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Dieter Wellershoff sieht fern : „Ich war der richtige Soldat“

“Das weiß ich nicht. Sie müssen es wohl so empfunden haben, als hätten das Hinrichtungskommando und der Hingerichtete eine gemeinsame Handlung vollzogen und dabei die herrschenden Regeln befolgt. Das waren achtzehnjährige Jungs, die glaubten, so eine Hinrichtung gehöre dazu. Als wäre es eine Einübung in den Krieg, der uns erwartete.“

Einige Monate später wurde in Plötzensee die Halbschwester seiner späteren Frau enthauptet. Sie hatte Kontakte in die Schweiz geknüpft, um Lebensmittellieferungen für die Zeit nach dem Zusammenbruch zu organisieren. Helmuth von Moltke schätzte damals, dass in Berlin täglich fünfzig Menschen enthauptet wurden. Hat Dieter Wellershoff je daran gedacht, sich für ein Hinrichtungskommando zu melden? „Ja, gedacht schon. Aber ich wollte das nicht.“

Als habe sich das alles erst gestern zugetragen

Vielleicht wäre Elisabeth von Thadden die Guillotine in Plötzensee ohne den 20. Juli erspart geblieben. „Aber nach dem Attentat drehten die Nazis völlig durch und statuierten ein Exempel nach dem anderen.“ Kurz nach Stauffenbergs Anschlag lässt Göring das Regiment, das seinen Namen trug, in der Rominter Heide antreten. Hitlers Wolfsschanze ist siebzig Kilometer entfernt. „Göring schritt unsere Formation ab. Das Gelände war sumpfig, Göring lief schwankend. Alle paar Schritte sagte er den absurden Satz: ,Wo ich vorbei bin, kann gerührt werden.’ Dann stellte er sich in die Mitte der Lichtung und brüllte seine Rede heraus. Göring war total zu, völlig benommen, wahrscheinlich Morphium, und schrie irgendetwas von feigen Verrätern und davon, dass wir dem Russen in den Arsch treten sollten.“

Tom Schilling spielt in „Unsere Mütter, unsere Väter“ den Wehrmachtssoldaten Friedhelm Winter

Wellershoff erzählt von Göring, als habe sich all das erst gestern zugetragen. Die DVD ist wieder angehalten. Viktor, der jüdische Freund von Greta, die um jeden Preis eine berühmte Sängerin werden will, hat sich zu einer Gruppe von polnischen Partisanen durchgeschlagen, für deren Anschläge die SS grausame Rache an der Zivilbevölkerung nimmt. Den Henker muss Friedhelm spielen. „Die Partisanen sind sehr eindrucksvoll dargestellt. Zum Glück sind mir solche Begegnungen erspart geblieben. Das war großes Glück.“

Ich kann nicht wissen, wie ich mich verhalten hätte

Teile der Einheit von Dieter Wellershoff evakuierten Kunstschätze in Monte Cassino und verübten das Massaker von Civitella, bei dem als Racheakt gegen die Partisanen der Resistenza 250 Zivilisten erschossen wurden. Als das Kriegsverbrechen vor Jahren noch einmal in die Schlagzeilen geriet, wurde Wellershoff von seinen Töchtern bedrängt, öffentlich klarzustellen, dass er an dieser Untat nicht beteiligt war. „Das wollte ich nicht. Ich war nicht dabei, aber das war Zufall, weil ich damals gar nicht in Italien war. Ich kann nicht wissen, wie ich mich verhalten hätte, wenn ich dort gewesen wäre.“

Achtzehnjährige, die sich freiwillig melden, um einen an den Händen gefesselten Menschen, den sie nie zuvor gesehen haben, zu erschießen. Achtzehnjährige, die gerade noch in der Schule Ovid übersetzt haben und jetzt Zivilisten in Italien massakrieren. Achtzehnjährige, die im Graben liegen, betäubt vom Gesang der Stalinorgeln, und plötzlich einen Einschlag verspüren. Erleichtert stellen sie fest, dass es nicht sie getroffen hat. Fassungslos blicken sie auf das Loch im Rücken ihres Nebenmannes. „Es war ein Lungenschuss. Steckschuss, sagte ich. Ist das gut oder schlecht, fragte Paul. Gut, sagte ich. Das stimmte auch. Das Geschoss war im Rücken unterhalb des Schulterblatts eingedrungen. Wäre es vorne wieder ausgetreten, hätte es ihm die halbe Lunge mit herausgerissen.“

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