https://www.faz.net/-gsb-77nsa

Philipp Kadelbach im Gespräch : Darf ich zu diesen Figuren Nähe aufbauen?

  • Aktualisiert am

14 Millionen Euro Budget, 86 Drehtage, 141 Sets in Lettland, Litauen und Deutschland, 150 Stunden Material: Philipp Kadelbach hatte es im Griff. Bild: Algimantas Babravicius

Er hat „Unsere Mütter, unsere Väter“ gedreht, einen Film, der im deutschen Fernsehen ohne Vergleich ist: Philipp Kadelbach über Handwerk, das er hinter sich lassen, und Täter, in die er sich hineinversetzen musste.

          Herr Kadelbach, Sie sind Jahrgang 1974, geboren in Frankfurt. Und haben jetzt für das ZDF „Unsere Mütter, unsere Väter“ gedreht, einen epochalen Dreiteiler über den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit. Wie war Ihr Zugang zu dem Thema?

          Mich hat schon beim ersten Lesen das Drehbuch gepackt. Die fünf Hauptfiguren haben mich interessiert - wie es weitergeht mit denen. Das Drehbuch von Stefan Kolditz war für mich das Entscheidende, nicht das Genre. Ich musste nicht unbedingt einen Kriegsfilm drehen.

          Hatten Sie keine Manschetten ob des Sujets? Die Amerikaner können von Zweiten Weltkrieg Heldengeschichten erzählen. Wir nicht.

          Und sie bringen Stücke wie „Saving Private Ryan“ oder „Band of Brothers“ hervor. Aber unser Drehbuch vermag es, unter ganz anderen Vorzeichen eine gewisse Identifikation mit den Figuren zu schaffen. Das hat mich emotional angesprochen. Ich habe mir gedacht: Eigentlich sind das doch Nazis, Wehrmachtssoldaten, Menschen, die sich moralisch beschädigen und schlimme Dinge tun. Darf ich überhaupt zulassen, zu diesen Figuren eine Nähe aufzubauen? Es war ein Zwiespalt: Ich kann nachvollziehen, wie sie sich verhalten, aber es bleibt nichtsdestoweniger schlimm. Die Zeit aus der Introspektive der Figuren zu verstehen, das hat mich interessiert. Aus dieser Perspektive ist eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs so - glaube ich - noch nicht erzählt worden. Es ist kein Film über den Widerstand, es ist kein Film aus der Perspektive anderer Nationen. Wir verharmlosen nichts. Zivilisten, Frauen, Kinder werden ermordet, den guten Wehrmachtssoldaten gibt es nicht. Man geht in den Film mit jungen Menschen, die vom Nationalsozialismus fasziniert sind, und erlebt ihre innere Zerstörung.

          Die beiden Brüder Wilhelm und Friedhelm gehen an die Ostfront und nehmen eine ganz gegensätzliche Entwicklung. Der Vorzeigeleutnant wir zum Zweifler, der Friedfertige wird zum Killer.

          Innere Zweifel haben sie beide. Die Figuren haben ihre Drehmomente, das im Film herauszuarbeiten, ist die Aufgabe. Wenn Wilhelm einen jungen russischen Kommissar exekutiert, geschieht etwas mit ihm und mit seinem Bruder. Ebenso, wenn sie mitansehen, wie vor ihren Augen ein kleines Mädchen erschossen wird. Sie laden Schuld auf sich und - machen weiter. Sie sterben innerlich ab.

          Einer verzweifelt, der andere wird zum Killer: die Brüder Wilhelm (Volker Bruch) und Friedhelm Winter (Tom Schilling)

          Gab es den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit in Ihrer Familie - als erinnernde Erzählung?

          Über den Film konnten wir in meiner eigenen Familie leider nicht mehr sprechen, mein Vater und mein Großvater leben nicht mehr. Mir wurde der Zweite Weltkrieg vor allem in der Schule vermittelt. Meine Eltern gehörten der Generation an, die sich komplett gegen ihre Eltern stellte, die gegen den Vietnam-Krieg demonstrierte und alles anders machen wollte. Mein Großvater war bei der Wehrmacht und meine Großmutter eine erfolgreiche Sportlerin. Wenn wir meine Großeltern sonntags besuchten und es um das Thema NS-Zeit ging, ist es immer eskaliert. Mein Vater hatte eine ganz klare Anti-Haltung, mein Großvater hat dicht gemacht, und ich habe es nicht verstanden. Erst im Nachhinein.

          Es wäre schön, wenn „Unsere Mütter, unsere Väter“ junge Zuschauer erreichte.

          Das wünsche ich mir sehr.

          Mussten Sie aufgrund von Vorgaben Kompromisse machen bei der Darstellung der Grausamkeiten?

          Nein, musste ich nicht. Ich habe mich im Schnitt aber schon selbst gefragt, was man wie zeigen kann. Ich glaube nicht, dass die Härte des äußeren Geschehens den Film ausmacht, sondern die Veränderung der Figuren. Es wird schlimmer und schlimmer - für alle Beteiligten, ohne dass sie es verarbeiten können. Wie sich die Summe der Grausamkeiten in der Psyche der Personen niederschlägt, das verursacht eine ganz andere Form von Schmerz.

          Es gibt in „Unsere Mütter, unsere Väter“ keinen emotionalen Fluchtpunkt, nur Tod, Verderben und Erschütterung.

