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Wahl in Amerika : Wie können Prognosen so sehr daneben liegen?

  • -Aktualisiert am

Umfragen und Prognosen landeten in diesem Präsidentschaftswahlkampf am Ende zumeist in genau dem falschen Feld. Bild: Reuters

Trumps Sieg überrascht alle Prognostiker, selbst bei Fox News. Es wurde nicht genug berücksichtigt, dass Umfragen nicht Wahlen sind. Und dass sie manchmal anders Einfluss üben als gedacht.

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          Mit der Präsidentschaftswahl wurde eines klar: Auf die Wahl-Prognostiker ist kein Verlass. Überwältigende Chancen auf den Sieg hatten sie Hillary Clinton eingeräumt. Und was war? Als sich gegen 21.30 Uhr Ostküsten-Zeit zum Erstaunen der Reporter sowohl bei CNN als auch bei Fox News und den anderen Sendern zeigte, dass Donald Trump in den sogenannten Swing States weitaus mehr Stimmen bekam, als sogar seine Förderer erwartet hatten, sagte die Fox News-Moderatorin Megyn Kelly: „Die Prognosen sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.“

          Gemeint waren freilich die Prognosen, die eben nicht auf Papier erschienen, sondern über Internet-Ticker liefen. Die des Statistik-Gurus Nate Silver auf seiner Webseite „Fivethirtyeight“ oder der „New York Times“. Silver war mit seiner erstaunlich genauen Voraussage der Wahlergebnisse von 2008 und 2012 zum Orakel geworden, auf das bei der Wahlnacht-Berichterstattung sämtliche Sender schielten. Sogar bei Fox News hielt man einen Sieg Clintons für unausweichlich. Als der Moderator Bill O’Reilly den konservativen Kommentator Charles Krauthammer fragte: „Wagen Sie die Voraussage, dass Hillary Clinton die nächste Präsidentin wird?“, sagte der: „Wenn Sie mich zwingen, ja.“

          So schnell wandeln sich Prozentangaben

          Am Beginn des Wahlabends hatte „FiveThirtyEight“ Clinton eine Gewinnchance von 78 Prozent, gegenüber 24 Prozent für Trump eingeräumt. Als diese Prognose um kurz nach halb elf auf 52 zu 47 für Clinton schrumpfte, scherzten die Fox News-Leute über hochdotierte Wetten auf Trump. Um zehn nach elf prognostizierte „FiveThirtyEight“ 61 Prozent Gewinnchancen für Trump im Vergleich zu 37 für Clinton. Auch die „New York Times“ musste ihre Voraussage von einer 85-Prozent-Siegchance für Clinton um zwanzig nach zehn auf eine 94-Prozent-Chance für Trump um zehn vor zwölf korrigieren. „Niemand, den ich kenne, hätte dies vor drei Stunden vor möglich gehalten“, sagte der Fox- News-Reporter Tucker Carlson. CNN-Wahlexperte John King sagte erstaunt: „Es zeichnet sich ein denkbarer Weg für Trump ins Weiße Haus ab.“

          Binnen einer Stunde wurde nicht mehr über Trumps geringe Chancen diskutiert, sondern über Clintons schrumpfende Aussicht, eine Niederlage zu verhindern. Schon vor dem Wahlabend hatten Publikationen wie der „Washington Examiner“ und „Fortune“ vor einem „Brexit Redux“ gewarnt, also einer Wiederholung der europäischen Überraschung über eine Entscheidung, die kaum jemand kommen sahe. „Fortune“ erklärte mit Verweis auf einen Artikel der Meinungsforscher Benjamin Lauderdale und Douglas River, wie solche schiefen Erhebung zustande kommen: „Wenn der eigene Kandidat unter Druck steht, äußern sich die Leute weniger in Meinungsumfragen. Und wenn die Meinungsforscher diese Tendenz nicht berücksichtigen, können Umfragen zustanden kommen, die – womöglich fälschlich – behaupten, der angeschlagene Kandidat verliere Unterstützung.“ Bezeichnenderweise hatten aber auch Lauderdale und River Hillary Clinton als wahrscheinliche Siegerin ausgemacht.

          Auch die vermeintlich revolutionäre Technologie einer Firma namens „VoteCastr“, mit der das Online-Magazin „Slate.com“ die Nase ganz vorn haben und vor der Schließung der Wahllokale Prognosen abgeben wollte (mit einem sogenannten „Turnout Tracker“, der den Anteil von in den Wahllokalen auflaufenden Clinton- bzw. Trump-Anhängern hochrechnen sollte), lag daneben: Danach hätte Clinton etwa in Florida mit Abstand gewinnen müssen. Slate war vorab dafür kritisiert worden, mit einer derart eiligen Prognose womöglich Einfluss auf Wähler zu nehmen, die je nach Vorhersage für ihren Favoriten gar nicht erst an die Urnen gehen. Um das in einem Land mit sechs verschiedenen Zeitzonen zu vermeiden, werden im Fernsehen Hochrechnungen erst nach dem Schluss der Wahllokale in dem jeweiligen Bundesstaat präsentiert.

          Sowohl konventionelle Weisheit als auch politische Wissenschaft habe sich als unverlässlich erwiesen, urteilte man bei ABC. Nate Silver hatte sich freilich abgesichert. Er hatte vorab Modelle präsentiert, nach denen sowohl ein Sieg Clintons als auch ein Sieg Trumps wahrscheinlich waren.

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