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Georg Baus : Krieg! Aber wo und wer ist der Feind?

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Ein „Gegner der Bewegung“: Meldung aus dem „Nassauer Beobachter“ vom 23. August 1934 Bild: privat

Die Drangsalierung der Eltern durch Parteigenossen, die Bombenangriffe, die ersten Gummisohlen der Amerikaner, dann die Franzosen: Unser Leser Georg Baus erinnert sich an Kriegs- und Nachkriegszeit am Rhein.

          Über meine ersten 10 Lebensjahre bis 1942 gibt es nichts Besonderes zu berichten: Kindergarten und Volksschule in einer Kleinstadt am Mittelrhein, Gymnasium als Fahrschüler in den Nachbarort. Der Ort lebte vom Fremdenverkehr und einem Industriewerk mit 300 Beschäftigten.. Der Rhein mit seinem Fracht- und Personenverkehr bildete ein Tor zur Welt, in dem es immer etwas zu beobachten gab. Da kamen schnell Fra-gen auf: wo kommen diese Menschen her, wo wollen sie hin? Manche sprachen so guttural, dass mein Vater mich aufklärte: das sind entweder Holländer oder Schweizer, die haben beide dieselbe Halskrankheit. Aber auch am Ort gab es viel Abwechslung.

          In der Verwandt- und Bekanntschaft waren viele Handwerker, bei denen ich mich rumtreiben durfte: Bäcker Ernst, bei dem man die großen Kuchenbleche zum Backen abgab, Schuster Mohner, der zahme sprechende Dohlen hielt, Schnapsbrenner Vobel mit Kuhstall, Dachdecker und Winzer Riemer, Freund meines Vaters und deshalb „Nenn-Onkel“ August, dann mein Onkel Fritz, der Schmied, wo es beim Beschlagen der Pferde immer so schön roch, mein „Nenn-Onkel“ Heinrich, der Feuerwehrhauptmann, der bei uns im Haus wohnte, mit dem ich die in der Umgebung liegenden Bauernhöfe inspizieren durfte , schließlich mein „Pätter“ Georg,  Metzger, bei dem ich meinen ersten Urlaub machte, und nicht zuletzt dessen Schwiegervater, mein „Nenn-Opa“, der als Flößer von seinen Floßfahrten vom Schwarzwald bis nach Holland erzählte. Auch in unserem Möbelgeschäft, half ich meinem Vater. Und natürlich die Freunde, mit denen man Ball spielte, Baumhäuser baute, im Rhein Schwimmen lernte und Fische angelte.

          Von meinem „großen“, weil 10 Jahre älteren Freund Wilhelm, Sohn von „Nenn-Onkel“ Heinrich,  „erbte“ ich manches schöne Spielzeug, z. B. ein Luftgewehr, eine Burg mit Spielsoldaten, mit denen man Krieg spielte, von dessen Realität man aber bald nach Kriegsbeginn nicht nur Schönes hörte durch unsere echten einquartierten Soldaten, die gegen Westen zogen.. In ihrer Feldküche gab´s die beste Erbsensuppe. Den Kriegsbeginn haben wir Kinder gar nicht so ernst genommen. Frankreich war schnell überrannt. Und viele Frauen der Soldaten, die aus Frankreich in Urlaub kamen, liefen auf einmal in Pelzmänteln herum.

          Dieses Kinder-Paradies endete dann 1942 plötzlich. Erstens durch Eintritt ins Gymnasium, was noch in jeder Beziehung ein angenehmer Wechsel war – Fahrschüler, das Haus, die Lehrer(innen), der Unterricht. Zweitens Eintritt ins Jungvolk, wo ich Geländespiele und Leichtathletik liebte, aber Exerzieren und Geräte-turnen hasste. Als ich zum „Rottenführer“ befördert werden sollte, was zusätzlichen „Führungsdienst“ bedeutete, hat mein Vater dies abgelehnt mit der Begründung, meine Schulnoten seien zu schlecht und ich müsste hierfür mehr Zeit aufwenden. Damit drittens die schon etwas geahnte Neuheit für mich: meine Eltern waren „Parteigegner“ (der NSDAP). Sie waren, zusammen mit Vaters Freund Riemer, in der „Evangelischen Bekennenden Kirche“, die gegen die von der Partei geförderten „Deutschen Christen“ eingestellt waren. Deshalb wurde mein Vater schon 1934 durch Zeitungsanzeige als „Gegner der Bewegung und des nationalsozialistischen Staates“ bezeichnet und ihm „die Entgegennahme von Bedarfsdeckungsscheinen aus Ehestandsdarlehen“ entzogen, was einem Aufruf zum Boykott gleichkam. Er hat dann deshalb zusätzlich ein Kohlengeschäft eröffnet. Doch ich begann, mir Angst um Vater zu machen.

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