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Zora Recker : Sie konnte so frei über alles sprechen

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Mit Mutter Mia und kleinem Bruder: Zora Recker, geb. Bicanski Bild: Zora Recker

Sie war noch keine vier Jahre alt, als im Januar 1942 vor ihren Augen die Eltern erschossen wurden: Unsere Leserin Zora Recker erzählt, wie sie ihre Mutter später kennenlernte - durch Briefe im Archiv der Harvard University.

          Wenn ich mich heute meiner Kindheit erinnere, frage ich mich, warum ich erst nach so vielen Jahren dazu in der Lage bin. Es ist das tragische Ereignis des 23. Januar 1942, das uns alle, meinen Bruder, meine Verwandten und mich, so stumm gemacht hat, und das verhinderte, das Geschehene und den Verlust zu verarbeiten.

          Mein Bruder war 9 Monate, ich noch nicht 4 Jahre alt, als unsere Eltern im Beisein von uns Kindern und dem Kindermädchen in unserem Haus in Novi-Sad in Jugoslawien erschossen wurden.

          Die Besatzungsmacht hatte eine dreitägige Ausgangssperre angeordnet. Sie galt vom 21.-23.Januar 1942. Die Fenster mussten verdunkelt werden, damit man nicht sehen konnte, was sich auf den Straßen ereignete. Die jüdischen Bewohner der Stadt wurden in langen Zügen durch die Stadt zum Fluss getrieben und mussten Löcher ins Eis schlagen, bevor sie erschossen wurden.
          Ich habe nur die Erinnerung an die beiden Männer, wie unser Haus betraten. Sie trugen grüne Uniformen, einer von den beiden war schon älter, klein und dick. An den zweiten habe ich keine Erinnerung mehr.

          Unser Kindermädchen war eine junge Ungarin. Sie flehte um unser Leben und rettete sich und uns Kinder, da das Erschießungskommando aus ungarischen Soldaten bestand und sie in der Lage war, sich zu verständigen.

          In unserer Straße wurden alle Bewohner getötet außer uns beiden, meinem Bruder und mir und einer alten Dame, Frau Gavanski, die wir nach dem Krieg aufsuchten und die uns über das Massaker an diesen drei Tagen berichtete. Unsere Mutter Mia hatte vorher noch mit ihr Bücher ausgetauscht, die sie während der Zeit des Ausgehverbotes lesen wollten. Unsere Nachbarin  erlebte  im Gespräch mit uns diese Tage des Grauens wieder neu. In ihrer Erinnerung erstanden wieder die Bilder der toten Nachbarn und Freunde, wie sie aus ihren Häusern auf Pferdekarren geladen und durch die schneebedeckten Straßen ans Donauufer gefahren wurden,  um sie dort dem eisigen Wasser zu übergeben.

          Lange habe ich in meiner Phantasie unsere Eltern immer wieder auf diesem Karren gesehen. In Wirklichkeit habe ich leider gar keine Erinnerung an meine lieben Eltern und an meine behütete Kindheit in unserem schönen Haus mit Garten in Novi-Sad. In mir ist die Erinnerung ausgelöscht durch den Schrecken der Ereignisse, bei denen ich Zeuge sein musste.

          Unsere Nachbarin erinnerte sich an die betrunkenen Soldaten. Sie trugen die Säuglinge auf ihrem Bajonett und das Blut färbte den weißen Schnee rot.

          Mit ihrem Vater, Stojan Bicanski

          Unsere Eltern waren wohl ausgesucht wegen ihrer Mitgliedschaft im Englischen Club, der gegen die faschistische Besatzungsmacht eingestellt war. Dieser Club war eine Kultureinrichtung der Stadt. Alle Mitglieder waren auf der Liste und starben in diesen Tagen. Unsere Mutter Mia wurde 35 und unser Vater Stojan 31 Jahre alt. Nach dem Inferno, das in unserem Haus stattgefunden hatte, brachte uns das Mädchen zu unseren Paten, bei denen wir und später auch unsere Verwandten blieben, bis wir nach Deutschland ausreisen konnten.

          Unsere Paten waren Mitglieder der angesehenen Familie Bogdanov. Sie hatten einen  Buchverlag und verlegten auch die Novi–Sader Zeitung und verschiedene Illustrierte. Mein Bruder und ich besuchten sie nach dem Krieg und baten sie, uns zu berichten. Wir fanden sie verarmt, traumatisiert und schweigend vor. Nur über ihre Freunde, unsere Eltern, sprachen sie gerne mit uns.

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