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„Unsere Mütter, unsere Väter“ : Wunschtraumata der Kinder

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Eine Rolle mit Entlastungsfunktion? Greta, gespielt von Katharina Schüttler, büßt im TV-Film für die Affäre mit Sturmbannführer Dorn mit dem Leben Bild: dpa

„Unsere Mütter, unsere Väter“ war grandios. Der Dreiteiler zeigt aber auch, dass Kinder und Enkel ihren Vorfahren Schuld und Scham abnehmen wollen. Beides gehört in unser aller Bewusstsein.

          Anders als die Väter und Mütter der Achtundsechziger, die zur Tätergeneration gehörten und gegen die man einfach rebellieren musste, waren „unsere Mütter, unsere Väter“ 1933 noch viel zu jung, um schuld sein zu können. Sie waren bei Hitlers Machtergreifung zehn oder dreizehn Jahre alt, und wenn die Filmhandlung von „Unsere Mütter, unsere Väter“ einsetzt, waren sie achtzehn oder einundzwanzig. Sie waren also nicht schuld an diesem Krieg, sondern in ihn verwickelt, sie wurden von seiner Gewalt beschädigt und erwachten geschlagen und traumatisiert in einem zerstörten Land. Und schwiegen.

          Wir, die wir hätten nachfragen können, waren noch nicht geboren. Und als wir fragen konnten, kamen uns die Achtundsechziger mit ihren Themen zuvor. Wir redeten über Sit-ins, Baader-Meinhof, über den Paragraphen 218, über Dritte Welt und das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt, aber nicht über Krieg und Vertreibung. Wir passten uns dem herrschenden Diskurs an, so wie sich unsere Eltern damals den Herrschenden anpassten. Wir waren so pragmatisch und bescheiden wie sie. Das Schweigen unserer Eltern und ihr Kümmern, dass es uns einmal bessergehen sollte, machte sie sympathisch und unantastbar, und so fiel uns ihre „andere Seite“, ihre Zurückhaltung, ihre Trauer, ihre Ängstlichkeit und ihre Emotionsarmut gar nicht weiter auf.

          Wie hättest du dich verhalten?

          Jetzt sind unsere Väter und Mütter über neunzig, steinalt, dement oder tot, und plötzlich sehen wir sie in HD als junge, gut aussehende Schauspieler in der eleganten Garderobe der vierziger Jahre und bemerken, dass sie tatsächlich einmal jung und unbekümmert waren. Wir „erleben“, wie sie ihre Träume und ihr Weltbild begraben mussten. Und ich kann mir vorstellen, dass die Lehrer unserer Kinder nach der Vorführung des Films viele Aufsätze mit der Fragestellung schreiben lassen: „Wie hättest du dich an Stelle deines Großvaters/deiner Großmutter damals verhalten?“

          Nicht den Film will ich kritisieren. Ich möchte der Frage nachgehen, ob er die pädagogische und familientherapeutische Funktion erfüllen kann, die ihm das ZDF zuweist. In der Pressemappe heißt es: „Schmerz, Schuld und Schweigen ziehen sich als Spätfolgen des kollektiven Traumas Zweiter Weltkrieg bis in unsere Gegenwart und hinein in unzählige Familiengeschichten. Und treffen, wie die moderne Forschung gezeigt hat, beileibe nicht nur die Generation der Kriegsteilnehmer selbst, sondern mitunter auch ihre Kinder und Enkel. Ihnen allen möchte dieser Dreiteiler Anlass und Ermutigung bieten, sich über die Generationen hinweg über die eigene Familiengeschichte auszutauschen - über das Verschüttete, Verdrängte und Unaussprechliche zu sprechen.“ Ist das möglich - siebzig Jahre nach den Ereignissen?

          Ein Trauma, auch ein kollektives, ist eine seelische Wunde, eine psychische Verletzung, die auf Gewaltereignisse zurückgeht, bei denen im Zustand von extremer Angst und Hilflosigkeit die Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums und der Gesellschaft überfordert werden. Dies führt zu einer dauerhaften Erschütterung des eigenen Selbst- und Weltverständnisses. Traumatisierten wird ihre Umgebung fremd, sie fühlen sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und glauben, sie hätten ihre Daseinsberechtigung verwirkt.

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