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Deutsches Fernsehen : Wir müssen endlich übers Programm streiten!

Liegt das nur an der Obsession mit der Quote?

Ja. Leider. Was mir jedoch am meisten fehlt, ist, dass gar nicht analysiert wird. Man setzt sich nicht am nächsten Tag hin und überlegt, woran es lag, dass das Programm nicht die gewünschte Quote hatte. Am Drehbuch? An der Regie? Was könnte man wie besser machen? Es passiert aber nicht. So gibt es überhaupt keinen Lerneffekt.

Woher kommt die Mutlosigkeit, die Sie beschreiben?

Einige Fernsehredakteure kontrollieren die Kreativen. Für mich ist der Redakteur ein Partner, der etwas ermöglicht und an meiner Seite steht – und kein Controller. Da es aber einen unangemessenen, realitätsfernen Druck von oben gibt, kommt es zum Beispiel dazu, dass Redakteure mit seitenlangen, kleinlichen Anmerkungen kommen. Den Redakteuren müssen mehr Freiräume gegeben werden, das muss von oben passieren. Wir brauchen eine Silicon-Valley-Kultur im deutschen Film und Fernsehen. Es gibt natürlich einige Redakteure und Verantwortliche, die genau das wollen. Denen müssen wir doch Tür und Tor öffnen und die Möglichkeit geben zu machen, und zwar so, wie es viele vorher noch nicht getan haben. Und auch die Lizenz zu scheitern! Aber das wird letztendlich von oberster Instanz gebremst.

Ähnlich groß ist die Kontrollsucht in allen anderen Bereichen, beim Casting, beim Kostüm.

Es gibt Kollegen, die mussten Szenen nachdrehen, weil der Hauptdarsteller ein gelbes T-Shirt getragen hat. Das ist manchmal vollkommene Willkür. Auch bei der Besetzung wollen viele Sender bestimmen, bis in die kleinste Rolle. Die wollen natürlich am liebsten die üblichen Promis in jeder Rolle, anstatt auch da mal innovativ und mutig zu sein und dem Nachwuchs eine Chance zu geben oder einem guten Theaterschauspieler mal eine große Rolle zu geben. Auch bei der Besetzung sind wir weit von Diversität entfernt. Wir haben ein arisches Programm. Das muss ich einfach so sagen. Wenn ich amerikanisches, englisches oder französisches Fernsehen sehe, da sehe ich Diversität. Die BAFTA in England hat Diversität zur Voraussetzung erklärt, um überhaupt einreichberechtigt zu sein für die Auszeichnungen. Hier in Deutschland laufen höchsten ein paar schwarze Menschen als Asylbewerber herum. Ich würde gerne mal einen Menschen aus Ghana als Chefarzt sehen. Die abgebildete Welt im deutschen Fernsehen entspricht nicht dem, was ich in Berlin, in Köln, in Hamburg, in den Großstädten jedenfalls, sehe.

Was sagen die Sender, wenn Sie vorschlagen, solche Rollen anders zu besetzen?

„Der Zuschauer kann sich mit denen nicht identifizieren.“ Oder noch fieser: Der- oder diejenige sehe doch zu kosmopolitisch aus. Wer hat sich damals mit Martin Luther Kings Satz „I have a dream“ identifiziert? Weltweit alle Menschen! Wie viele Leute haben Barack Obamas phantastische Rede in Berlin angeschaut? Viele Menschen aus allen Kulturen! Wir müssen in diesen Diversitäten denken und die Reichhaltigkeit der Kulturen zulassen. Und kein Programm für AfD-Wähler machen.

Wie oft führten diese Zustände dazu, dass Sie nicht mehr hinter Ihren Filmen stehen konnten?

Ich würde sagen, ein Drittel der Filme konnte ich machen, wie ich sie wollte, ein anderes Drittel nach mehr oder weniger mühsamen Diskussion, beim letzten Drittel musste ich Kompromisse machen. Manchmal führte das dazu, dass ich, aus der Erfahrung heraus, fünf abstruse Sachen drehte, damit ich am Ende zwei rausschneiden kann und wenigstens drei drinnen bleiben. Allein, dass man sich diese Mühe machen muss, ist schon peinlich. Ich habe nicht den Ruf, dass es immer leicht ist, mit mir zu arbeiten – diesen Preis zahle ich gerne, weil ich gerne diskutiere und neugierig bin. Dabei geht es mir ausschließlich darum, für den Zuschauer ein veritables Filmerlebnis zu schaffen.

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