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„Unsere Mütter, unsere Väter“ im ZDF : Die Geschichte deutscher Albträume

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Tom Schilling als Wehrmachtssoldat Friedhelm Winter in dem ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ Bild: Kerstin Stelter/ZDF

Warten Sie nicht auf einen hohen Feiertag, versammeln Sie jetzt Ihre Familie: Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ beginnt am Sonntag und ist die letzte Chance, über die Generationen hinweg die Geschichte des Krieges zu erzählen.

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          Man braucht sechs Augenpaare, um diesen Film zu sehen. Sechs Augenpaare, die nichts anderes wären als die Blicke dreier Generationen: Großeltern, Eltern, Kinder. Sie müssen gemeinsam sehen, was auf dem Bildschirm geschieht. Dann wird man vielleicht die Erfahrung machen, wie es ist, wenn Tote ins Leben zurückkehren.

          Deshalb der unerbetene Rat an die Leser: Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern. Wo immer möglich, sollten Eltern den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ zusammen, mit ihren Kindern ansehen (freigegeben, trotz einiger sehr grausamer Szenen, ab 12 Jahren). Und dort, wo es die Familiendemographie erlaubt, zusammen mit den Kindern der Kinder. Warum sich solche Verabredungen für Silvester aufsparen? Es tickt eine ganz andere Uhr: In Europa geht gerade die Zeitgenossenschaft des Zweiten Weltkrieges zu Ende. Die Minuten und Sekunden verrinnen; bald ist keiner mehr da, der noch dabei war.

          Die Geschichten, die bis Mitternacht nicht erzählt sind, werden nie mehr erzählt werden. Fragen, die einem viel zu spät einfallen, wenn niemand mehr da ist, sie zu beantworten. Wir befinden uns, was das kollektive Gedächtnis angeht, eine Minute vor Mitternacht. Nicht mehr lange, und alles wird nur noch Fotografie, Film oder Buch sein. Und ausgerechnet ein ZDF-Film soll da eine letzte Chance sein, die Uhr anzuhalten und zumindest eine Stunde dazuzugewinnen? Ja, das ist so. Die Reaktionen derjenigen, die ihn bisher gesehen haben, sprechen dafür.

          Die Frage war: Was habt ihr nicht erzählen können?

          „Opa erzählt wieder vom Krieg“: Das war immer eine Wilhelm-Busch-Version der wirklichen Verhältnisse, eher 1871 als 1945. Die Frage war immer eine ganz andere: Was war es, was ihr nicht habt erzählen können? Die Antwort darauf war nicht nur moralisch prekär. Sie war es auch grammatikalisch. Sätze brauchen ein Subjekt, Erzählungen brauchen Identifikationsfiguren. Was aber, wenn da nichts zum Identifizieren ist?

          Die Deutschen haben mühsame Aus- und Umwege gesucht, um das Problem zu lösen. Sie haben Kinderfiguren in den Mittelpunkt ihrer Nachkriegsidentifikation gestellt, einen, der nicht mehr wächst und auch als Erwachsener Kind bleibt wie Oskar Matzerath, oder den Schulaufsatz in Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“, um nur die einflussreichsten Ich-Erzählungen zu nennen.

          Lange Zeit wurde die Darstellung des erwachsenen Subjekts im Krieg an Klischee-Fabriken eines Konsalik ausgelagert, bis dann die Kinder von einst selbst Erwachsene, Eltern und schließlich Großeltern geworden waren. Da stehen wir heute. Und nun kommt ein ZDF-Dreiteiler und riskiert nichts weniger, als die Geschichte noch einmal neu zu erzählen. In der Tat: mit sehr jungen Menschen, alle zwischen 20 und 25 Jahre alt, als Protagonisten. Aber es sind junge Menschen, die unterdessen zu Eltern, Großeltern oder sogar Urgroßeltern geworden sind. Von dieser Verbindung in unsere Jetzt-Welt ist dieser Film nicht zu lösen.

          Das sind die fünf Freunde, die sich an Silvester 1940 in Berlin treffen und sich versprechen, bis Weihnachten 1941 siegreich wieder zu Hause zu sein: Charlotte (Miriam Stein, links), Wilhelm (Volker Bruch), Greta (Katharina Schüttler), Friedhelm (Tom Schilling) und Viktor (Ludwig Trepte)

          Man wacht in einem Albtraum auf. Und wer noch Kontakt zu den letzten Überlebenden jener Generation hat, der weiß, dass das keine feuilletonistische Metapher ist. Am Tage funktionierten alle perfekt, schon fast unmittelbar nach Kriegsende, und die letzten Szenen des Films geben davon eine gute Vorstellung. Vielleicht also müsste man sich den Nächten zuwenden. Man müsste eine Geschichte schreiben, wer alles in den Jahrzehnten dieser erfolgsverwöhnten Bundesrepublik nachts in Albträumen aufwachte und wer einen ruhigen Schlaf hatte.

