https://www.faz.net/-gsb-77q0z

Dieter Wellershoff sieht fern : „Ich war der richtige Soldat“

Dieter Wellershoff, Aufnahme von 2009 Bild: Röth, Frank

Nach der ersten Folge des Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“. Der große Schriftsteller Dieter Wellershoff, Jahrgang 1925, hat sich den Film mit uns angesehen. Und erzählt, wie es wirklich war.

          6 Min.

          In der Nacht, bevor Dieter Wellershoff in den Krieg zog, erfuhr er, dass der Krieg verloren war. Im Radio war vom ruhmreichen deutschen Afrikakorps die Rede. Damit kannte der Siebzehnjährige sich aus, die triumphalen Bilder von Rommels Vorstößen hatte er aus der „Deutschen Wochenschau“ im Kopf.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber die Bilder aus dem Kino wollten nicht zu den Nachrichten passen, die wie geflüstert aus dem Lautsprecher kamen. BBC, der Feindsender: „Ich musste doch wissen, was wirklich los ist.“ Von Rückzug und Verlusten war die Rede. Rommel war geschlagen, das Afrikakorps hatte sich dem Feind ergeben: „Da wusste ich, dass wir den Krieg nicht mehr gewinnen würden.“

          Darüber sprechen konnte er mit niemandem. Die Angst vor Denunziation, die schon den Siebzehnjährigen stumm machte, muss mit ihm in den Krieg gezogen sein.

          Jedes Bild setzt Erinnerungen frei

          Siebzig Jahre danach sitzt Dieter Wellershoff im Wohnzimmer seiner Kölner Wohnung und schaut auf den Fernseher. Es läuft eine DVD mit der letzten Folge des ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“. Das Bild ist angehalten, wie so oft an diesem Nachmittag, weil Wellershoff erzählen will, was die Geschichte von fünf jungen Menschen, die vom Krieg zerstört werden, in ihm auslöst: „Ich bin sofort emotionalisiert angesichts dieser Szenen. Jedes Bild, das ich in diesem Film sehe, setzt sofort Bilder in meiner Erinnerung frei, viele Bilder, eines nach dem anderen.“

          Am vergangenen Mittwoch: Dieter Wellershoff schaut „Unsere Mütter, unsere Väter“

          Stumm und bildschirmfüllend blickt das junge Gesicht eines Soldaten in das Wohnzimmer der Wellershoffs. Der junge Mann, im Film heißt er Friedhelm, entwickelt sich vom sensiblen Außenseiter zum Schlächter. Jetzt hat Friedhelm sich flach auf den Boden geworfen, die Augen zusammengekniffen, das Gewehr im Anschlag. Der Bildschirm zeigt nur den eingefrorenen Moment der Konzentration und des Anvisierens, der dem Töten vorausgeht. Im Krieg war Dieter Wellershoff MG-Schütze. Er gehörte zur Panzerdivision „Hermann Göring“.

          Der erste Feind, von dem Wellershoff erzählt, ist ein Kamerad aus der eigenen Einheit: „Ernst Preidt, ein ganzer Kopf größer als ich. Versuchte ständig, mich zu demütigen. Einmal, als ich mir eine Scheibe Brot abschnitt, raunzt er mich an: ,Dir hat deine Mutter wohl nicht mal beigebracht, wie man richtig Brot schneidet.’ Ich gab zurück, dass man Brot auf viele Arten schneiden könne, und schnitt ein Dreieck aus meiner Scheibe. Da wurde der richtig wild.“

          Es gab immer genug Freiwillige

          Ein anderes Mal, als Wellershoff nach einem Angriff in ihre Stellung zurückläuft, will Preidt die Parole von ihm hören. „Das war mir zu blöd. Da sagt der doch im vollen Ernst zu mir: ,Jetzt hätte ich dich fast erschossen.’ Wissen Sie, was den motiviert hat? Der wollte mir nur zeigen, dass ich nicht der richtige Soldat war.“

          Wollte Dieter Wellershoff das sein? „Ich war der richtige Soldat. Ich habe nichts falsch gemacht, glaube ich. Mein Vater war Offizier.“

          Was tut ein Soldat, der alles richtig macht? Als die Division „Hermann Göring“ noch in Berlin stationiert war, wurde sie auch zu Erschießungskommandos herangezogen. „Niemand wurde gezwungen, aber es gab immer genügend Freiwillige. Das waren nette Jungs, keine Psychopathen oder Sadisten. Wenn sie zurückkamen, haben sie eigentlich immer dasselbe berichtet: Sie hatten tadellos geschossen, und der Delinquent hatte sich tadellos gehalten, nicht etwa geheult und gejammert.“

          Waren die Schützen stolz auf ihre Tat?

