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Filmproduzent Nico Hofmann im Gespräch : Es ist nie vorbei

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Morten Freidel: Dann hätte man doch auf historisches Filmmaterial verzichten können.

Nico Hofmann: Sie meinen die Ausschnitte aus Wochenschauen mit Frontberichten, die wir mit der Stimme des Hauptdarstellers Volker Bruch unterlegt haben? Sie sind angelehnt an Kriegstagebücher, an die meines Vaters zum Beispiel. An ihnen lässt sich gut erkennen, wie sehr sich die Sprache im Laufe des Krieges verändert. Am Anfang ist sie noch relativ heroisch und pathetisch; je näher das Kriegsende rückt, desto tragischer wird sie. Und dieses Zerbröckeln von innerer Moral findet sich im Voice-over von Volker Bruch wieder.

Frank Schirrmacher: Ich glaube, die Frage war, ob man unbedingt auf historisches Filmmaterial zurückgreifen musste.

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Nico Hofmann: Ich möchte eben von einem Hauptschulabschlusspublikum bis hin zum Professor alle erreichen

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Nico Hofmann: Ich glaube, ja. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Publikum bei Filmen dieser Art ein enormes Informationsbedürfnis hat, eine Art Mehrwert sucht. Wir haben sieben Jahre an diesem Film gearbeitet und ihn immer wieder Zeitzeugen vorgeführt, ob unsere Realisierung auch wirklich stimmt. Das authentische Filmmaterial ist vielleicht eine Brücke, um eine größere Zuschauermasse zu erreichen. Und ich möchte eben von einem Hauptschulabschlusspublikum bis hin zum Professor alle erreichen.

Frank Schirrmacher: Ich habe mir die Frage auch gestellt und finde es eigentlich einen interessanten Kunstgriff. Denn Sie müssen sehen, dass die Wochenschauen in den Köpfen der Leute waren, die im Film dargestellt werden. Der Wortlaut wurde teils von Hitler höchstpersönlich redigiert. Es gab ja kein Fernsehen, es gab kein Internet. Nur das.

Nico Hofmann: Die Originalsprache war ja extrem propagandistisch, die Stimme Volker Bruchs hingegen wird über die drei Teile des Films immer brüchiger. Die Bilder stimmen nicht mehr mit dem überein, was er empfindet. Die Hauptfigur verwandelt sich von Ernst Jünger in Wolfgang Borchert.

Jan Wiele: Man ist von Tarantino ja einiges gewohnt, aber die Gewaltdarstellung in Ihrem Film ist meines Erachtens das Drastischste, was im deutschen Fernsehen je gezeigt wurde. Gleichzeitig gibt es aber eine Ästhetisierung von Gewalt: einerseits Zeitlupentode, bei denen die Kugeln langsam durch den Körper dringen, andererseits die brutale und überraschende Hinrichtung eines Kindes. Das sind zwei Enden einer Skala.

Nico Hofmann: Mit Tarantinos Gewaltästhetisierung kann ich überhaupt nichts anfangen, sie widert mich regelrecht an. Ich bin auch kein Freund seines Films „Inglourious Basterds“. Ich kann mit der Form, mit der sarkastischen Überhöhung, mit der grellen Überzeichnung nichts anfangen. Die deutsche Geschichte wird von ihm als Groteske benutzt, bis ins Comichafte übertrieben. Und damit kann man sogar einen Oscar gewinnen.

Jan Wiele: Was unterscheidet die Gewalt in „Unsere Mütter, unsere Väter“ dann aber von Tarantino-Filmen?

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Nico Hofmann: Dieses Gewaltmoment neu zu definieren, abseits von allen Tarantino-Filmen [...], darum ging es mir.

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Nico Hofmann: Das ganze deutsche Geschichtsbild ist mittlerweile auch durch amerikanische Werke vorformuliert. Der Reiz unseres Films basiert für mich auf Erzählungen meines Vaters, auf seiner Erfahrung der Gewalt und auf dem, was die Gewalt mit ihm und seiner Generation gemacht hat. Diese Generation hat getötet, mehrfach. Ein Freund meines Vaters hat die Episode aus dem Film erlebt, in der das Haus einer russischen Familie abgebrannt werden soll, und dort sitzt ein altes Ehepaar und bietet Tee an. Das ist wirklich so passiert. Er hat dann nicht nur das Haus abgebrannt, sondern das ganze Dorf. Schließlich standen dort nur noch achtzigjährige Russen mit ihren Teekannen. Dieses Gewaltmoment neu zu definieren, abseits von allen Tarantino-Filmen dieser Welt, darum ging es mir.

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