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Filmproduzent Nico Hofmann im Gespräch : Es ist nie vorbei

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Morten Freidel: Sind in dem Film nicht auch moderne Vorstellungen von Individualität in die Vergangenheit transponiert worden?

Frank Schirrmacher: Ja, vielleicht müssen wir auch über unseren Begriff von Individualität diskutieren; offenbar ist das Individuum auch fähig, das Wissen über diese Verbrechen von sich abzuspalten.

Jan Wiele: Im Film ist es vor allem Greta, die das tut. Eigentlich ist sie auch die plakativste Opportunistin. Und durch ihr Beispiel erkennt man, wie sehr es die anderen ebenfalls sind.

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Maximilian Krämer: Die radikalste Figur ist Friedhelm. [...] was an ihm so interessant ist: dass er präzise antizipiert, was passieren wird, ...

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Maximilian Krämer: Das passt vielleicht bei der Figur der Greta, aber die anderen sind im Grunde genommen keine Opportunisten. Die radikalste Figur ist Friedhelm. Der geht darin gar nicht auf. Er ist zwar auch immer an der Grenze zum Überzeichneten, aber was an ihm so interessant ist: dass er präzise antizipiert, was passieren wird, was der Krieg mit ihnen machen wird. Er ist derjenige, der sich lange komplett verweigert, der lange gar nicht schießt. Und von einem Moment auf den anderen fängt er an zu schießen. Bei der Szene mit den Minen ist es sein Vorschlag, die Russen vorzuschicken. Das fand ich schon sehr radikal. Das hat mich an dem Film am meisten beeindruckt.

Hannah Lühmann: Wie waren eigentlich die Reaktionen Ihrer Eltern auf den Film, Herr Hofmann?

Nico Hofmann: Meine Mutter war bekennende Anhängerin des Bundes Deutscher Mädchen, ihre Tagebücher nach dem Krieg drehten sich jahrelang nur um den Verlust von Hitler. Sie hat recht abgeklärt auf den Film reagiert, auf der anderen Seite aber auch betroffen gesagt: Genauso war es. Jahrelang hatte sie mir vorgeworfen, dass ich mich zu viel mit dem Thema beschäftigen würde. Sie hat mir - als 1979 auch in Deutschland die Serie „Holocaust“ im Fernsehen lief - ernsthaft beim Mittagessen vorgeworfen: „Du argumentierst ja immer auf der Seite der Juden. Du verstehst das jüdische Volk besser als mich.“ Ich habe dann gesagt: „Ich identifiziere mich doch nicht mit deiner BDM-Sache! Wir sprechen hier vom Holocaust. Ich identifiziere mich doch nicht mit den Deutschen, ich identifiziere mich mit den deutschen Juden.“ Bei meinem Vater war es viel schwieriger, da kamen akribische Erinnerungsbilder hoch. Zum Beispiel seine fast tödliche Verwundung im Januar 1945: Er hat drei Tage neben einem erschossenen Russen in einem Panzergraben überlebt, weil die Russen dachten, er wäre ein toter Kamerad. Eigentlich hatte er fest mit seinem Tod gerechnet. Es ging in unseren Gesprächen bis hin zu dem Punkt, an dem wir beide geweint haben. Der Film war eine Art von aktiver Trauerarbeit. Aber ich frage mich auch, warum es erst diesen Film aus dem Jahr 2013 dafür brauchte.

Frank Schirrmacher: Vielleicht handelt es sich bald tatsächlich nur noch um ein Kapitel im Geschichtsbuch, aber wenn man sich anschaut, wie in Italien oder Spanien über uns diskutiert wird, wenn hier eine rassistische Bewegung entsteht wie der NSU, dann steckt da so etwas schon wieder drin. Selbst in der Sarrazin-Debatte oder der aktuellen Diskussion über Sinti und Roma noch. Und ich wäre sehr skeptisch, wenn jetzt behauptet würde: Wir können das nicht mehr sehen, die neue Generation will das nicht mehr sehen. Denn es ist nicht vorbei.

Nico Hofmann
Nico Hofmann : Bild: Frank Röth

Nico Hoffmann

Der mit vielen Preisen ausgezeichnete Regisseur, Filmproduzent und Drehbuchautor, Jahrgang 1959, drehte zahlreiche Fernseh- und Kinofilme, darunter „Tatort“ und „Der Sandmann“ mit Götz George. Mit seiner Produktionsfirma teamWorx zeichnet er verantwortlich für Historienfilme wie „Der Tunnel“, „Die Luftbrücke - Nur der Himmel war frei“, „Die Sturmflut“, „Dresden“, „Die Flucht“ und zuletzt „Der Turm“ nach dem gleichnamigen Roman von Uwe Tellkamp. Der jetzt angelaufene Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ ist sein bisher größtes Projekt.

F.A.Z.

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