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Martin Illmer : Das besiegte Vaterland

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Der Vater von Martin Illmer wusste, wer den Krieg begonnen und mit Grausamkeit geführt hatte. Trotzdem war Deutschland für ihn 1945 nicht befreit, sondern besiegt worden. Das Ende des Kriegs war auch das Ende seiner Kindheit.

          5 Min.

          Ich bin Jahrgang 1975, mein Vater war Jahrgang 1935, sein älterer Bruder Jahrgang 1930 und mein Großvater väterlicherseits Jahrgang 1899. Mein Großvater starb, als ich fünf Jahre alt war. Über seine Empfindungen und Ängste im Krieg habe ich daher mit ihm nie reden können. Nach den Erzählungen meines Vaters zog mein Großvater ohne große Begeisterung in den Krieg, nachdem er den 1. Weltkrieg bereits ab 1916 als Siebzehnjähriger in Frankreich mitgemacht hatte. Zunächst Soldat der 6. Armee, wurde er 1941 „UK“ gestellt (unabkömmlich), da er als Diplomlandwirt die Versorgung der Bevölkerung durch beratende Tätigkeit auf großen Gütern in Schlesien organisieren und sicherstellen sollte. Wäre er mit der 6. Armee nach Stalingrad gezogen, hätte ich ihn wohl nie kennengelernt. 1945 wurde er noch einmal zum Volkssturm eingezogen, kämpfte vor Berlin und schließlich in der Schlacht um Berlin, bis er verwundet wurde, bei Verwandten unterkam und nach Kriegsende zur geflohenen Familie nach Göttingen zurückfand.

          Die Erinnerungen meines Vaters an seine ersten zehn Lebensjahre in Breslau 1935-45 und die Flucht waren Zeit seines Lebens sehr stark. Er hat diese Erinnerungen für meinen Bruder und mich aufgeschrieben –  Auszüge daraus finden sich in Walter Kempowskis Echolot, sowohl aus dem Jahr 1943 (die noch unbeschwerte Kindheit) und 1945 (die Flucht als das Ende der Kindheit) – und er hat uns oft von seiner kindlichen Perspektive auf den Krieg erzählt, der für ihn bis zur Flucht 1945 ein weit entfernter Krieg aus dem Radio und bei Paraden war. Dass er sich freute, wenn im Radio ein Erfolg der Wehrmacht verkündet wurde. Dass er am Straßenrand in Breslau stand, als der Sarg einer gefallenen Fliegerlegende mit großem Staatsbegräbnis durch die Straßen gezogen wurde. Dass die Kindheit trotz des Krieges im deutschen Osten, der von Luftangriffen weitgehend verschont blieb, unbeschwert war. Dass er noch Mitte 1945 bei Göttingen erlebte, wie englische Tiefflieger deutsche Zivilisten abknallten. Dass er am 13. Februar 1945 in Göttingen im Luftschutzkeller saß, als die englischen Fliegergeschwader gen Dresden flogen. Dass er sich am 8. Mai 1945 nicht befreit, sondern besiegt fühlte.

          Schwere Einsicht

          So sehr er objektiv einordnen konnte, wer diesen Krieg begonnen und mit Härte und Grausamkeit vor allem im Osten vorgeführt hatte, so sehr war er doch Zeit seines Lebens in seiner persönlichen Erfahrung gefangen: Deutschland als das besiegte Vaterland und die Deutschen als Opfer. Denn er selbst war als Vertriebener zum Opfer geworden, ohne selbst jemals unmittelbarer Täter gewesen zu sein. Das, was er unmittelbar erlebt hatte, prägte seine Rückschau. In unseren Diskussionen hatten wir daher oft Mühe, das persönlich Erlebte und das tatsächlich darüber hinaus Geschehene miteinander zu verbinden und in Einklang zu bringen. Ich erinnere mich gut an unsere Diskussionen anlässlich der Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“. Es fiel ihm schwer, einzusehen, dass auch die Wehrmacht in die Verbrechen verstrickt war – zu oft hatte er als Kind suggeriert bekommen, die deutschen Soldaten seien die guten, tapferen und ehrenvollen Helden, die das deutsche Volk und damit auch ihn verteidigten. Er wollte manchmal nicht sehen, was ihm doch eigentlich klar sein musste und auch klar war, was man in anderen Diskussionen und weniger aufgeheizten Gesprächen merkte.

          Aus der Ferne des Radios plötzlich ganz nah kam der Krieg für meinen Vater mit der Flucht 1945, die sicherlich das einschneidendste Erlebnis seines Lebens war, obwohl er sie in seinen Erinnerungen als „Bilderbuchflucht“ zusammenfasst, da er mit seiner Mutter und dem Bruder innerhalb von drei Tagen von Breslau mit der Eisenbahn ans Reiseziel Göttingen zur Großmutter gelangte. Was er auch bei dieser „Bilderbuchflucht“ noch erlebt hat – die Ungewissheit noch mitzukommen, als ein Zug nach dem anderen durchfuhr und nicht an dem kleinen Bahnhof „Breslau-Hartlieb“ hielt, bis der letzte doch hielt, Flüchtlinge auf den Trittbrettern, der Bombenangriff auf den Leipziger Bahnhof, die KZ-Häftlinge auf Güterwaggons während dieses Luftangriffs, Tieffliegerangriffe nach der Ankunft in Göttingen – ließ mich bereits als Jugendlicher die Grausamkeit und das Leid des Krieges erahnen. Nach Breslau ist er nur einmal mit seinem Bruder zurückgekehrt – in den Siebzigern. Es war für ihn eine fremde Stadt. Mit der polnischen Familie, die nun die Wohnung seiner Eltern bewohnte, hielt er aber noch lange freundlichen Kontakt per Briefwechsel.

