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Martin Illmer : Das besiegte Vaterland

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Ende einer Kindheit

Neben den schrecklichen Erlebnissen auf der Flucht bedeutete diese jedoch für meinen Vater und seinen Bruder das abrupte und brutale Ende ihrer Kindheit, einer trotz des Krieges an sich behüteten Kindheit. Der große Bruder musste bis zu der Rückkehr des Vaters die Familie versorgen. Er war nicht mehr Kind, sondern Versorger. Verantwortlich für den Rest der Familie. Dies musste jedoch bis zum Kriegsende unter Leugnung seiner Identität geschehen: Er war als Hitlerjunge 1945 zur Verteidigung der Festung Breslau einkaserniert worden. Meine Großmutter ließ ihn nach einem Besuch zu Hause Mitte Januar nicht mehr zurück in die Kaserne, rief sogar noch in der Kaserne an und teilte dies mit, woraufhin man ihr mittteilte, dies sei Fahnenflucht und darauf stehe der Tod. Am nächsten Tag ging es auf die Flucht.

Bei meinem Vater haben der Krieg und die Flucht Spuren für das ganze Leben hinterlassen. Einige dieser Spuren waren mir bereits als Jugendlicher, als er mir das erste Mal von diesen Ereignissen erzählte, besonders eindrücklich. Aus seiner kindlichen Perspektive war im Moment der Flucht – des Abschieds – das Schlimmste, dass er seine Spielsachen zurücklassen musste. Er hat nach der Flucht, damals zehn Jahre alt, nie wieder ein Spielzeug angerührt.

Spielten wir als Kinder Räuber und Gendarm mit Spielzeugpistolen, durfte dies mein Vater möglichst nicht mitbekommen. Er rastete aus, wenn er sah, dass wir mit Waffen aufeinander schossen. Wir hätten Krieg nicht erlebt und wüssten gar nicht, was das Töten eines anderen Menschen bedeutet. Einen meiner besten Freunde, der eines Tages mit einer Spielzeugpistole vor der Tür stand, schrie er ob dieser Tatsache und des damit verbundenen „Spielens“ an und schickte ihn umgehend wieder nach Hause. Vor meinen Freunden war mir das damals sehr unangenehm und ich verstand erst später, warum mein Vater so heftig und kategorisch reagierte.

Das russische Kindermädchen

Mein Vater hortete Lebensmittel im Keller in einer großen Speisekammer und betonte stets, dass wir damit eine ganze Weile durchkommen würden. Der Zusammenhalt der Familie ging bei meinem Vater über alles. Man musste in der Not und in schlechten Zeiten zusammenhalten, vor allem die Brüder (ich habe einen Bruder, er hatte auch einen Bruder).

Zu Russland und „den Russen“ hatte er zeitlebens ein gespaltenes Verhältnis. Einerseits hatte er gegen „die Russen“ eine latente Abneigung, da sie ihm in seiner Kindheit von der Propaganda als Feind und Bedrohung dargestellt wurden und da sie ihm seine Heimat auf so grausame Weise genommen hatten. Andererseits hat er sich mit den Eltern der russischen Freundin meines Bruders immer sehr gut verstanden und hegte Zeit seines Lebens liebevolle Erinnerungen an sein russisches Kindermädchen, das seine Mutter während des Krieges, es muss wohl 1942 oder 1943 gewesen sein, zugeteilt bekam, da sie schweres Gelenkrheuma hatte. Sie hieß Nina. Für meinen Vater und seinen Bruder war sie wie eine zweite Mutter. Sie liebten sie. Mitte Januar 1945 warnte sie meine Mutter, ihr sei zugetragen worden, die Russen stünden bereits kurz vor Breslau – sie sollten bloß fliehen. Am nächsten Tag war Nina verschwunden.

Mein Vater und sein Bruder haben Zeit ihres Lebens versucht, ihre Nina wiederzufinden. Sie kannten nur ihren Namen (den Nachnamen erinnere ich nicht mehr) und wussten, dass sie aus Rostow am Don kam. In den 1990ern, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, intensivierten sie die Suche erneut – mittels Anzeigen in lokalen Zeitungen. Eines Tages meldete sich Nina per Telefon bei meinem Onkel. Für meinen Vater und meinen Onkel war das ein Freudentag. Gesehen haben sie sich nie wieder, Nina war zu krank, aber mein Vater und mein Onkel haben ihr in Russland kaum erhältliche Medikamente und finanzielle Unterstützung zukommen lassen, bis sie Ende der neunziger Jahre starb.

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