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„The New Republic“ : Und plötzlich ist der Chef allein zu Haus

Chris Hughes hat Geld wie Heu. Er machte es wie Jeff Bezos mit der „Washington Post“ und kaufte sich eine renommierte Zeitschrift. Doch wer schreibt jetzt für ihn? Bild: CHESTER HIGGINS JR/The New York

Die Zeitschrift „The New Republic“ ist eine Institution des liberalen Amerika. Vor zwei Jahren hat sie der Facebook-Mitgründer Chris Hughes gekauft. Er kündigte Großtaten an. Doch nun kündigt fast die ganze Redaktion.

          6 Min.

          Vor drei Wochen feierte man in Washington noch den hundertsten Geburtstag. „The New Republic“ hatte ins Andrew W. Mellon Auditorium eingeladen, einen klassizistischen Vortragssaal im Eigentum der Bundesregierung, in dem 1949 der Nordatlantikvertrag unterzeichnet worden war. Die Ehrengäste waren der frühere Präsident Bill Clinton und Ruth Bader Ginsburg, Richterin am Obersten Gerichtshof. Die „New Republic“ gilt als das Organ des Liberalismus, und welche Gegensätze des Temperaments, des Stils, der ursprünglichen Intuition die Zeitschrift unwahrscheinlich lange in einem Heft vereinigen konnte, das macht die Anwesenheit dieser beiden protokollarisch eminenten Leser sinnfällig. Die zerbrechliche Richterin, die gerade nur wenige Tage nach einer Herzoperation an ihren öffentlichen Arbeitsplatz zurückgekehrt ist, verkörpert die Grazie eines disziplinierten Amtsethos. Auf der progressiven Seite des Publikums wird sie verehrt wegen ihrer immer schärfer formulierten Voten zugunsten von Schwarzen, Frauen und Arbeitnehmern. Clinton dagegen ist der Mann des Kompromisses, der Flexibilisierung der Standards. Der Rückbau des Wohlfahrtsstaats, den er als Präsident betrieb, wurde von der „New Republic“ unterstützt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Zeitschriften wie die linke „Nation“ und der konservative „Commentary“ sind viel stärker auf eine Homogenität des Habitus bedacht. Clinton kam zur Geburtstagsfeier, obwohl er in der „New Republic“ neben dem Lob für seine Leistungen immer wieder Kritik an seiner Person hatte lesen müssen. Eine Einladung der „New Republic“ schlägt man nicht aus; sie ist eine Institution, fast ein Verfassungsorgan. Von den Autoren der Zeitschrift wird die Eigenart der „New Republic“ auf einen religionssoziologischen Begriff gebracht: Sie fördert die „Heterodoxie“. Obwohl die Zeitschrift, die seit hundert Jahren in der Hauptstadt redigiert wird, zu den etablierten Mächten auf der politischen Landkarte gehört, versteht sie sich als Medium der Gegenmeinungsbildung. Im Senat soll sich nach dem Plan der Autoren der Verfassung der Vereinigten Staaten die Altersweisheit sammeln. Die Redaktion der „New Republic“ konserviert demgegenüber so etwas wie die Kraft der ewigen Jugend.

          Clintons mäandernde, freundlicher gesagt: universalistisch intervenierende Rede hatte mit einer Länge von vierzig Minuten fast schon Filibuster-Dimensionen - sein Tribut an den Journalismus des langen Atems, der der letzte Grund dafür ist, dass Zeitschriften überhaupt noch gedruckt werden und ihren Inhalt nicht von vornherein zerstückelt über das Internet verbreiten. Chris Hughes, einer der Gründer von Facebook, kaufte „The New Republic“ im Jahre 2012, weil er diesen Journalismus unterstützen wollte. Er war damals 28 Jahre alt.

          Eine Figur wie aus dem Balzac-Universum

          In der Urmannschaft von Mark Zuckerberg war Hughes für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig gewesen. Aus der Sicht der Redakteure war ihr neuer „Editor-in-Chief“ (den Titel legte er später wieder ab) also beinahe vom Fach. Er hatte zwar in Harvard nicht für die berühmte Studentenzeitung, den „Crimson“, geschrieben, aber immerhin an seiner berühmten Schule, der Phillips Academy in Andover, die Schülerzeitung geleitet. Die Initiative zum Kauf ging von der Redaktion aus. Nun ist die „New Republic“ ein Intelligenzblatt. Zum Beleg der Satisfaktionsfähigkeit von Hughes wird in journalistischen Porträts des Lehrersohns darauf verwiesen, dass er Balzac im Original liest. Es ist nicht klar, ob Hughes das jedem Reporter erzählt oder einer vom anderen abschreibt. Jedenfalls hätte Balzac mit einer Figur wie ihm viel anfangen können.

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