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„Unsere Mütter, unsere Väter“ : Wunschtraumata der Kinder

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Manche kapseln sich ab, manche schweigen, während sie nach außen hin funktionieren. Oft entwickelt sich erst nach langer Zeit eine „posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) mit Depressionen, Wutausbrüchen, Vermeidungsverhalten, Albträumen, Angstzuständen und sogenannten Intrusionen. Das sind Erinnerungsbruchstücke, die auftauchen, wenn sie - im Alltag oder in Stresssituationen - durch ein Erlebnis, einen sogenannten Ähnlichkeitsreiz, „getriggert“ werden. Das kann ein Geräusch sein, ein Geruch, eine Bewegung, ein Bild, ein Schatten, eine Stimme - oder ein Fernsehfilm über den Krieg.

Die Kunst des Psychotherapeuten

Die Erinnerungsbruchstücke quälen, und die Betroffenen möchten, „dass das endlich aufhört“, aber die Intrusionen haben keinerlei Verbindung zur Person und sind deshalb unerreichbar. Sie sind zwar sensomotorisch, visuell und affektiv im Hirnstamm gespeichert, aber es fehlt die bewusstseinsbildende Verbindung zur Hirnrinde und damit die Versprachlichung. Da die Menschen in den von ihnen erlebten Gewaltsituationen zur bloßen Sache degradiert waren, ausgeliefert und entmächtigt, fehlt ihren Erinnerungsbruchstücken buchstäblich der Besitzer, das Ich. Das Quälende kann nicht ins Bewusstsein integriert werden, weil es „subjektlos“ im Körper der Traumatisierten vagabundiert wie ein wandernder Granatsplitter im Kopf eines angeschossenen Wehrmachtssoldaten.

Die Kunst des Psychotherapeuten ist es, die Verbindung zwischen dem Erinnerungsbruchstück und der Person, die unter den quälenden Intrusionen leidet, herzustellen. Der Therapeut, so der Psychotraumatologe Günter Seidler, muss das „Erleidnis“, das „Widerfahrnis“ zu einer persönlichen Erfahrung „umformatieren“, es dem Ich also verfügbar machen. Erst dann ist es möglich, in Worte zu fassen, was einem zugestoßen ist. Aus der Intrusion wird Erinnerung.

Der Staub der Geschichte

Kann (und will) der Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ das leisten? Können die vom ZDF empfohlenen Familien-Gespräche die Bruchstücke so integrieren, dass sie aus ihrer Abgespaltenheit ins Bewusstsein vordringen und verarbeitet werden? Ich bezweifle, dass die Kinder und Enkel der Traumatisierten dazu fähig sind. Ich bezweifle auch, dass der Film dafür geeignet ist.

Erst in den neunziger Jahren, in Folge des Vietnamkriegs und der internationalen Holocaust-Forschung, rückte die Psychotraumatologie als neue Disziplin in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit. Dabei stieß man auch auf das Phänomen der „sekundären“ beziehungsweise „transgenerationalen“ Traumatisierung. Man entdeckte, dass ein Trauma so ansteckend sein kann wie ein Virus; dass es die Angehörigen infiziert und von Generation zu Generation weitergegeben wird. Oder, wie es der Reporter Wolfgang Büscher in seinem Buch „Berlin - Moskau“ so wunderbar ausdrückte: Der Staub, den die gewaltige Explosion des Zweiten Weltkriegs in die Atmosphäre geschleudert hat, regnet noch immer auf uns herab. Die gewaltgesättigte deutsche Geschichte der letzten hundert Jahre prägt uns bis heute, und zwar jeden.

Deutsche Selbst-Therapie

Seit die ersten „Kriegszitterer“ aus dem Ersten Weltkrieg nach Hause kamen und für nichts mehr zu gebrauchen waren, versuchte die deutsche Psychiatrie, die erlittenen seelischen Verletzungen zu leugnen. Gute Soldaten, meinte der Psychiater Karl Bonhoeffer 1926, seien unbegrenzt belastbar, der Organismus eines starken Kriegers sei in der Lage, schreckliche Erlebnisse „unbegrenzt auszugleichen“. Die Traumatisierten wurden zu Simulanten erklärt, die nur darauf aus seien, sich hohe Renten zu erschleichen.

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