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Dieter Wellershoff sieht fern : „Ich war der richtige Soldat“

Hat Paul überlebt? „Ich weiß es nicht.“

Dieter Wellershoff war vierzehn Jahre alt, als sein Klassenlehrer in Frankreich fiel. Zusammen mit seinem Mitschüler Franz nimmt er an der Beerdigung teil. Es wird das reinste Heldenbegräbnis: Musik, Reden, Kränze. Die Jungen sind beeindruckt. Sie haben Hölderlin gelesen: „Lebe droben o Vaterland und zähle nicht die Toten. Dir ist, Liebes, nicht einer zu viel gefallen.“

Dieter Wellershoff, 1940 in der Uniform des Jungsvolks

Sie brennen darauf, an die Front ziehen zu dürfen. „Hoffentlich dauert der Krieg so lang, dass wir auch noch Soldat werden, sagten wir damals. Wir haben den Krieg als etwas Normales verstanden. Krieg, das war der normale Ausnahmezustand im Leben der Völker. Für diesen Ausnahmezustand waren wir erzogen worden. Wir wollten uns bewähren.“

Vierzig Prozent der Männer des Jahrgangs 1925 sind gefallenVier Jahre nach dem Begräbnis seines Lehrers steht Dieter Wellershoff aus Grevenbroich in einem sumpfigen Waldstück unweit von Litauen vor dem aufgedunsenen Reichsmarschall und hört, was das Vaterland von ihm verlangt: „Sollte es dem Russen jemals gelingen, in diesen Teil Deutschlands vorzudringen, sagte Göring zum Schluss seiner Rede, dann dürfe das erst geschehen, wenn kein Einziger von uns mehr am Leben sei.“

Vierzig Prozent der Männer des Jahrgangs 1925 sind gefallen

In manchen Einheiten überlebten weniger. Kurz vor seinem neunzehnten Geburtstag läuft Dieter Wellershoff über ein freies Feld durch dichtes Artilleriefeuer und unter Raketenbeschuss auf eine russische Stellung zu. Etwa einhundertfünfzig Mann nehmen aus seiner Kompanie an dem Angriff teil. Am Abend sind noch dreißig von ihnen einsatzfähig. Wellershoff gehört nicht dazu.

Im Film wird Charlottes Lazarett evakuiert, weil die Rote Armee anrückt. Während des panischen Aufbruchs der Deutschen ist aus dem Lautsprecher vor dem Lazarett eine Stimme zu hören, ein winziges Detail, eigentlich kaum zu bemerken. Dieter Wellershoff zuckt in seinem Sessel zusammen: „Das habe ich gehört. Das ist Goebbels, der an Hitlers Geburtstag spricht. Berlin wird deutsch bleiben, Wien wird wieder deutsch werden, hat er gesagt. Das war am 20. April 1945. Hirnverbrannt, dachte ich.“

Joseph Roth hat gesagt, die größte Erfindung der modernen Diktaturen bestehe darin, dass sie die lärmende Lüge geschaffen hätten. Seit Jahrhunderten sei der Mensch gewohnt, die Lüge auf leisen Sohlen schleichen zu hören. Jetzt werde er betäubt und schwerhörig gemacht vom Gebrüll der Lüge. Roth war bereits im Exil, als er dies 1934 schrieb. Dieter Wellershoff war acht Jahre alt.

Er kann sich nicht erinnern, während des Krieges ein Buch gelesen zu haben. Briefe habe er auch nicht geschrieben. Skeptisch schaut er zu, wie sich die fünf Freunde im Film immer wieder begegnen. Realistisch sei das nicht. „Ich habe keine einzige emotionale Bindung über den Krieg retten können. Es war alles wie abgeschnitten.“

Die stärksten Eindrücke seines Lebens

Fünfzig Jahre nach seiner Verwundung fuhr Wellershoff noch einmal nach Bad Reichenhall, wo er 1944 mit einem Granatsplitter im Bein im Lazarett lag. Die Erinnerungen kehrten mit Macht zurück, ein Jahr später, 1995, erschien sein Buch „Der Ernstfall. Innenansichten des Krieges“.

Das Bild ist wieder angehalten. Es zeigt ein Straßenschild im zerstörten Berlin: Adolf-Hitler-Platz. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal so lange wie heute über all das reden würde. Dieser Film wird hoffentlich viele Gespräche auslösen.“

Wie erklärt er sich, dass ihm nach fast siebzig Jahren noch jedes Detail präsent ist? „Das waren die stärksten Eindrücke meines Lebens. Ich lebe damit.“

Maria Wellershoff steckt den Kopf zur Tür herein: „Ist der Krieg noch nicht zu Ende?“ Dieter Wellershoff antwortet nicht.

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