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Drehbuchautor Stefan Kolditz : Mit den Kategorien Gut und Böse kommst du nicht weit

„Ein Vergangenheitsbesessener bin ich nicht“, sagt Stefan Kolditz. Bild: Wilma Roth

Acht Jahre hat er mit dem Projekt verbracht, nun kann er endlich loslassen: Der Drehbuchautor Stefan Kolditz hat „Unsere Mütter, unsere Väter“ geschrieben.

          Stefan Kolditz hat kaum Platz genommen, da stemmt er schon die Unterarme auf die Tischplatte, beugt sich vor und fragt: „Haben Sie den Film gesehen? War es schwer für Sie, ihn anzuschauen?“ Die Lesebrille irgendwo ins Haar geschoben, die Augen weit geöffnet - acht Jahre hat der Drehbuchautor mit „Unsere Mütter, unsere Väter“ verbracht. Es ist nicht irgendein Projekt für ihn, was am Sonntagabend im ZDF angelaufen ist, jetzt will er endlich wissen, wie es wirkt. Wir treffen Kolditz in einem Café in Pankow, er wohnt nicht weit von hier. Draußen klammert sich der Winter an die Stadt, drinnen bestellt ein Mann Milchkaffee, der noch immer nicht recht zu fassen scheint, dass er endlich loslassen kann, was ihn so lange fest im Griff hatte - und dass tatsächlich gesendet wird, was er selbst für seine bisher ambitionierteste Fernseharbeit hält.

          Gegen alle Bedenken

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Fünf junge Deutsche im Zweiten Weltkrieg, keine Widerstandskämpfer, keine Monster, aber Menschen, die entsetzliche Dinge tun werden, und denen der Zuschauer trotzdem folgen soll. Dazu Bilder von der Front, hart, grausam und direkt wie in „Saving Private Ryan“ oder „Band of Brothers“ - die Sorge sei groß gewesen, dem Fernsehpublikum damit zu viel zuzumuten. „Das wirklich Verblüffende an diesem Film ist, dass er mit dieser Konsequenz und Radikalität umgesetzt werden konnte. Gegen alle Bedenken“, sagt Kolditz und nimmt einen Schluck Kaffee.

          Denn diese Radikalität habe schon in der Grundidee gewurzelt, mit der Nico Hofmann 2005 zu ihm kam. Das war mitten in den Dreharbeiten für den Zweiteiler „Dresden“, dessen Drehbuch Kolditz ebenfalls geschrieben hatte. Nun wollte Hofmann einen Film machen über die Generation der um 1920 Geborenen, die von der Schulbank weg in einen Vernichtungskrieg geworfen und zu Tätern wurden. Kolditz und Hofmann wurden Ende der fünfziger Jahre geboren; der Drehbuchautor wuchs in der DDR auf, Hofmann in der Bundesrepublik. Für beide ist der Film auch ein Versuch, noch einmal Fragen an die eigenen Eltern zu stellen - selbst wenn die sie nicht mehr beantworten können. Oder gerade deshalb.

          Die Geschichte seines Vaters

          Kolditz’ Vater war der Defa-Regisseurs Gottfried Kolditz, Jahrgang 1922. „Er ist schon 1982 gestorben“, sagt sein Sohn, und dass ihn immer tief beeindruckt habe, was der Vater ihm als Halbwüchsigen über die Erfahrungen an der Ostfront erzählt habe. Als junger Mann sei Gottfried Kolditz eine Art lebende Arno-Breker-Statue gewesen: groß, blond, blauäugig, Sohn eines Landarbeiters - doch überzeugt von der Ideologie, in die er vermeintlich so gut passte, sei er nie gewesen. Auf dem Russlandfeldzug sollte er zum Offizier ausgebildet werden. Doch der Vater habe sich mit einer „wahnsinnigen Klugheit“ entzogen: mit gespielter Unfähigkeit. Als er durch die Prüfung gefallen sei, habe man ihn fast totgeschlagen. Weil klar gewesen sei, dass er absichtlich versagt habe. Nachweisen aber habe man es ihm nicht können.

