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Amazons PR-Coup : Wir sind alle so stolz auf uns

Gegen die Arbeitsbedingungen bei Amazon: Demonstranten am Tag der Arbeit vor einem Logistikzentrum in New York Bild: AFP

Pandemie-Ausbrüche und Todesfälle in den Logistikzentren, wochenlange Proteste verzweifelter Arbeiter? Nie gehört. Amazon produziert ein treuherziges PR-Video, und amerikanische Lokalsender übernehmen es.

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          „Millionen Amerikaner bleiben zu Hause und sind darauf angewiesen, während des Covid-19-Ausbruchs von Amazon mit dem Nötigsten wie Lebensmitteln und Reinigungsmitteln versorgt zu werden“, sagt der Nachrichtensprecher. „Erstmals können wir einen Blick ins Innere eines Amazon-Logistikzentrums werfen und sehen, wie das Unternehmen dafür sorgt, dass seine Mitarbeiter sicher und gesund bleiben – während sie immer weiter Pakete zu Ihnen nach Hause bringen. Todd Walker nimmt uns mit hinein.“ Mindestens elf lokale Fernsehsender von Palm Springs in Kalifornien bis Greenville in North Carolina haben Recherchen der amerikanischen Nachrichtenseite „Vice“ zufolge ihre Zuschauer auf diese Weise von Todd Walker mit hineinnehmen lassen. Was ihre Nachrichtensprecher nicht gesagt haben: Der Mann, der ihnen nur Gutes aus dem Inneren Amazons berichten kann, ist keiner ihrer Reporter. Todd Walker hat zwar einmal als Rundfunkjournalist gearbeitet – doch dann ist er in die PR-Abteilung des größten Versandhändlers der Welt gewechselt.

          Tatsächlich kann Amazon gute Neuigkeiten aus seinem Inneren gerade gut gebrauchen. Zwar nahm, wie das Magazin „Forbes“ am Donnerstag berichtete, in der Zeit von Mitte März bis Mitte Mai der Börsenwert des Unternehmens um 45 und das Vermögen seines Chefs Jeff Bezos um mehr als dreißig Prozent zu. Allerdings sind mindestens acht Beschäftigte in Amazon-Logistikzentren an einer Infektion mit dem Coronavirus gestorben, mehr als siebzig Niederlassungen haben Infektionsfälle bestätigt, und es kam zu wochenlangen Streiks gegen die niedrige Bezahlung, die mangelnde Unterstützung im Krankheitsfall und den unzureichenden Schutz der Mitarbeiter vor einer Ansteckung. Dass der Konzern zunächst mit der Entlassung von Streikführern auf diese Protestwelle reagiert hatte, hat dem Ansehen Amazons nicht gerade genützt.

          Jetzt darf eine Mitarbeiterin vor der Kamera davon sprechen, was ihr im Grunde unbedeutender Job für die Leute da draußen bedeuten könne, eine Führungskraft ihrer Begeisterung darüber Ausdruck verleihen, dass ihr Team mit den täglichen Änderungen seiner Arbeitsbedingungen so gut klargekommen sei, und Heather MacDougall, im Konzern global zuständig für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, sagen, wie stolz sie darauf sei, was Amazon in den vergangenen Monaten in diesem Bereich geschafft habe: mehr als jedes andere Unternehmen, das sie kenne.

          Dass Amazon amerikanischen Fernsehsendern eine PR-Botschaft als hundertacht Sekunden langes, sendefähiges Video angeboten habe, sei hingegen, wie „Motherboard“, der Tech-Kanal von „Vice“, aus dem Unternehmen zitiert, keineswegs ungewöhnlich. Alyssa Bronikowski, eine Amazon-Sprecherin, nennt es irreführend, so zu tun, als wären Journalisten bei Amazon nicht willkommen. Zach Rael, ein Sprecher und Reporter von „Koco 5 News“ aus Oklahoma, hatte das PR-Angebot am Sonntag durch einen Tweet verbreitet und vorgeschlagen, „mit unseren eigenen Kameras“ in die Logistikzentren zu gehen.

          Das Video sei laut Bronikowski für Reporter gedacht gewesen, die zurzeit „aus einer Reihe von Gründen nicht selbst kommen und sich in einer unserer Niederlassungen umschauen können“. Bezahlt, darauf legt das Unternehmen wert, wurde für seine Statements in dem Clip niemand. Doch wer hätte aus einer Vergütung einen Vorwurf machen wollen? Der gilt den Fernsehsendern, die unbedarft eine Werbebotschaft übernommen haben.

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