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Urheberrecht : Kein Blut für Downloads

  • -Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Video-Podcast Bild: picture-alliance/ dpa

Ein offener Brief hatte die Bundesregierung am „Tag des geistigen Eigentums“ zum erhöhten Schutz des Urheberrechts aufgefordert. Die Kanzlerin antwortete mit einem Video-Podcast, in dem sie Hilfe versprach, und erntete den Spott der Bloggerszene.

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          Die Reflexion hat ihren größten Widersacher im Reflexbogen: der Reiz-Reaktions-Kette unter Umgehung des Gehirns, also der Hemmung. Eine am vergangenen Samstag, dem „Welttag des geistigen Eigentums“, entbrannte Diskussion macht das wieder einmal deutlich. In einem offenen Brief an Angela Merkel verlangten zweihundert Künstler, das Vorgehen gegen Internetpiraterie zur Chefsache zu erklären. Film- und Musikindustrie sind die Hauptgeschädigten: Zwar wird seit einiger Zeit wieder mehr Musik gekauft, 312 Millionen illegale Downloads pro Jahr erschrecken Künstler und ihre Verwerter, die „Kreativwirtschaft“, aber zu Recht. Die Zukunft der Kultur scheint in Gefahr.

          Wann kooperieren auch schon einmal DJ Ötzi, Gottfried Honnefelder, René Kollo, Atze Schröder und Julia Franck? Kann aber ein solches Vorgehen - der Obrigkeitsappell - wirklich eine gesellschaftliche Debatte anstoßen? Die Petition enthält zudem ein fragwürdiges Zitat des geistigen Großeigentümers Mark Getty: Geistiges Eigentum sei „das Öl des 21. Jahrhunderts“. Ohne Grund geraten die Unterzeichner damit in den rhetorischen Hallraum von Angriffskrieg und Völkerrecht des Stärkeren. Ein Zufall?

          Wer nicht weiß, darf auch nicht mitreden?

          Macht hat die Lobby der Kreativwirtschaft zweifellos. Die Bundeskanzlerin hat prompt auf den Brief reagiert, und zwar mit einem Video-Podcast, in dem sie versichert, die Bundesregierung kümmere sich um die Angelegenheiten der Künstler. Diese Stellungnahme wiederum ist in zahlreichen Internetblogs zum Gegenstand reflexhaft-sarkastischen Spotts geworden. Attackiert wird Merkels Bekenntnis etwa in dem für „Freiheit und Offenheit im digitalen Zeitalter“ streitenden Weblog „netzpolitik.org“. Man befürchtet eine neue Form der Zensur durch Internetsperrung für Delinquenten („chinesische Verhältnisse“, so Blogger Torsten). In England und Frankreich werden entsprechende Gesetze zur „Zivilisierung“ (Sarkozy) des Internets derzeit vorbereitet. Der offene Brief lobte diese Initiativen als vorbildlich.

          Netzpolitik.org bläst - vielsagend - zum Gegenangriff: „Der Video-Podcast eignet sich übrigens prima für Remixe, macht was draus.“ Leicht unbeholfen wirkt die Videobotschaft in der Tat: Aus einem dicken „Brett, das wir bohren müssen“, wird noch im selben Atemzug ein Kampf. Noch schlimmer, dass der Bundeskanzlerin der widersinnige Satz herausrutschte: „Denn das Herunterladen von Computern ist eine Sache, die nationale Grenzen nicht schützen können“. Gemeint war wohl: verhindern. Dass Frau Merkel Computer herunterlädt, sorgt für größte Belustigung in den Blogs. Die Schlussfolgerung: Mit Menschen, die fast nichts über das Netz wissen, kann man über das Netz nicht reden. Das aber ist falsch, ja gefährlich. In vielen Bereichen verlässt sich die Politik mit guten Gründen auf Fachgutachten.

          Verhärtete Fronten

          Andererseits sind Verbraucherrechte nur selten Thema. Auch die Politik entzieht sich so der Auseinandersetzung. Inzwischen sind die Fronten zu beiderseitigem Nachteil verhärtet. Wenn es etwas zu zivilisieren gilt, dann die Streitkultur. Mit Verhöhnung und Missachtung kommt man nicht weiter, Hemmung tut Not. Wir treiben auf einen ideologisch überhöhten Kulturkrieg zu, obwohl ihn niemand will. Auch der Großteil der Netzgemeinde weiß schließlich um die Bedeutung des Urheberrechts und bejaht die Verwertung von Kulturprodukten, die ja auch die eigenen sein könnten.

          Netzpolitik.org zum Beispiel verlangt keine Anarchie, sondern „zukunftsfähige Geschäftsmodelle“. Einfach parasitär zu existieren ist allerdings keines: Dass kulturell anspruchsvolle Inhalte nicht umsonst zu haben sind, sollte inzwischen allen klar sein. Dass Blogger, gerade die, die für Eigentumsfreiheit plädieren, in den seltensten Fällen selbst solche Inhalte kreieren, ist die Schattenseite der Angelegenheit. Der Reflexbogen ist überspannt. Das aber ist eine Chance für die Reflexion.

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