          Es gibt ruhige Momente, aber nur akustisch. Es ist eine einzige Abwärtsspirale. Das ist schwierig, auch für den Zuschauer. Aber ich denke, dass es sich lohnt, den Figuren zu folgen - dem verfolgten Juden, den beiden Soldaten, der Lazarettschwester, der Sängerin.

          Fünf Freunde, vor dem Weg nach ganz unten: Greta (Katharina Schüttler), Wilhelm (Volker Bruch), Charlotte (Miriam Stein), Friedhelm (Tom Schilling) und Viktor (Ludwig Trepte)

          Ich hatte nach dem Film lange die fünf Figuren, von denen Sie handeln, im Sinn. Die glänzend gespielt werden.

          Es ist ein Kriegsfilm, aus fünf jungen Menschen heraus erzählt. Und die Schauspieler - Miriam Stein, Katharina Schüttler, Volker Bruch, Tom Schilling und Ludwig Trepte - machen das in meinen Augen ganz großartig. Die Schwierigkeit bestand darin, ihre Figuren nicht nur nebeneinander herlaufen zu lassen. Sie haben - wenn man von den Brüdern Friedhelm und Wilhelm absieht - nur wenige gemeinsame Szenen. Da muss man sich als Regisseur jederzeit fragen: Bei wem will ich jetzt verweilen, wen nehme ich als nächsten in den Blick, wann gerät ein Charakter in Vergessenheit, hat er sich inzwischen verändert, was ist mit den anderen? Es galt, immer das Ganze zu überblicken. Am Ende war der Schnitt des Films entscheidend. Ich bin sehr dankbar, dass wir sehr lange - ein ganzes Jahr - am Schnitt arbeiten durften.

          Beim Dreh dirigieren Sie ein Riesenorchester. Da kann man sich kaum vorstellen, wie das am Ende zusammenfindet. Die Szenen, die man im Schnitt braucht, muss man ja auch erst einmal drehen.

          Es braucht eine gute Vorbereitung, man muss Szenen zunächst einmal bauen. Als Regisseur schaue ich zu und komme währenddessen auf neue Ideen. Wenn man gute Schauspieler hat, bringen die einen permanent auf Ideen, so entsteht ein kreativer Prozess. Die Farbe des Films habe ich im Kopf, die habe ich verinnerlicht, ebenso mein Kameramann David Slama. Da kommt man dann auch nicht auf falsche Ideen, wie: Lass uns mit dem Helikopter über die Szene fliegen und zeigen, was wir haben. Das hätte den Film beschädigt. Irgendwann haben alle am Set den Geist des Films eingesaugt, und dann stimmt es.

          Sie kommen ursprünglich vom Werbefilm, haben Hunderte gedreht, sind ins Spielfilmfach gewechselt und nun bei einem monumentalen Format gelandet. Das müssen doch komplett verschiedene Welten sein.

          Handwerklich erst einmal nicht. Werbung ist - Handwerk. Da geht es um Zeitgeist und eine möglichst innovative Verpackung. Da lernt man, was wie geht. Wie muss das Licht sein, was gibt das Budget her, welche Kamera setze ich ein? Wenn man zum Spielfilm wechselt, kann man den Fehler machen, sich allein auf das Handwerk zu verlassen. Das sieht dann toll aus, aber was ist mit dem Inhalt, geht es den Zuschauern an Verstand und Herz? Wenn man das Handwerkliche hinter sich lässt, kommt man zum Entscheidenden.

          An der Ostfront: Wilhelm Winter (Volker Bruch) und seine Männer im Schützengraben

          Wir haben 2013. Der Zweite Weltkrieg endete vor achtundsechzig Jahren. Haben Sie eine Erklärung, warum es einen solchen Film erst jetzt gibt?

          Ganz ehrlich? Nein. Vielleicht ist es die Schuld, die Verarbeitung der Geschichte hat Zeit gebraucht. Eigentlich kommen wir zu spät. Aber wenn man sieht, welche Reaktionen die Wehrmachtsausstellung noch vor knapp zehn Jahren hervorgerufen hat, vielleicht auch nicht. Man hätte den Film auch schon damals drehen können. Aber vielleicht sind wir es jetzt bereit dazu.

          Aus der Kriegsgeneration leben nur noch wenige.

          Ich hatte in der Pressekonferenz einen Zeitzeugen, der die Geschichte allein dokumentarisch betrachtet hat und die fiktionale Verarbeitung nicht an sich heranließ. Aber es waren bei unseren Test-Vorführungen auch sehr viele ergriffen.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Wirtschaft in Amerika : Trumps Sommer des Missvergnügens

          Signale eines Konjunktureinbruchs in Amerika machen Trump nervös. Die Wirtschaftslage könnte seine Wiederwahl 2020 gefährden. Die Reaktion des Präsidenten zeigt ein bekanntes Muster.

          Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Ein Bild von Japans Ministerpräsident Abe wird während einer Demonstration in Südkorea verbrannt.

          Handelskonflikt mit Japan : Südkoreas Angst vor dem Fukushima-Wasser

          Seoul hat Angst vor atomar verseuchter Nahrung aus Fukushima. Deshalb gibt es für Südkoreas Sportler während der Olympischen Spiele in Tokio möglicherweise eine eigene Kantine. Der Konflikt zwischen den Ländern spitzt sich immer weiter zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.