedoch am meisten fehlt, ist, dass gar nicht analysiert wird. Man setzt sich nicht am nächsten Tag hin und überlegt, woran es lag, dass das Programm nicht die gewünschte Quote hatte. Am Drehbuch? An der Regie? Was könnte man wie besser machen? Es passiert aber nicht. So gibt es überhaupt keinen Lerneffekt.

          Woher kommt die Mutlosigkeit, die Sie beschreiben?

          Einige Fernsehredakteure kontrollieren die Kreativen. Für mich ist der Redakteur ein Partner, der etwas ermöglicht und an meiner Seite steht – und kein Controller. Da es aber einen unangemessenen, realitätsfernen Druck von oben gibt, kommt es zum Beispiel dazu, dass Redakteure mit seitenlangen, kleinlichen Anmerkungen kommen. Den Redakteuren müssen mehr Freiräume gegeben werden, das muss von oben passieren. Wir brauchen eine Silicon-Valley-Kultur im deutschen Film und Fernsehen. Es gibt natürlich einige Redakteure und Verantwortliche, die genau das wollen. Denen müssen wir doch Tür und Tor öffnen und die Möglichkeit geben zu machen, und zwar so, wie es viele vorher noch nicht getan haben. Und auch die Lizenz zu scheitern! Aber das wird letztendlich von oberster Instanz gebremst.

          Ähnlich groß ist die Kontrollsucht in allen anderen Bereichen, beim Casting, beim Kostüm.

          Es gibt Kollegen, die mussten Szenen nachdrehen, weil der Hauptdarsteller ein gelbes T-Shirt getragen hat. Das ist manchmal vollkommene Willkür. Auch bei der Besetzung wollen viele Sender bestimmen, bis in die kleinste Rolle. Die wollen natürlich am liebsten die üblichen Promis in jeder Rolle, anstatt auch da mal innovativ und mutig zu sein und dem Nachwuchs eine Chance zu geben oder einem guten Theaterschauspieler mal eine große Rolle zu geben. Auch bei der Besetzung sind wir weit von Diversität entfernt. Wir haben ein arisches Programm. Das muss ich einfach so sagen. Wenn ich amerikanisches, englisches oder französisches Fernsehen sehe, da sehe ich Diversität. Die BAFTA in England hat Diversität zur Voraussetzung erklärt, um überhaupt einreichberechtigt zu sein für die Auszeichnungen. Hier in Deutschland laufen höchsten ein paar schwarze Menschen als Asylbewerber herum. Ich würde gerne mal einen Menschen aus Ghana als Chefarzt sehen. Die abgebildete Welt im deutschen Fernsehen entspricht nicht dem, was ich in Berlin, in Köln, in Hamburg, in den Großstädten jedenfalls, sehe.

          Was sagen die Sender, wenn Sie vorschlagen, solche Rollen anders zu besetzen?

          „Der Zuschauer kann sich mit denen nicht identifizieren.“ Oder noch fieser: Der- oder diejenige sehe doch zu kosmopolitisch aus. Wer hat sich damals mit Martin Luther Kings Satz „I have a dream“ identifiziert? Weltweit alle Menschen! Wie viele Leute haben Barack Obamas phantastische Rede in Berlin angeschaut? Viele Menschen aus allen Kulturen! Wir müssen in diesen Diversitäten denken und die Reichhaltigkeit der Kulturen zulassen. Und kein Programm für AfD-Wähler machen.

          Wie oft führten diese Zustände dazu, dass Sie nicht mehr hinter Ihren Filmen stehen konnten?

          Ich würde sagen, ein Drittel der Filme konnte ich machen, wie ich sie wollte, ein anderes Drittel nach mehr oder weniger mühsamen Diskussion, beim letzten Drittel musste ich Kompromisse machen. Manchmal führte das dazu, dass ich, aus der Erfahrung heraus, fünf abstruse Sachen drehte, damit ich am Ende zwei rausschneiden kann und wenigstens drei drinnen bleiben. Allein, dass man sich diese Mühe machen muss, ist schon peinlich. Ich habe nicht den Ruf, dass es immer leicht ist, mit mir zu arbeiten – diesen Preis zahle ich gerne, weil ich gerne diskutiere und neugierig bin. Dabei geht es mir ausschließlich darum, für den Zuschauer ein veritables Filmerlebnis zu schaffen.

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