          Ende einer Kindheit

          Neben den schrecklichen Erlebnissen auf der Flucht bedeutete diese jedoch für meinen Vater und seinen Bruder das abrupte und brutale Ende ihrer Kindheit, einer trotz des Krieges an sich behüteten Kindheit. Der große Bruder musste bis zu der Rückkehr des Vaters die Familie versorgen. Er war nicht mehr Kind, sondern Versorger. Verantwortlich für den Rest der Familie. Dies musste jedoch bis zum Kriegsende unter Leugnung seiner Identität geschehen: Er war als Hitlerjunge 1945 zur Verteidigung der Festung Breslau einkaserniert worden. Meine Großmutter ließ ihn nach einem Besuch zu Hause Mitte Januar nicht mehr zurück in die Kaserne, rief sogar noch in der Kaserne an und teilte dies mit, woraufhin man ihr mittteilte, dies sei Fahnenflucht und darauf stehe der Tod. Am nächsten Tag ging es auf die Flucht.

          Bei meinem Vater haben der Krieg und die Flucht Spuren für das ganze Leben hinterlassen. Einige dieser Spuren waren mir bereits als Jugendlicher, als er mir das erste Mal von diesen Ereignissen erzählte, besonders eindrücklich. Aus seiner kindlichen Perspektive war im Moment der Flucht – des Abschieds – das Schlimmste, dass er seine Spielsachen zurücklassen musste. Er hat nach der Flucht, damals zehn Jahre alt, nie wieder ein Spielzeug angerührt.

          Spielten wir als Kinder Räuber und Gendarm mit Spielzeugpistolen, durfte dies mein Vater möglichst nicht mitbekommen. Er rastete aus, wenn er sah, dass wir mit Waffen aufeinander schossen. Wir hätten Krieg nicht erlebt und wüssten gar nicht, was das Töten eines anderen Menschen bedeutet. Einen meiner besten Freunde, der eines Tages mit einer Spielzeugpistole vor der Tür stand, schrie er ob dieser Tatsache und des damit verbundenen „Spielens“ an und schickte ihn umgehend wieder nach Hause. Vor meinen Freunden war mir das damals sehr unangenehm und ich verstand erst später, warum mein Vater so heftig und kategorisch reagierte.

          Das russische Kindermädchen

          Mein Vater hortete Lebensmittel im Keller in einer großen Speisekammer und betonte stets, dass wir damit eine ganze Weile durchkommen würden. Der Zusammenhalt der Familie ging bei meinem Vater über alles. Man musste in der Not und in schlechten Zeiten zusammenhalten, vor allem die Brüder (ich habe einen Bruder, er hatte auch einen Bruder).

          Zu Russland und „den Russen“ hatte er zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis. Einerseits hatte er gegen „die Russen“ eine latente Abneigung, da sie ihm in seiner Kindheit von der Propaganda als Feind und Bedrohung dargestellt wurden und da sie ihm seine Heimat auf so grausame Weise genommen hatten. Andererseits hat er sich mit den Eltern der russischen Freundin meines Bruders immer sehr gut verstanden und hegte Zeit seines Lebens liebevolle Erinnerungen an sein russisches Kindermädchen, das seine Mutter während des Krieges, es muss wohl 1942 oder 1943 gewesen sein, zugeteilt bekam, da sie schweres Gelenkrheuma hatte. Sie hieß Nina. Für meinen Vater und seinen Bruder war sie wie eine zweite Mutter. Sie liebten sie. Mitte Januar 1945 warnte sie meine Mutter, ihr sei zugetragen worden, die Russen stünden bereits kurz vor Breslau – sie sollten bloß fliehen. Am nächsten Tag war Nina verschwunden.

          Mein Vater und sein Bruder haben Zeit ihres Lebens versucht, ihre Nina wiederzufinden. Sie kannten nur ihren Namen (den Nachnamen erinnere ich nicht mehr) und wussten, dass sie aus Rostow am Don kam. In den 1990ern, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, intensivierten sie die Suche erneut – mittels Anzeigen in lokalen Zeitungen. Eines Tages meldete sich Nina per Telefon bei meinem Onkel. Für meinen Vater und meinen Onkel war das ein Freudentag. Gesehen haben sie sich nie wieder, Nina war zu krank, aber mein Vater und mein Onkel haben ihr in Russland kaum erhältliche Medikamente und finanzielle Unterstützung zukommen lassen, bis sie Ende der neunziger Jahre starb.

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