          Der Film will es wissen: jetzt

          Diese auffällige, fast manische Beschäftigung mit Träumen etwa in den „Spandauer Tagebüchern“ des Albert Speer, die immer wirken wie Geschichten, die man erzählen müsste und die mitten im Satz steckenbleiben, bis schließlich der ganze Mensch nur noch ein angefangener, steckengebliebener Satz ist, der nie ausspricht, was er sagen wollte.

          Das ist das Stichwort dieses Films. Er will es jetzt wissen. Er will den Satz zu Ende sprechen. Verständlich, dass es da Befürchtungen gibt. Doch ehe man abwinkt, wie es jetzt manche tun, weil man es „nicht mehr hören kann“, oder andere, durchaus zu Recht, die „Hitler sells“ rufen: Nichts dergleichen liegt hier vor.

          Fünf Freunde, die sich 1941 in Berlin treffen, darunter ein Jude, und die unsere Eltern oder Großeltern sein könnten, junge, sympathische Leute, ein wirklicher Nazi ist nicht unter ihnen. Und nun zeigt der Film, wie sich in nur vier Jahren Charakter, Person, Moral und Land fundamental verändern. „Verändern“ ist hier nur ein anderes Wort für den Prozess einer vollständigen Vernichtung.

          Als Zuschauer befindet man sich bei den drei Teilen dieses Films in einer ständigen Suchbewegung: Immer will man sein „Vertrauen“ an einer Figur festmachen, sich mit ihr identifizieren und - das Wort ist keinesfalls zu pathetisch - eine Art von moralischer und sozialer Geborgenheit in einer intakten Persönlichkeit finden. Es ist genau das, was den Titel „Unsere Mütter, unsere Väter“ so überaus plausibel macht: Die Ursehnsucht nach demjenigen oder derjenigen, die einen nicht im Stich lassen. Aber die Sehnsucht, die der Film am Anfang befördert, entzieht er mit jeder Minute.

          Die barbarische Kälte der Welt

          Da ist, von Viktor, dem verfolgten Juden, abgesehen, niemand, der nicht an dem Prozess der moralischen Selbstzerstörung beteiligt wäre. Das ist, jenseits einiger Szenen, das Grausame dieses Werks: Es reproduziert die barbarische Kälte der Welt, die es beschreibt, indem es den Zuschauer in Illusionen wiegt, die es sogleich selbst zerstört. Eine umfängliche Literatur hat immer wieder die Charakteristika der Täter durchleuchtet, von den Einsatzgruppen bis zum politischen Personal des Dritten Reichs.

          Was aber viel schwerer zu verstehen ist, das ist eine Figur, die als junge Krankenschwester sogar russischen Kriegsgefangenen beisteht und dennoch, in einem nachgerade unfassbar routinierten Prozess, die jüdische Mit-Krankenschwester denunziert. Eine Figur, die die Entmenschlichung des Krieges durchschaut, sich den Parolen entzieht und dennoch auf die Idee kommt, Kriegsgefangene zum selbstmörderischen Aufspüren von Minen einzusetzen.

          Unmöglich, alle Details dieses Films zu beschreiben. Selten zuvor beispielsweise hat man so sehr verstanden, wie die Indoktrinationsmaschine des Nationalsozialismus funktionierte. Und eigentlich noch nie hat man so klar sehen können, dass auch die Feinde der Nazis nicht die Freunde ihrer Opfer sein mussten. Die - authentische - Geschichte des Juden Viktor, der unter Partisanen gerät, die aus ihrem Antisemitismus keinen Hehl machen, gehört zu den berührendsten Momenten dieses Films. Er zeigt, anders, als es unsere Hollywood-Phantasie uns einredet, dass die Opfer in Wahrheit vollständig allein und einsam waren: eine in humanistischer Empörung vereinte zivilisatorische Gegenwelt, wie sie Thomas Mann in seinen Radioansprachen beschworen hat, war in Wahrheit wie die Zivilisation eines anderen Planeten.

          Eine neue Phase der Aufarbeitung

          Dieser Film, den Nico Hofmann produziert und dessen vorzügliches Drehbuch Stefan Kolditz geschrieben hat, besitzt in seiner unbestreitbaren Wucht und Monstrosität die Chance, den letzten Zeitgenossen noch einmal inmitten ihrer Familie die Zunge zu lösen. Er leitet, das haben Vorabkritiken mit Recht hervorgehoben, eine neue Phase der filmisch-historischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus ein.

