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„Unsere Mütter, unsere Väter“ : Wunschtraumata der Kinder

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Noch Mitte der fünfziger Jahre argumentierten Ex-Nazis wie der Tübinger Psychiater Ernst Kretschmer, der ausgerechnet in der Begutachtung von Nazi-Opfern tätig war (!), es gebe keine psychischen Traumatisierungen. Frühe Trauma-Forscher wie Hermann Oppenheim, Abram Kardiner, Alexander Mitscherlich, Kurt Eissler oder Ulrich Venzlaff blieben in ihrem Fach Außenseiter. Also hielten sich auch die Kriegs-Traumatisierten zurück. Nicht hinschauen, wegdrücken war der Inbegriff der deutschen Selbst-Therapie. Die wichtigste Schutzmöglichkeit psychisch traumatisierter Menschen, sagt Seidler, „ist die Fähigkeit, unerträgliche Wahrnehmungen und Erinnerungen an Wahrnehmungen abzutrennen von aushaltbaren Wahrnehmungs- und Erinnerungsinhalten“.

Todessüchtiges Frontschwein

Und nun kommt ein grandioser Fernsehfilm, gemacht von den Kindern und Enkeln der Traumatisierten - der Regisseur ist Jahrgang 74, der Autor Jahrgang 56 -, und versucht das Unmögliche. Die Kinder und Enkel, also die sekundär Traumatisierten, imaginieren das, was ihre Eltern „erlebt“ haben. Doch indem sie es imaginieren (also fiktionalisieren), beschönigen sie es zugleich, weil es ja um ihre Eltern und Großeltern geht. Das doppelt verwendete besitzanzeigende Fürwort „Unsere“ im Titel ist eine vorsorgliche, klug gewählte Vereinnahmung des Publikums: Es immunisiert gegen Kritik. Kinder wollen ihren Eltern beistehen. Das ist verständlich und liebenswert. Aber sie schaden den Eltern womöglich bei der Bewältigung ihres Traumas. Die Filmemacher moralisieren, sie gehen gnädig mit ihren Müttern und Vätern um, ihre Protagonisten sind einfach zu gut. Nach jeder Szene möchte man fünf Tapferkeitsmedaillen vergeben. Unsere Eltern werden durch die beeindruckende Schonungslosigkeit geschont, die der Kunstblut-Hyperrealismus der Kriegsszenen vorgaukelt.

Das Doku-Drama repräsentiert also nicht die Traumata der Eltern, sondern die Wunschtraumata ihrer Kinder. Es sind eingebildete Flashbacks, mit denen die sekundär Traumatisierten den Eltern Schuld und Scham abnehmen wollen und Gerechtigkeit für sie einfordern. Da gibt es die beiden jungen Frauen, die mit ihren Rettern und Gönnern ins Bett gehen, um ihre Freunde zu retten. Da gibt es den stillen Juden und die guten Brüder. Da gibt es den anständigen nachdenklichen Wilhelm, der allen Prüfungen zum Trotz das Martyrium des Krieges übersteht. Mit ihrem Leben büßen müssen die Sängerin, die sich zu sehr mit den Nazis einlässt, und der jüngere Bruder, der sich vom sensiblen Außenseiter zum enthemmten todessüchtigen Frontschwein entwickelt. Auffallend, dass es gerade zu diesen beiden Film-Figuren keine Entsprechung in der begleitenden Augenzeugen-Dokumentation gibt. Keine der befragten Zeitzeuginnen spricht von ihren Nazi-Liebschaften, keiner der Zeitzeugen erwähnt lustvoll begangene Grausamkeiten. Solche Eltern hätte man nicht gewollt. Also haben sie (im Film) nicht überlebt.

Transgenerationale Traumatisierung

Es ist der verständliche Wunsch von Kindern, ihre Eltern in Schutz zu nehmen und zu verstehen. Aber es ist eben auch ein hilfloser Versuch von sekundär Traumatisierten, die sich keine eigenen Meinungen und Gefühle zutrauen, weil sie glauben, Rücksicht auf die verletzten Seelen ihrer Eltern nehmen zu müssen. Diese selbstverleugnende Rücksichtnahme hat mich und meine Generation geprägt, sie unterscheidet uns von den Achtundsechzigern. Die Achtundsechziger haben als Zwanzigjährige die schmerzhaften Fragen gestellt, wir haben in übertriebener Vorsicht gewartet, bis unsere Eltern zu alt dafür waren. Für sie kommt der Film leider zu spät.

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