          Was sein Vater sonst im Krieg getan hat, Kolditz weiß es nicht. Geschichten wie diese aber seien sein erster Zugang gewesen, und deshalb sei ihm gleich klar gewesen, dass er keinen klassischen Kriegsfilm schreiben wollte. Dann habe er sich eingearbeitet. Drei Jahre lang las Kolditz Kriegstagebücher, sowjetische Romane und Remarque, Holt, Jünger und Guy Sajer, Militäranalysen und Bücher über den Vietnam-Krieg. Schrittweise habe er begriffen: „Mit den Kategorien Gut und Böse kommst du nicht weiter bei dieser Generation.“ Und: „Die musst du von innen heraus erzählen.“ Aus vielen „Vielleichts“ hätten sich dann die Hauptfiguren herauskristallisiert.

          Verstehen, ohne zu entschulden

          Die Brüder Wilhelm und Friedhelm, einer von ihnen pflichtschuldiger Soldat, der andere Pazifist in Waffen, die von der Ideologie beseelte Frontschwester Charlotte, Greta, eine Sängerin auf dem Weg nach oben, und Viktor, der als Jude schon bald auf der Flucht sein wird. „Ich wollte Figuren schreiben, die eine gewisse Bandbreite abdecken, aber Individuen sind, keine Typen“, sagt Kolditz. Diese Charaktere zu verstehen, ohne sie von ihrer Schuld freizusprechen, sei das Ziel gewesen.

          Jung sollten die Figuren wirken, deshalb habe er ihnen eine Sprache in den Mund gelegt, die nicht wirklich aus den vierziger Jahren stamme. Das könne man genauso kritisieren wie das reichlich unwahrscheinliche Wiedersehen der Freunde hinter der Front. „Aber ein Film ist immer verdichtete Realität“, sagt Kolditz. Was zähle, sei die emotionale Reise, auf die er seine Zuschauer schickt.

          Eine lange Reise haben auch alle hinter sich, die an dem Filmprojekt arbeiteten. Noch ein halbes Jahr vor Drehbeginn stand es auf der Kippe. Viktor sollte gestrichen werden. Ursprünglich sollte die Figur in die Vereinigten Staaten fliehen und mit amerikanischen Truppen zurückkehren, das sprengte nun den Kostenrahmen. Kolditz war kurz davor, alles hinzuschmeißen. Dann kam aus der Redaktion die Idee: Warum schicken wir Viktor nicht zu den polnischen Partisanen? Binnen kürzester Zeit musste Kolditz große Teile neu schreiben. Aber das habe den Film besser gemacht, sagt er. Denn die zweischneidige Geschichte der antisemitischen Partisanen sei so noch nicht erzählt worden.

          Programm für mündige Bürger

          “Die Figuren sind grandios gespielt“, findet Kolditz. Der Regisseur Philipp Kadelbach sei ein ungeheurer Glücksfall für das Projekt gewesen, die Arbeit des Kameramanns David Slama exzellent, die Ausstattung hervorragend. „Unsere Mütter, unsere Väter“, das ist Fernsehen, wie es sich Kolditz wünscht: aufwühlend und intensiv, Programm für mündige Zuschauer. Nach dem Großprojekt hat der Drehbuchautor erst einmal einen leichteren Fernsehkrimi geschrieben. Es sei schon richtig, sagt Kolditz, sein erstes Theaterstück habe von Eva Braun gehandelt, er habe ein Drehbuch über DDR-Grenzer geschrieben und über die Bombardierung Dresdens. „Aber ein Vergangenheitsbesessener bin ich nicht“, sagt er. Dann trinkt er den letzten Schluck Kaffee, steigt auf sein Fahrrad und fährt zurück in die Gegenwart.

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