          Schwer zu verstehen: Die Krankenschwester Greta (Katharina Schüttler) - hier zusammen mit ihrer Freundin Charlotte (Miriam Stein) - steht sogar russischen Kriegsgefangenen bei, denunziert aber eine jüdische Mit-Krankenschwester

          Nico Hofmann, den mancher gerne für unernst hält, weil er auch unernste Stoffe produziert, ist selbst der Protagonist dieser neuen Phase. Er, Jahrgang 1959, der nun endgültig zu den ganz großen Produzenten des Landes gezählt werden muss, redet auch von seiner eigenen Mutter und seinem eigenen Vater, und man geht nicht zu weit, wenn man behauptet, dass er die siebenjährige Arbeit an diesem Film auch deshalb auf sich nahm, um mit seinen Eltern ein letztes Mal ins Gespräch zu kommen.

          Die Ernsthaftigkeit, die Detailtreue, die Kompromisslosigkeit, mit denen er es tat, sind bewundernswert und haben das Zeug dazu, die Seele des Landes anzurühren. Wer wäre man selbst in diesem Film gewesen? Wer wäre man geworden, wenn man 1941 zwanzig Jahre alt gewesen wäre? Das sind die zukunftsweisenden und am Ende unabweisbaren Fragen, die Nico Hofmanns großes Werk im Zuschauer zurücklässt.

          Eine Ahnung von der Brutalität der Wahrheit

          Und wenn wir schon bei unerbetenen Ratschlägen sind: Ein weiterer, ungleich profanerer wäre, bei der populären Gebührendebatte und der Diskussion über die Zukunft öffentlich-rechtlicher Systeme pragmatischer zu argumentieren. Dass das ZDF unter dem Intendanten Bellut das Risiko dieses Films einging - allein die Brutalität wird Debatten hervorrufen, wenn man vergisst, dass die Brutalität des Films nur eine Ahnung der Brutalität der Wahrheit ist -, verdient nicht nur großen Respekt. Es zeigt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen vermag und wozu es da ist - und umgekehrt, wozu wir da wären: den Beteiligten den Mut zu machen, dass sich solche Risiken lohnen können.

          Ein Land, das sich über einem neuen „Tatort“ mit Til Schweiger spaltet und darüber tagelang öffentlich diskutiert, wird, so ist zu hoffen, die Chance, ja, das Geschenk einer Selbsterkundung, die dieser Dreiteiler darstellt, annehmen. Es wird vielleicht weniger laut und auch nicht in digitaler Echtzeit geschehen; es wird hoffentlich in den Familien und mit Freunden diskutiert, vielleicht auch nur so wie in der Redaktion dieser Zeitung geschehen, dass sehr junge Leute ihre Eltern nach den längst verstorbenen Großeltern fragen.

          Familiengeschichten sind Produktionsstätten von Identitäten; man lernt vom Scheitern und Versagen mehr als von den Erfolgsgeschichten der Wirtschaftswundergeneration. In einem Europa, das jetzt zu vergessen beginnt, was es einst war, sind solche Familiengeschichten auch der Kern der europäischen Idee - und sei es nur, dass man begreift: Das alles liegt erst eine Generation zurück.

          Wir haben die Chance zu begreifen

          Man schaue diesen Film. Man kritisiere ihn (oder den Rezensenten), man tadele, seine Ausführung, die (großartigen und völlig unverbrauchten) Schauspieler, aber man schaue ihn wenigstens an. Es ist nicht nur ein Film, es ist eine soziale Plattform. Man muss zumindest eine Ahnung davon haben, welche Träume in den Nächten dieser reichen Republik geträumt wurden, welche Schuld verarbeitet oder ignoriert wurde und wie sie das verwandelten, was wir am hellen Tag erlebten: die Generation der Politiker, die noch wusste, was ein Krieg war, und all der anderen, die wussten nicht nur, wozu Menschen, sondern auch, wozu sie selbst fähig waren.

          Sein Weg führt von der Überzeugung zur Desertion: Wilhelm Winter (Volker Bruch)

          Dieses Bewusstsein schwindet, und dieser Film hält es wach. In ihrem Werk „Das Leiden anderer betrachten“ hatte Susan Sontag geschrieben: „Die Toten interessieren sich nicht im geringsten für die Lebenden. Wir begreifen nicht. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie das war. Wir können uns nicht vorstellen, wie furchtbar, wie erschreckend der Krieg ist; und wie normal er wird. Können es nicht verstehen und können es uns nicht vorstellen.“

          Das ist aus der Perspektive der Toten gesprochen. Aber solange es noch Lebende gibt, haben wir die Chance zu begreifen. „Kommt, reden wir zusammen, wer redet, ist nicht tot“, lautet die berühmte Zeile von Gottfried Benn. Nico Hofmann und das ZDF geben uns dazu jetzt die Chance.

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