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Margarete Främcke : Als der Pilot meinen Ranzen sah, zog er wieder hoch

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Die Nächte allein, weil die Mutter als Nachtschwester arbeitete; der Umzug in die Baracke, nach den Bomben auf das Haus; das Gesicht des Piloten, der nicht auf das Schulkind schoss: Unsere Leserin Margarete Främcke erinnert sich.

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          Ich möchte über den Krieg nicht wie über etwas Dramatisches und nicht einmal Interessantes sprechen, und meine Generation war bis vor einigen Jahren eine stumme Generation. Ein Kind fragte sich nicht, warum die Dinge so waren, es nahm sie hin; so nahmen wir den Hunger und die Bombenangriffe hin, und nur manchmal gab es große Augen vor Schreck, und Herzklopfen. Ich erinnere mich an eine gewisse Lebensfreude, die die Freude zu überleben war; wir hatten nichts mehr, und die Sonne ging jeden Morgen auf!

          Eines Samstagabends sagte meine Mutter mit ernster Stimme zu mir, bevor wir in den Bunker gingen: “Essen wir den Sonntagspudding jetzt, weil wir nicht wissen, ob wir morgen noch leben!” Und wir aßen mit gutem Appetit. Ich hatte meinen Vater sehr früh verloren, und meine Mutter, um unser Leben zu verdienen, arbeitete als Nachtschwester. Sie hatte verzichtet auf den Posten der Gemeindeschwester, weil sie dafür das Parteibuch brauchte, und das wollte sie nicht. Sie fuhr fort, abends fortzugehen und mich allein zu lassen, sobald ich vier war. Ja, es gab Herzklopfen bei dem Getöse, aber es gab auch Mut. Dann, in den Stunden der Einsamkeit, wenn die Stille wie Watte auf die Ohren drückte, hörte ich in mir wie ein Gemurmel von vielen Stimmen, und ich hatte den Eindruck, platzen zu müssen: da, indem ich im Zimmer auf und ab ging, ließ ich sie alle sprechen. Eines Nachts stürzte auch unser Haus zusammen und wir kamen für fünfzehn Jahre in eine Baracke zu wohnen, weil unsere wieder aufgebaute Wohnung einem Parteimann gegeben wurde.

          Im Haus meiner Großeltern war, neben dem Kaiser und Hindenburg. ein Bild von Hitler im Wohnzimmer, und meine Mutter und ich waren zwei arme Würstchen, meine Mutter dumm und ohne Ideale. Ich erinnere mich an zwei schöne Dinge; eins erzähle ich. Eines Tages hatte ich mich nach dem Alarm verspätet, da ich einen langen Weg zu machen hatte. Ich lief die leere Straße entlang, als ich plötzlich auf mich herunter ein feindliches Flugzeug kommen sah von denen, die ganz tief fliegen. Ich sah sogar das Gesicht des Piloten. Und der Pilot, als er mich mit meinem Ranzen auf dem Rücken sah, hob sein Flugzeug wieder an. Er schoß nicht. Ich denke oft an diesen Piloten. Ich sagte, daß es weder dramatisch, noch heroisch noch außergewöhnlich war, unser Leben während des Krieges. Nur als ich merkte, daß das meine Kindheit war, schnürte es mir den Hals zu.

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