          “Das weiß ich nicht. Sie müssen es wohl so empfunden haben, als hätten das Hinrichtungskommando und der Hingerichtete eine gemeinsame Handlung vollzogen und dabei die herrschenden Regeln befolgt. Das waren achtzehnjährige Jungs, die glaubten, so eine Hinrichtung gehöre dazu. Als wäre es eine Einübung in den Krieg, der uns erwartete.“

          Einige Monate später wurde in Plötzensee die Halbschwester seiner späteren Frau enthauptet. Sie hatte Kontakte in die Schweiz geknüpft, um Lebensmittellieferungen für die Zeit nach dem Zusammenbruch zu organisieren. Helmuth von Moltke schätzte damals, dass in Berlin täglich fünfzig Menschen enthauptet wurden. Hat Dieter Wellershoff je daran gedacht, sich für ein Hinrichtungskommando zu melden? „Ja, gedacht schon. Aber ich wollte das nicht.“

          Als habe sich das alles erst gestern zugetragen

          Vielleicht wäre Elisabeth von Thadden die Guillotine in Plötzensee ohne den 20. Juli erspart geblieben. „Aber nach dem Attentat drehten die Nazis völlig durch und statuierten ein Exempel nach dem anderen.“ Kurz nach Stauffenbergs Anschlag lässt Göring das Regiment, das seinen Namen trug, in der Rominter Heide antreten. Hitlers Wolfsschanze ist siebzig Kilometer entfernt. „Göring schritt unsere Formation ab. Das Gelände war sumpfig, Göring lief schwankend. Alle paar Schritte sagte er den absurden Satz: ,Wo ich vorbei bin, kann gerührt werden.’ Dann stellte er sich in die Mitte der Lichtung und brüllte seine Rede heraus. Göring war total zu, völlig benommen, wahrscheinlich Morphium, und schrie irgendetwas von feigen Verrätern und davon, dass wir dem Russen in den Arsch treten sollten.“

          Tom Schilling spielt in „Unsere Mütter, unsere Väter“ den Wehrmachtssoldaten Friedhelm Winter

          Wellershoff erzählt von Göring, als habe sich all das erst gestern zugetragen. Die DVD ist wieder angehalten. Viktor, der jüdische Freund von Greta, die um jeden Preis eine berühmte Sängerin werden will, hat sich zu einer Gruppe von polnischen Partisanen durchgeschlagen, für deren Anschläge die SS grausame Rache an der Zivilbevölkerung nimmt. Den Henker muss Friedhelm spielen. „Die Partisanen sind sehr eindrucksvoll dargestellt. Zum Glück sind mir solche Begegnungen erspart geblieben. Das war großes Glück.“

          Ich kann nicht wissen, wie ich mich verhalten hätte

          Teile der Einheit von Dieter Wellershoff evakuierten Kunstschätze in Monte Cassino und verübten das Massaker von Civitella, bei dem als Racheakt gegen die Partisanen der Resistenza 250 Zivilisten erschossen wurden. Als das Kriegsverbrechen vor Jahren noch einmal in die Schlagzeilen geriet, wurde Wellershoff von seinen Töchtern bedrängt, öffentlich klarzustellen, dass er an dieser Untat nicht beteiligt war. „Das wollte ich nicht. Ich war nicht dabei, aber das war Zufall, weil ich damals gar nicht in Italien war. Ich kann nicht wissen, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich dort gewesen wäre.“

          Achtzehnjährige, die sich freiwillig melden, um einen an den Händen gefesselten Menschen, den sie nie zuvor gesehen haben, zu erschießen. Achtzehnjährige, die gerade noch in der Schule Ovid übersetzt haben und jetzt Zivilisten in Italien massakrieren. Achtzehnjährige, die im Graben liegen, betäubt vom Gesang der Stalinorgeln, und plötzlich einen Einschlag verspüren. Erleichtert stellen sie fest, dass es nicht sie getroffen hat. Fassungslos blicken sie auf das Loch im Rücken ihres Nebenmannes. „Es war ein Lungenschuss. Steckschuss, sagte ich. Ist das gut oder schlecht, fragte Paul. Gut, sagte ich. Das stimmte auch. Das Geschoss war im Rücken unterhalb des Schulterblatts eingedrungen. Wäre es vorne wieder ausgetreten, hätte es ihm die halbe Lunge mit herausgerissen.“

          Hat Paul überlebt? „Ich weiß es nicht.“

          Dieter Wellershoff war vierzehn Jahre alt, als sein Klassenlehrer in Frankreich fiel. Zusammen mit seinem Mitschüler Franz nimmt er an der Beerdigung teil. Es wird das reinste Heldenbegräbnis: Musik, Reden, Kränze. Die Jungen sind beeindruckt. Sie haben Hölderlin gelesen: „Lebe droben o Vaterland und zähle nicht die Toten. Dir ist, Liebes, nicht einer zu viel gefallen.“

