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Scorseses Dylan-Doku : Und Bob fuhr den Bus

  • -Aktualisiert am

Nur zu Besuch: Bob Dylan und Allen Ginsberg am Grab von Jack Kerouac Bild: Netflix

Was sollte dieser Zirkus? Martin Scorseses Film über Bob Dylans extravagante „Rolling Thunder“-Tour inszeniert diese als amerikanische Identitätssuche nach 1968 – und vermischt Dokumentarisches mit Fiktion.

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          Die Hippie-Träume waren weitgehend ausgeträumt, aber ein paar Leute wollten noch einmal wissen, warum. Im Herbst 1975 ging in Plymouth, Massachusetts, also an einem symbolischen amerikanischen Gründungsort, kurz vor dem „Bicentennial“ der Unabhängigkeit, ein Zirkus auf Wanderschaft. Ein Zirkus mit vielen Artisten, aber einer Hauptattraktion, der alles andere untergeordnet war: Sie trug einen weißen Hut, an dem jeden Abend frische Blumen steckten, und hatte ein weißgekalktes Gesicht. Dann sang, nein, nagelte sie ihre Liedstrophen in die Luft, Folkballaden und spanische Romanzen, Protestsongs gegen Unterdrückung, Justizskandale und Rassismus. So viele Anliegen – aber alle kanalisiert durch eine Stimme, einen Mund, ein Gesicht: das von Bob Dylan.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch wenn seine eigene Konversion erst später erfolgte, war Dylan schon Mitte der Siebziger für viele Jesus. Die „Rolling Thunder Revue“ war sein Superstar-Musical. Ob ihm die Rolle, die er sich selbst gegeben hatte, letztlich gefiel, ist zu bezweifeln. Der heutige Bob Dylan, in der Rolle des altersweisen Countrymusikers mit Westernkrawatte und Knittergesicht, sagt jedenfalls am Ende von Martin Scorseses Film auf die Frage, was von der Tour geblieben sei, nur trocken: „Nichts. Asche.“ Wofür war aber dann der ganze Zirkus? Und wofür heute ein ebenfalls zirkushafter Film darüber?

          „Rolling Thunder“, ein indianischer Begriff für „die Wahrheit sagen“, war der Traum davon, eine jüngst zum Millionen-Business gewordene Popmusik dem einfachen amerikanischen Volk wieder näherzubringen und dabei auch die mitreisenden Künstler noch einmal kommunenhaft zu vereinigen. Martin Scorsese, der schon die mehrstündige Dylan-Doku „No Direction Home“ über dessen Frühzeit gedreht hat, wusste wohl um die Bildstärke und Symbolkraft des Materials. Hier sieht man die Galionsfiguren der amerikanischen Gegenkultur der sechziger Jahre, quasi zusammengepfercht in einen Bus: Allen Ginsberg, Joan Baez, Roger McGuinn, Joni Mitchell. Bob Dylan lenkte diesen Bus, offenbar auch im wörtlichen Sinne, jedenfalls sieht man ihn in den Aufnahmen von damals mehrmals am Steuer, sichtlich gelöster als auf der Bühne oder im Backstagebereich. Die Idee, in Clubs statt in Stadien zu spielen (finanziell ein Desaster), war auch noch ganz im Geiste der Sechziger: Folk-Figuren müssen zum Greifen nah sein.

          Aber es waren eben nicht mehr die Sechziger, und deswegen wird dem Hippie-Dichter Ginsberg, der anfangs auf der Bühne noch die Signaturzeile seines Langgedichts „Howl“ rezitiert („I saw the best minds of my generation destroyed by madness“), im Laufe der Tour von den Veranstaltern gesagt, er müsse seine Lyrikbeiträge kürzen; schließlich werden sie ganz gestrichen. Alle fragen, wie Dylan denn so sei – ein Tourgitarrist wird zitiert, er wisse es auch nicht, denn der Meister habe noch nie mit ihm gesprochen. Nach Kommune sehen die personalisierten, stilisierten Künstlergarderoben nicht aus. Die Musik ist in einer Übergangsphase vom Folk zum Stadionrock: Man fügt chromatische Schmalz-Übergänge ein, wo irgend möglich, und beginnt, auf dem Schlussakkord noch ewig herumzuschrammeln. Das bekommt manchem Dylan-Stück nicht gut. Und über die Friedfertigkeit des Publikums macht sich die ebenfalls jetzt im Alter noch einmal von Scorsese über damals befragte Joan Baez keinerlei Illusionen: Sie hatten sich nicht alle lieb, sondern hätten einander vermutlich abgemurkst, um an ein Ticket zu gelangen.

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