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Elisabeth Petzina : Wissen Sie, wie weit es nach Dachau ist?

  • Aktualisiert am

Als der NS-Betriebsobmann der Kammerspiele betrunken herumpöbelte und aus dem Fundus stahl: Unsere Leserin Elisabeth Petzina erzählt Episoden aus dem Leben ihres Vaters, der technischer Leiter am Münchner Theater war.

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          Ich bin 80, war bei Kriegsende 12 und habe den ganzen Krieg in München, der „Hauptstadt der Bewegung“ erlebt. Mir wurde in den Jahren der „50-Jahre-danach“-Literatur bewusst, wie sehr das NS-Regime auch die Denkweise seiner Gegner beeinflusst hatte.

          Meine beiden Eltern waren Theaterleute, eine Gruppe von Menschen, bei denen es nicht allzu viele glühende Nationalsozialisten gab, und ich hatte das Glück, mich keine Stunde lang für meine Eltern schämen zu müssen. Mir wurde aber auch bewusst, wie viel Courage, Schlauheit und Glück dazu gehörte, nicht in den Fängen der Gestapo zu landen, wenn man auch nur minimale Formen des Widerstandes praktizierte.

          Mein Vater war schlau und couragiert, und das Glück blieb ihm treu. Eine seiner Erzählungen ist ein fester Bestandteil unserer „Familiensaga“ geworden. In der fraglichen Zeit war mein Vater technischer Leiter der Münchener Kammerspiele (damals, wenn ich mich recht erinnere „Kammerspiele im Schauspielhaus“ genannt). Wie in jedem wichtigen Betrieb gab es auch in den Kammerspielen einen NS-Betriebsobmann. An irgendeinem Tag, an dem den Nazis mal wieder ein großer Erfolg gelungen war (vielleicht war es der Anschluss Österreichs), betrank sich der Herr NS-Betriebsobmann im Dienst ganz kräftig. Er war Pförtner am Bühneneingang.

          In seinem Siegesrausch pöbelte er etliche Kollegen derb an. Als meinem Vater das gemeldet wurde, ging er zur Pförtnerloge und sagte zu ihm „Herr Huber (so hieß er nicht wirklich, aber das ist ein in München häufiger Name, die Hubers mögen mir seine Verwendung verzeihen!). Sie gehen jetzt nach Hause.“ Herr Huber, im Vollgefühl des nationalsozialistischen Sieges, widersetzte sich und blieb auf seinem Platz in der Loge. Mein Vater wiederholte seine Weisung. Als technischer Leiter war er auch der Vorgesetzte des Pförtners. Herr Huber blieb sitzen. Daraufhin ging mein Vater  in die Loge, griff sich Herrn Huber am Sakko-Kragen und am Hosenboden und brachte ihn so etwas unsanft bis vor das Haustor, das den Innenhof vor dem Bühneneingang begrenzte.

          Am nächsten Morgen war Herr Huber leidlich nüchtern wieder im Dienst, aber mein Vater wurde telefonisch ins Gestapo-Hauptquartier einbestellt, das zufällig nur wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt lag. Wir alle zitterten, ich vielleicht noch am wenigsten.

          Mein Vater meldete sich beim Dienst habenden Offizier, der ihn mit den Worten anschnauzte: „Sie haben gestern den NS-Betriebsobmann aus dem Betrieb geworfen.“ Mein Vater hatte geahnt, was man ihm vorwerfen würde, und hatte sich vorbereitet: „Den NS-Betriebsobmann? Keineswegs! Ich habe den betrunkenen Pförtner, der Kollegen anpöbelte, vom Dienst suspendiert.“ „Wissen Sie, wie weit es nach Dachau ist?“, fragte der Gestapomann, eindeutig drohend. „25 Kilometer“, antwortete mein Vater, ohne zu Zögern. „Ja, hin schon!“ entgegnete der SS-Mann. Nach wenigen weiteren Sätzen war mein Vater entlassen.

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