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Renate Zelger : Mit dem Rad quer durch Deutschland

  • Aktualisiert am

Der Bruder hatte einen Tag Fronturlaub, um die Schwestern zur Flucht zu bewegen: Unsere Leserin Renate Zelger erinnert sich an die Fahrt quer durch Deutschland, die auf diese Warnung folgte.

          8 Min.

          Erinnerung an einen Krieg, der unserer Generation körperliche und seelische Verletzungen zufügte, zugleich uns aber auch das Überleben lehrte.

          Meine erste bedrohliche Begegnung mit dem Krieg  ereignete sich, als ein Unteroffizier der Wehrmacht uns Jungmädeln der Hitlerjugend beizubringen versuchte, wie sich eine Brandbombe löschen  ließ und er uns anschließend mit strengen Worten  befahl, eine Gasmaske anzulegen, die uns in einem Giftkrieg das Leben erhalten könnte. „Vormilitärische Ausbildung der Jungmädel“ wurde das scherzhaft genannt. Aber mein Vater, der im 1. Weltkrieg als Rittmeister in dem Traditionsregiment Jäger zu Pferde gekämpft hatte, konnte an dieser Bezeichnung nichts Scherzhaftes erkennen und hielt es für angebracht, mich in einem Internat im damals noch friedlichen Chiemgau unterzubringen, ehe aus der vormilitärischen eine tatsächliche militärische Ausbildung werden konnte. Seinen Anordnungen wagte niemand zu widersprechen. Dennoch holte mich der Krieg bald ein.

          Unverzüglich nach dem Abitur musste ich der Einberufung zum Reicharbeitsdienst Folge leisten. Dort schickten uns die Führerinnen, die es sich während unserer Abwesenheit beim Frühstück gemütlich machten, zu den nahen Bauerngehöften, um den Landwirten bei der Arbeit auf den Feldern zu helfen, damit wir mit diesem wichtigen Dienst zur Ernährung der deutschen Bevölkerung beitragen sollten.

          Von der Passionsprobe in den Luftschutzkeller

          Wie hatte ich mich auf mein Studium nach der Entlassung aus dem Arbeitsdienst gefreut! Aber als ich  zum Semesterbeginn mit einem der seltenen Vorortzüge von meiner Heimatstadt Wuppertal aus nach Köln gefahren war, fand ich dort nur noch ein Trümmerfeld vor. Köln gab es nicht mehr. Einsam ragte der Dom aus der Steinwüste hervor. Auch Wuppertal blieb, wie vielen anderen deutschen Städten, dieses Schicksal nicht erspart. Bis auf die Grundmauern wurden die städtischen Wohnhäuser durch die feindliche Bombardierung zerstört. Zum ersten Mal sah ich in den Kellern verbrannte Leichen, die  zu winzig kleinen Körpern verschmort waren.

          Ein Bekannter unserer Familie verhalf mir zu einem Studienplatz in Freiburg, das zu Unrecht, wie sich später herausstellte, als sicher galt. Dort  täuschten wir uns Frieden vor. Der Studienbetrieb wurde noch aufrecht erhalten. Ein verwundeter Offizier, der in einer Versehrtenkompanie seinen weiteren Wehrdienst ableistete, gründete einen Studentenchor, in dem wir Bachs Matthäuspassion  einübten und im Münster aufführen wollten. Wir fürchteten uns nicht einmal,  wenn das Sirenengeheul des Fliegeralarms unsere Stimmen übertönte und uns zwang, eilends einen Luftschutzkeller aufzusuchen.

          Den Ernst unserer Lage begriffen wir aber erst, als einige von uns zum Schaufeln des Westwalls abkommandiert wurden. Keinen von diesen Kommilitonen habe ich jemals wiedergesehen. Ich hatte jedoch das Glück, auf einem mecklenburgischen Gutshof  arbeiten zu dürfen, den meine Schwester während der Abwesenheit ihres Mannes verwaltete, der im sogenannten Volkssturm in Jugoslawien gegen Partisanen kämpfen musste.

          Ein Tag, um die Schwestern zu warnen

          Kurz nach meiner Abreise aus Freiburg schlug eine Luftmine in dem Haus ein, in dem ich zuvor als Studentin gewohnt hatte. Kein Bewohner kam mit dem Leben davon, und ich verlor all mein Hab und Gut, was mich in keiner Weise bekümmerte. Zu dieser Zeit ging es nur noch ums Überleben.

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