https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/unsere-muetter-unsere-vaeter/die-leserdebatte/klaus-juergen-fischer-als-aus-hitler-gitler-wurde-12119390.html

Klaus-Jürgen Fischer : Als aus Hitler Gitler wurde

  • Aktualisiert am

„Drei Jungen spielen Gitler kaputt“ heißt das Bild von Klaus-Jürgen Fischer Bild: Klaus-Jürgen Fischer

Neun Jahre alt war er im Februar 1945, als die Flucht mit Mutter und Bruder bei den Großeltern in Göttingen endete: Klaus-Jürgen Fischer schildert das Treiben einer Kinderbande, die mit Elastolinfiguren die Todesurteile der Nürnberger Prozesse vollstreckte.

          9 Min.

          Mitten in einer Winternacht hatte der Fluchtweg der Mutter mit den zwei Knaben, bepackt mit Koffern, Rucksack, Ranzen, Brotbeuteln in Göttingen Ziel und Ende gefunden. Auf dem Weg zu den Großeltern in der Reinhäuser Landstraße ertönte über uns das Heulen der Sirene. Diese war auf einem der später für den Bau des Kreishauses abgerissenen Gebäude installiert. Das Sirenengeheul mahnte zur Eile, denn wir wussten inzwischen, dass die Zeitspanne zwischen Warnung und Bombenwurf sehr kurz ausfallen konnte. Es wird eine Nacht Mitte Februar 1945 gewesen sein, denn bereits an einem der nächsten Tage brach die Mutter in Richtung Dresden auf, nach ersten Schreckensmeldungen getrieben von der Sorge um das Schicksal des Vaters, der in einem Dresdener Lazarett gelegen hatte. Unterdessen wurden mein 4jähriger Bruder und ich von jenen lästigen, Blut saugenden Mitbewohnern befreit, die man sich damals in überfüllten Zügen und auf den Strohsäcken der Massenquartiere naturgemäß ungewolllt aneignete.                                                                                                                                 

          Die 5-Zimmer-Wohnung der Großeltern war zu diesem Zeitpunkt vermutlich für die Göttinger Verhältnisse repräsentativ belegt: neben den Großeltern bildeten eine Studentin der Medizin sowie eine ausgebombte Mutter aus Solingen mit etwa 8- bis 9jähriger Tochter die Stammbelegschaft. Rückblickend verfestigt sich der Eindruck, dass Familienbande und Freundschaften damals ein verlässliches Netzwerk bildeten: Ein weitläufig verwandtes Ehepaar aus Schlesien hatte dieses Refugium schon vor uns erreicht, mehrere befreundete Familien sollten kurzfristig folgen. Die Schlafplätze der beiden älteren Kinder wechselten: mal Einquartierung im Zimmer der Studentin, mal am Fußende im überbreiten kolossalen Ehebett der Großeltern, mal in der mit Kissen ausgelegten Badewanne.

          Schulunterricht fand zu dieser Zeit in Göttingen (wie andernorts) nicht statt, hinreichend Zeit also, sich in der Nachbarschaft nach Gleichaltrigen umzusehen. Das öffentliche Unterhaltungsprogramm bestritten gelegentlich einfallende Tiefflieger, der Volksempfänger mit Wehrmachtsbericht und Luftlage sowie frische, wenngleich seltene Bombenschäden, die uns als Ruinentouristen anlockten. So geschah es auch in den Abendstunden des 7.April 1945 nach der Bombardierung des Bahnhofsgeländes. Vom Wall aus blickten wir auf das verwüstete Bahngelände, erkannten flackernde Brände in einem Flügel des naturhistorischen Instituts und wohl auch im Bahnhofsgebäude. Das Anatomische Theater hingegen war erkennbar so total zerstört wie auf dem Großrepro einer Luftaufnahme im Städtischen Museum dokumentiert ist. Die Einschläge und Detonationen hatten wir im großelterlichen Keller unter den Füßen und in  den Ohren gespürt, gerade so wie Wochen vorher, als das Lazarett in Troppau (Sudetenland), in dem die Mutter als Hilfsschwester arbeitete, unter einen Bombenteppich geriet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der ehemalige Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts, Igor Zelensky

          Münchens früherer Ballettchef : Ein Kind mit Putins Tochter

          Doppelleben: Die frühere Münchener Ballettchef Igor Zelensky und Putins zweite Tochter Katerina Tichonowa sind liiert und haben ein gemeinsames Kind. Tichonowa ist eine der besten Partien in Russland.
          Abzug: Auf diesem Foto des russischen Verteidigungsministeriums sollen ukrainische Soldaten zu sehen sein, die „Asowstal“ verlassen.

          Krieg in der Ukraine : Die letzten Tage von Asowstal

          Die Verteidiger der ukrainischen Hafenstadt Mariupol haben den Befehl zum Aufgeben bekommen. Zuvor hatten sie die Stadt über viele Wochen gegen die russische Armee verteidigt. Was aus ihnen wird, ist unklar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Bildungsmarkt
          Alles rund um das Thema Bildung
          Sprachkurs
          Verbessern Sie Ihr Englisch
          Sprachkurs
          Lernen Sie Französisch