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„Winterlicht“ im Ersten : Wohnst du noch, oder ermittelst du schon?

  • -Aktualisiert am

Julia (Lisa Maria Potthoff) hält sich offiziell in einem Wellness-Hotel auf, tatsächlich jedoch wird sie als Geisel gefangen gehalten. Bild: NDR/ARD-Degeto/Oliver Feist

Von Monchhichis und bösen Bikern: Im Usedom-Krimi der ARD geht es wohnpsychologisch zur Sache. Die Interieurs sind grellbunt – die Figuren dagegen farblos.

          Zeig mir, wie du wohnst, und ich sage dir, wer du bist. Da ist etwa dieser Biker, der wieder bei Mama lebt und seine Kinderstube den gewachsenen Ansprüchen an Dekor und Selbstausdruck angepasst hat: bunte Bettwäsche, Deutschlandflagge, gerahmtes Bild von Adolf Hitler. Seine Mutter sitzt im Wohnzimmer, das als Ausstellungsraum für Kehricht jeglicher Couleur durchgeht. Ein Stoff-Koala kuschelt mit einem Monchhichi, eine Brötchenversammlung liegt zum Trocknen auf der Heizung, in der Vitrine funkelt Porzellan-Tand, darüber eine Armada blauer Vasen. Jedes Arrangement eine Kriegserklärung an die Feng-Shui-Lehre. Die Bewohnerin der Gruselklause muss gar nicht viel sagen. Ihr Geschmack hat sie längst verraten.

          Als wohnpsychologische Studie ist der von Uwe Janson inszenierte Usedom-Krimi „Winterlicht“ ein echter Hingucker. Und Tom Hornig, der für das Szenenbild verantwortlich zeichnet, führt mit Wonne alle Facetten häuslicher Einrichtungssünden vor. Stefan Thiel (Peter Schneider) zum Beispiel, der größte Langweiler des Films, lebt in einer aseptisch-seelenlosen Katalogkemenate und wird, das passt so gar nicht zum Interieur, immer fahriger, nervöser, nervenschwacher. Seine Frau Julia (Lisa Maria Potthoff) ist nämlich verschwunden. Offiziell hält sich die vom Dienst suspendierte Polizistin in einem Wellness-Hotel auf, inoffiziell vertreibt sie sich die Zeit mit dem Gegenteil von Wellness.

          Nach der Haft ist vor der Tierpflege

          Ihr wurde ein privates Ermittlungsangebot gemacht, das sie nicht ablehnen konnte. Jener Biker, der sein Zimmer mit Nazi-Schrott vollgestellt hat, wird vermisst – vor allem von seinen Kumpels. Beim Herumschnüffeln ist Julia indes aufgeflogen, den Hang einer Steilküste hinuntergestürzt und anschließend gefangen genommen worden. Nun liegt sie mit einem offenen Beinbruch in einer Stettiner Stube und ahnt, dass es mit ihr böse enden könnte.

          In der Zwischenzeit hat ihre Mutter Karin Lossow (Katrin Sass) ein Gästezimmer schweren Herzens an Julias Nachfolgerin im Heringsdorfer Kriminalkommissariat vermietet. Aber will man dort wohnen? Zur Erinnerung: Karin ist eine ehemalige Staatsanwältin, die ihren untreuen Gatten in einem schwachen Augenblick über den Haufen geschossen hat. Und nach der Haft ist vor der Tierpflege: Mittlerweile kümmert sie sich um Wisente, die nicht davor zurückscheuen, Wohnwagen anzugreifen. Dieser Rinderwahn beschert uns zumindest eine der wenigen Actionszenen.

          Wenn aber die eigene Tochter verschwindet, verliert sich das Interesse am gar nicht so lieben Vieh. Dann wird nicht mehr gefüttert und ausgemistet, sondern recherchiert. Das scheint überhaupt eine Art Hobby der Insulaner zu sein, denn hier ermittelt jede Hauptfigur: die neue Kommissarin Ellen Norgaard (Rikke Lylloff) von Berufs wegen, Julia aus Gewohnheit, Stefan und Karin aus Sorge.

          Wer Detektivarbeit verrichtet, kommt herum, und wer herumkommt, sieht viel. Erbaulich ist das jedoch nicht. Wie schon in den bisherigen Teilen der Reihe stoßen wir auf ein Usedom, das durch maximale Postkarteninkompatibilität glänzt. Weiße Strandkörbe, prächtige Bäderarchitektur, belebte Seebrücken, vom Wind umschmeichelter Strandhafer: All das fällt zugunsten von kabbeliger Witterung und sumpfig-tristen Landschaften weg. Diese Morast-Ästhetik macht seit einiger Zeit Schule und ist inzwischen ungefähr so absehbar wie das „Tatort“-Finale in der Industrieruine.

          Auch die Bösen bleiben nicht als differenziert gezeichnete Ausnahmecharaktere im Gedächtnis. Gleichwohl müssen wir hier zwischen den ziemlich Bösen und den extrem Bösen trennen. Erstere sind eine Biker-Gang aus Usedom, deren Anführer (Hans Brückner) sich im Stil von Mike Ehrmantraut aus „Breaking Bad“ mit dem Enkelkind auf Spielplätzen die Zeit vertreibt. Bei Letzteren handelt es sich ebenfalls um Biker, allerdings aus Polen. Sie sind gewissermaßen die Vorgesetzten der deutschen Kollegen und betrachten Gewaltbereitschaft als Ehrensache. Ihre Bosheit ist durchweg schablonenhaft und vorhersehbar. Wären die Macher dieses Films bei den Figuren genauso sorgfältig ans Werk gegangen wie bei deren Wohnungen – es hätte interessant werden können.

          Winterlicht – Der Usedom-Krimi, 20.15 Uhr, ARD.

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