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Ruth Mahr : Wollen wir uns nicht doch erschießen lassen?

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„Es kommt sicher nicht so häufig vor, dass eine ganze Schulklasse gemeinsam in Tränen ausbricht“: Unsere Leserin Ruth Mahr erinnert sich an ihre Kinderlandverschickung und verschiedene Lager der Kriegs- und Nachkriegszeit.

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          Ruth Mahr, geb. Ronchi, geb. 1930. Ich bin heute 82 Jahre, bei Ausbruch des von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkriegs war ich fast 9 Jahre alt.

          Die ersten bedrohlichen Kriegseindrücke entstanden durch die Bombardierungen in Berlin. Zunächst waren es „nur“ die Fliegerangriffe, denen Sirenengeheul in der Nacht vorausging und die Flucht in den Luftschutzkeller des Hauses.
          Ich erinnere mich genau an die Namen der Mitschülerin, die als erste „ausgebombt“  und von uns allen zutiefst bedauert wurde. Aber es dauerte nicht lange, daß weitere Schülerinnen Wohnung und Hab und Gut verloren.

          Der morgendliche Schulweg führte an zerstörten Häusern vorbei und wir Kinder sammelten „Flak“- und Bomben-Splitter, von denen jedes Kind eine stattliche Anzahl besaß, die wir uns in den Unterrichtspausen zeigten.
          Als sich ab 1943 die nächtlichen britischen Luftangriffe mit Brand- und Phosphorbomben, Luftminen und Sprengbomben auf Berlin häuften, begann die Schließung und Evakuierung der Schulen. Zudem wurde das Gerücht verbreitet, daß Eltern, die ihre Kinder nicht in die Evakuierung mitgeben, keine Lebensmittelkarten mehr für diese Kinder erhalten. Somit gab es keine Wahlmöglichkeit.

          Meine Schule gehörte mit zu den letzt-evakuierten Schulen, das hieß: die Umquartierung im Rahmen der sogenannten „Kinderlandverschickung“ (KLV) erfolgte nicht in bevorzugte Gebiete wie beispielsweise nach Bayern. Wir kamen in den sogenannten „Reichsgau Wartheland“, d. h. in das besetzte Polen, nach Pakosch (heute wieder polnisch „Pakosc“) bei Inowroclaw, damals Hohensalza genannt.
          Die 1 ½-tägige Eisenbahnfahrt war die Einleitung für die bevorstehende Trostlosigkeit. Ich erinnere mich genau an die Empfindung der Verlassenheit in dieser Nacht. Der Zug blieb oft lange stehen, um offenbar „feindlichen“ Fliegern keine Orientierung zu bieten. Der Vollmond schien ins Zugabteil, mir war der Schlaf versagt. In unserem Kindertransport saß neben mir ein Soldat. Ich bemerkte, daß er weinte. Seine Traurigkeit ergriff mich und ich fragte ihn, warum er weine. Unter Schluchzen antwortete er, daß er ein Auslandsdeutscher aus dem Banat in Rumänien sei, die Russen seien dort einmarschiert und würden alle Deutschen umbringen, auch seine Frau und seine Kinder, er würde sie nie wiedersehen. Ich versuchte ihn mit ein paar hoffnungstiftenden Worten zu trösten, aber es gelang mir nicht.

          Die Evakuierung meiner „Minna-Cauer-Schule“ in Berlin-Kreuzberg war offensichtlich derart übereilt erfolgt, daß überhaupt keine ausreichenden Vorbereitungen getroffen worden waren. In Pakosch wurden wir im größten Gebäude des Ortes, in den leergeräumten Klassenräumen der Schule untergebracht, nachdem die polnischen Schüler und Lehrer daraus vertrieben worden waren. Auf dem Fußboden war Stroh aufgeschüttet worden, das uns als Schlaflager diente. In den Fluren waren Bleirohre angebracht worden, die im Abstand von ca. 1 Meter angebohrt waren, aus denen ein dünner Wasserstrahl in die darunter befestigte Zinkwanne lief.
          Es kommt sicher nicht so häufig vor, daß eine ganze Schulklasse gemeinsam in Tränen ausbricht.  Es war das Ende der Kindheit. Polnische Jungs bewarfen uns Mädchen über die Schulhofmauer mit Steinen.

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