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Hans Dieter Hintzen : Überleben unter der Kellertreppe

  • Aktualisiert am

Geboren im Oktober 1942 und heute in der Dominikanischen Republik lebend, erfuhr Hans Dieter Hintzen die Geschichte seines eigenen Überlebens aus den Erzählungen seines Großvaters.

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          Mein Vater: Jahrgang 1912, gefallen in Russland am  29.09.1943
          Meine Mutter Jahrgang  1921, ausgewandert nach Amerika 1948.
          Zwei Geschwister gestorben bei Bombenangriff auf unser Wohnhaus.

          Da die Eltern (Rheinlaender) meines Vaters (katholisch) anscheinend nicht mit der Heirat ihres Sohnes mit meiner Mutter (Berlinerin) (evangelisch) einverstanden waren, bestand keinerlei Verbindung zu den Verwandten meines Vaters. Mein Grossvater in Brandenburg/Havel verwitwet, konnte mit seinem Enkel nichts anfangen.

          Meine Mutter, nach Kriegsende Dolmetscherin bei der amerikanischen Armee in Berlin Zehlendorf. Dort lernte sie auch ihren spaeteren Mann kennen, und hat 1947 in Berlin Zehlendorf geheiratet.

          Ich wurde bis zu meinem 5. Lebensjahr in einem Amerikanischen Kinderheim in Berlin Zehlendorf untergebracht. Ab hier setzen meine eigenen Erinnerungen ein. Alle Dinge, die bis dahin passiert waren, kenne ich nur aus der Erzaehlung von meinem Grossvater.

          Hoert sich dann so an: Seine Tochter mit ihren drei Kindern wohnhaft in Brandenburg/Havel bei Berlin musste bei einem Bombenangriff 1944 die Kinder in den Keller bringen. Also erst meine zwei Schwestern (von den weiss ich nur die Existenz sonst nichts) und dann etwas spaeter mich. Beim Betreten des Kellers wurde das Haus mit ca. 50 Mitbewohnern von einer Fliegerbombe getroffen. Alle im Keller befindlichen Leute waren nach Aussage meines Grossvaters durch die Druckwelle der Bombe  an Lungenriss gestorben. Lediglich meine Mutter und ich wurden bei der Ausgrabung auf der Kellertreppe unter Truemmerteile verletzt geborgen. Es war gegen Ende des Krieges und die Krankenhaeuser ueberfuellt und keine Medikamente mehr. Die Verletzungen meiner Mutter konnten schnell behoben werden. Mein linker Fuss war eingeklemmt und die deutschen Aerzte hatten nicht mehr die Mittel diesen Fuss zu retten. Mein Glueck war, dass durch den Einmarsch der Russen auch die Krankenhauser uebernommen wurden und eine russische Aerztin mir meine Fuss gerettet hat. Noch heute zeigt eine tiefe Narbe wo der Knochen beschaedigt war.

          Warum  erzaehle ich das? Eine Mutter, die zwei Kinder auf so grausame Weise verliert, der Ehemann im Krieg gefallen, heiratet einen Amerikaner, geht mit Ihm nach Amerika und laesst ihren 5 jaehrigen Sohn in Berlin bei einer Bekannten zurueck. Normal wollte sie mich zu Adoption freigeben, aber das hat ihre Bekannte verhindert. So bin ich im Nachkriegsberlin aufgewachsen, nur mit dem Glueck, das es Westberlin war. Dann kam die Zonengrenze und damit brach auch der Kontakt zum Grossvater ab. Es war halt die DDR.

          Bis kurz vor dem Mauerbau lebte ich noch in West-Berlin und bin nach der Schule nach Westdeutschland uebersiedelt. Die Jahre in Berlin, der Mauerbau und die bedingten Reisen nach Berlin durch die DDR haben mir gezeigt, wie sinnlos Kriege sind  - und einer der schoenste Tage in meinem Leben war im Radio zu hoeren, in Berlin faellt die Mauer. In dieser Nacht habe ich mich von Baden-Baden aufgemacht um mit den Berlinern endlich die Freiheit die J.F. Kennedy mit seinen Worten „ich bin ein Berliner“  versprochen hat zu feiern.

          Wer in einer Stadt wie im geteilten Berlin gelebt hat, weiss was die Worte Freiheit und Krieg bedeuten. Von meiner leiblichen Mutter weiss ich nur, dass sie noch zwei Soehne hat, in San Pedro Kalifornien gelebt hat. Mit 13 Jahren habe ich aus eigener Endscheidung jeglichen Kontakt mit ihr abgebrochen.

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