          Dieter Wellershoff, 1940 in der Uniform des Jungsvolks

          Sie brennen darauf, an die Front ziehen zu dürfen. „Hoffentlich dauert der Krieg so lang, dass wir auch noch Soldat werden, sagten wir damals. Wir haben den Krieg als etwas Normales verstanden. Krieg, das war der normale Ausnahmezustand im Leben der Völker. Für diesen Ausnahmezustand waren wir erzogen worden. Wir wollten uns bewähren.“

          Vierzig Prozent der Männer des Jahrgangs 1925 sind gefallenVier Jahre nach dem Begräbnis seines Lehrers steht Dieter Wellershoff aus Grevenbroich in einem sumpfigen Waldstück unweit von Litauen vor dem aufgedunsenen Reichsmarschall und hört, was das Vaterland von ihm verlangt: „Sollte es dem Russen jemals gelingen, in diesen Teil Deutschlands vorzudringen, sagte Göring zum Schluss seiner Rede, dann dürfe das erst geschehen, wenn kein Einziger von uns mehr am Leben sei.“

          Vierzig Prozent der Männer des Jahrgangs 1925 sind gefallen

          In manchen Einheiten überlebten weniger. Kurz vor seinem neunzehnten Geburtstag läuft Dieter Wellershoff über ein freies Feld durch dichtes Artilleriefeuer und unter Raketenbeschuss auf eine russische Stellung zu. Etwa einhundertfünfzig Mann nehmen aus seiner Kompanie an dem Angriff teil. Am Abend sind noch dreißig von ihnen einsatzfähig. Wellershoff gehört nicht dazu.

          Im Film wird Charlottes Lazarett evakuiert, weil die Rote Armee anrückt. Während des panischen Aufbruchs der Deutschen ist aus dem Lautsprecher vor dem Lazarett eine Stimme zu hören, ein winziges Detail, eigentlich kaum zu bemerken. Dieter Wellershoff zuckt in seinem Sessel zusammen: „Das habe ich gehört. Das ist Goebbels, der an Hitlers Geburtstag spricht. Berlin wird deutsch bleiben, Wien wird wieder deutsch werden, hat er gesagt. Das war am 20. April 1945. Hirnverbrannt, dachte ich.“

          Joseph Roth hat gesagt, die größte Erfindung der modernen Diktaturen bestehe darin, dass sie die lärmende Lüge geschaffen hätten. Seit Jahrhunderten sei der Mensch gewohnt, die Lüge auf leisen Sohlen schleichen zu hören. Jetzt werde er betäubt und schwerhörig gemacht vom Gebrüll der Lüge. Roth war bereits im Exil, als er dies 1934 schrieb. Dieter Wellershoff war acht Jahre alt.

          Er kann sich nicht erinnern, während des Krieges ein Buch gelesen zu haben. Briefe habe er auch nicht geschrieben. Skeptisch schaut er zu, wie sich die fünf Freunde im Film immer wieder begegnen. Realistisch sei das nicht. „Ich habe keine einzige emotionale Bindung über den Krieg retten können. Es war alles wie abgeschnitten.“

          Die stärksten Eindrücke seines Lebens

          Fünfzig Jahre nach seiner Verwundung fuhr Wellershoff noch einmal nach Bad Reichenhall, wo er 1944 mit einem Granatsplitter im Bein im Lazarett lag. Die Erinnerungen kehrten mit Macht zurück, ein Jahr später, 1995, erschien sein Buch „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“.

          Das Bild ist wieder angehalten. Es zeigt ein Straßenschild im zerstörten Berlin: Adolf-Hitler-Platz. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal so lange wie heute über all das reden würde. Dieser Film wird hoffentlich viele Gespräche auslösen.“

          Wie erklärt er sich, dass ihm nach fast siebzig Jahren noch jedes Detail präsent ist? „Das waren die stärksten Eindrücke meines Lebens. Ich lebe damit.“

          Maria Wellershoff steckt den Kopf zur Tür herein: „Ist der Krieg noch nicht zu Ende?“ Dieter Wellershoff antwortet nicht.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Trump auf dem Rückzug

          Einsatz in Syrien : Trump auf dem Rückzug

          Zahlreiche amerikanische Soldaten überschreiten die Grenze in den Irak. Doch noch könnte es sein, dass Amerikas Präsident seinen vollständigen Abzug ein zweites Mal relativiert.

          Topmeldungen

          Bram Schot

          F.A.Z. Exklusiv : So spart Audi gegen die Krise

          Rund 15 Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren eingespart werden. Die Werke in Ingolstadt und Neckarsulm wird es wohl besonders hart treffen. Audi-Chef Schot sagt, er habe aber klare Vorstellungen, wie die Beschäftigung gesichert werden kann.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.