https://www.faz.net/-hq1-77s3t

Josef Schindler : Mitbringsel aus dem Krieg

  • Aktualisiert am

Der Vater unseres Lesers Josef Schindler hat nicht nur ein Laster aus dem Krieg mitgebracht, sondern auch einen Granatsplitter. Obwohl ihn eine Tat aus dem Krieg sein Leben lang beschäftigte, hat er doch kaum darüber geredet.

          In den 50er Jahren wurde auch in Bayern die Bevölkerung zur Röntgenreihenuntersuchung verpflichtet. Aus Regensburg kam ein sogenannter Röntgenbus vor dem man wartete, bis man an der Reihe war. Auch mein Vater musste sich in diesem Röntgenbus vor den Bildschirm stellen. Und prompt wurde ihm mitgeteilt, er habe einen Schatten auf der Lunge. Er rauchte Salem ohne. Und das nicht wenige am Tag. Dieses Laster, wie es die Mutter nannte, war wohl auch ein Mitbringsel aus dem Krieg. Meine Mutter hatte ihn immer wieder gewarnt und gebeten, das Rauchen aufzugeben. Nicht nur aus Sorge um seine Gesundheit, auch aus Sorge um die Gardinen und Vorhänge, an denen sich der kalte Tabakrauch festsetzte. Sie deutete manchmal auf den Waschtrog und forderte den Vater auf, er solle sich mal das Wasser anschauen, dann sehe er schon wie viel Dreck seine Zigaretten machten. Dieser meinte aber nur: „Schau hold ned so genau hi!“ (Schau halt nicht so genau hin!)Auch das Argument, dass er zu viel Geld in den Kramerladen trage, zog nicht. Nicht einmal mein ständig wiederkehrender Husten mit Asthmaanfällen konnte ihn von dem Griff zur grünen Schachtel abbringen.

          Jetzt aber ein Schatten auf der Lunge laut Untersuchungsbericht. Er musste zur Nachuntersuchung nach Regensburg. Und von dort kam dann die Entwarnung. Der Schatten stammt von einem Granatsplitter, den er im Rücken hat. Auch ein Mitbringsel aus dem Krieg. So hatte der Krieg doch auch sein Gutes und der Vater konnte weiter rauchen. Der Granatsplitter aber begleitete ihn fast sein ganzes Leben lang. Wie auch wohl sonst manches aus dem Krieg. Manchmal seufzte die Mutter am Morgen: „Hejd Nacht hod a wieder amol vom Kriach dramt.“ ( Heute Nacht hat er wieder vom Krieg geträumt)

          Im hohen Alter, er war schon fast verstummt, obwohl er zeitlebens gern geredet hat, wollte ich ihn gedankenlos nochmal zum Reden bringen, mit dem Hinweis, er könne ja seinen Enkeln vielleicht noch was vom Krieg erzählen. Er hob den Kopf, den er in der letzten Zeit vor Schwäche immer auf die Unterarme gelegt hat, starrte mit seinen erblindeten Augen vor sich hin und sagte dann mehr zu sich selber als zu uns: „Ja, i hob a oan daschossn.“ Überrascht und begriffsstutzig meinte ich: „Naja, im Kriach!“ Er schüttelt den Kopf: „Na, ned a so. Auf’m Rückzug! Do is a schwer verwunderter junger Russ’ am Straßenrand g’leng. A wenn er wahrscheinlich eh g’stoam war. Trotzdem.“ (Er: Ja, ich hab’ auch einen erschossen. Ich: Naja, im Krieg. Er: Nein, nicht so. Auf dem Rückzug. Da lag ein schwer verwundeter junger Russe am Straßenrand. Auch wenn er wahrscheinlich eh gestorben wär’, Trotzdem.) Dann schnaufte er tief durch. Das war das letzte Mal, dass er den Krieg erwähnte.

          Die letzten zwei, drei Jahr, er konnte sich nur noch schwer auf den Beinen halten, war es immer ein kleiner Kampf, ihn zum Duschen zu überreden. Es war ihm lästig und er versuchte sich manchmal mit dem zornigen Satz zu entziehen: „Wos hed ma an do em Kriach do, do san ma oft wochenlang ned aus da Uniform aussakemma.“ (Was hätten wir da im Krieg gemacht!? Da sind wir oft wochenlang nicht aus der Uniform gekommen) Aber der Krieg war ja schon längst vorbei und einmal in der Woche sollte er doch duschen. Beim Einseifen spürte man am Rücken eine kleine Erhebung und unter der Haut sah man etwas schwarz schimmern. Einmal sagte er zu meinem Bruder, er solle nachschauen, da hinten beiße, soll heißen, jucke ihn etwas. Mein Bruder schob an dem Knorpel und zum Vorschein kam ein dunkles Blechplättchen. Als er es in das Waschbecken warf, schepperte es: Der Granatsplitter. Bald darauf ist der Vater gestorben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fast-Fashion-Tracht : Dirndl für alle

          Eine große Modekette entdeckt das Oktoberfest für sich – mit günstigen Trachten für die Massen. In München kommt das nicht gut an.
          Die meisten Manager finden ihren Job heute schwerer als früher (Symbolbild).

          Studie : Fast niemand will mehr Manager werden

          Es breitet sich die Manager-Müdigkeit aus: Beruflich wollen in Zukunft nur noch wenige eine Führungsposition übernehmen, wie eine neue Studie zeigt. Die Autoren mahnen die Unternehmen auf zu handeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.