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Walter Zoeller : Eine unwahrscheinlich interessante Sache

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Für kleine Jungs, die im Krieg noch zu Schule gingen, waren die Jahre ungemein spannend. Unser Leser Walter Zoeller erinnert sich an diese Zeit in einem kleinen Dorf im Rheinland.

          3 Min.

          Im Jahre 1943 zog unsere Familie aus einer westdeutschen Großstadt in ein Dorf zwischen Düsseldorf und Essen. Meine Eltern meinten, die nächtlichen Bombenangriffe der Engländer sich selbst und und uns Kindern nicht mehr zumuten zu können. Zu der Zeit war mein Vater Blockwart, hatte z.B. auf ständige Verdunkelungen in der Nacht aufzupassen. In E., dem Gott-verlassenen Dorf , waren ungefähr 360 Einwohner. Von dort gingen meine Schwester und ich einmal des nachmittags in die Nachbarstadt, um dort Adolf Hitler, unseren Führer vorbeifahren zu sehen, eine Stunde hin und eine Stunde zurück.  Wir hoben den rechten Arm zum Führergruss. Hat „er“ sicher nicht gesehen. Die Eltern waren entsetzt.

          Wir wohnten im Schulhaus des Dorfes, nebenan war die einklassige Volksschule. Mein Vater, Lehrer, hatte die Verpflichtung, nach den Bombenangriffen auf Düsseldorf, die nachts abgeworfenen Flugblätter der Engländer einsammeln zu lassen und abzuliefern. Auch Drehbleistifte mit Sprengsatz und vergiftete Pralinen wurden abgeworfen.

          Zwischen 1943 und 1945 hatten wir, d.h. Mutter und wir zwei, Vater war im Krieg, ständig Einquartierung von Soldaten, zuallererst einen Unteroffizier, dann einen jungen Leutnant, u.a. auch einen Sanitätssoldaten am Schluss des Krieges. Feuer uns Jungs, ich war 1943 sieben Jahre alt, war der Krieg eine unwahrscheinlich interessante Sache, immer Soldaten, Motorräder, im Beiwagen durfte ich schon mal mitfahren, Panzerspähwagen, auf dem Schulhof einmal eine Feldbäckerei mit drei riesigen Öfen, die den ganzen Tag brannten. Da hatte meine Mutter oft Angst, den roten Schein könnten die Flieger nachts sehen. Es geschah aber nichts. Zweimal erhielt ich von einem Soldaten ein Kommissbrot, war mächtig stolz.

          Bis 1944 wurden wir von Lehrer V. unterrichtet, einem hundertprozentigen Nazi. Er zeigte seine eigene Verwandtschaft wegen Vergehen an. Als er einmal einem Klassenkameraden mit dem Stock den Rücken blau geschlagen hatte, verdrosch ihn am nächsten Morgen, er kam immer mit einem nagelneuen Fahrrad zur Schule, die Mutter des Jungen mit dem Stocheisen. Sie wurde später inhaftiert.

          Einmal konnte ich die zweite Strophe des Horst-Wessel-Liedes nicht aufsagen, bekam deswegen Stockhiebe auf den Rücken. Meine Mutter, eine mutige Frau!, beschwerte sich anschließend beim Schulrat. Jenes Lied musste morgens zu Beginn des Unterrichts, das Deutschlandlied zum Ende des Unterrichts gesungen werden.

          Schwester E., 1944 sechzehn Jahre jung,  organisierte zu Weihnachten 1944 eine Aufführung Hänsel und Gretel, die Eltern nähten die Kostüme selbst. Den Dorfkindern bastelten wir Sachen aus Sperrholz, sogenannte Laubsägearbeiten, die anschließend mit Wasserfarbe bemalt wurden. Das waren Darstellungen aus dem Film „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ von Walt Disney. Man stelle sich vor, alles das lief ohne Parteibrimborium ab.

          1945 erreichten die Amerikaner den Rhein, konnten diesen, weil alle Brücken bombardiert bzw. gesprengt waren, aber nicht überqueren. Jede Nacht war ab sofort Beschuss von der linken Rheinseite aus . Wir zogen zu drei Familien in unseren Keller. Dieser Gewölbekeller war der sicherste des Dorfes, sechs Erwachsene und drei Kinder auf etwa zwanzig Quadratmetern, dort schliefen wir. Jede Nacht hörten wir die Einschläge, öfter auch das dumpfe Mündungsgeräusch des großen deutschen Eisenbahngeschützes im benachbarten Tal der Speeschen Wälder, oft war es nur ein einziger Schuss.

          1944 versuchten deutsche Militärs, meiner Mutter in unserer Wohnung etwas anzutun. Mutig, wie sie war, ging sie zur Ortskommandantur und zeigte diese zwei an. Diese kamen sofort zur Strafkompanie. Zum Schluss waren nur noch Funker in der Schule; da es keinen Strom gab, musste die Energie zum Funken mit Muskelkraft erzeugt werden. Da durfte ich schon mal selbst in die Pedale des Generators treten.

          Tagsüber waren wir Jungs ständig unterwegs, liefen durchs Dorf und über die Felder, schulfrei war monatelang. Da ein Tiefflieger! Die Lightnings schossen auf alles, was sich bewegte, wir sofort in den Straßengraben.

          Mutter hörte öfter den englischen Sender, er berichtete über den Kriegsverlauf, das Abhören war allerdings strengstens verboten. Ja, ich sollte eigentlich nicht mithören.

          Einmal stürzte ein Bombenflugzeug der Amerikaner ab, unser Einquartierter sagte: „Ich habe dem Piloten die Uhr abgenommen.“ Meine Mutter hatte vor ihm ausgespuckt und Pfui gesagt. 

          Im Mai 1945 kam mittags ein Jeep mit zwei amerikanischen Soldaten, sie trugen riesige Antennen und Funkgeräte. Sie sagten, um zwei Uhr am Nachmittag sei Besetzung, alle Bewohner müssten aufs Feld. Wir mussten mit hoch erhobenen Händen an den  Amerikanern vorbeigehen. Ich hatte furchtbare Angst, ja, manches Mal bis heute, wir mussten mehrere Stunden auf offenem Feld ausharren. In dieser Zeit, plünderten die Polen, die für die fünf Bauernhöfe Zwangsarbeit geleistet hatten, das Dorf. Meinem Vater, der zu der Zeit im Eichsfeld war, wurden alle Anzüge und Schuhe gestohlen. Er war niemals in der Nazi-Partei gewesen, ausgerechnet lag bei uns die Hakenkreuzfahne der Schule ausgebreitet auf den Betten der Eltern. Im Bücherschrank des Vaters waren die Kameras weg, stattdessen lag da noch ein winziges Stück angebissener Schokolade der Besetzer. Meine Mutter meinte: „Der Krieg ist aus, wir leben.“

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