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Umstrittener Kika-Film : Problembewusst?

Seine Frau soll Kopftuch tragen. Und wenn sie nicht will? Szene aus der Kika-Reportage „Malvina, Diaa und die Liebe“ Bild: Kika Kinderkanal

Der Hessische Rundfunk steht zu seinem für den Kinderkanal produzierten Film „Malvina, Diaa und die Liebe“. Dabei werfen die Facebook-Posts des jungen Mannes und das Verhalten des Senders Fragen auf.

          Man kann nicht sagen, dass sich der Hessische Rundfunk der Kritik nicht stellt, die es an dem für den Kinderkanal Kika produzierten Film „Malvina, Diaa und die Liebe“ gibt. Am vergangenen Samstag beschäftigte sich der HR in einer Sonderausgabe der Sendung „Engel fragt“ eigens damit. Doch war der Konstellation nach leider von vornherein entschieden, wie die Sache laufen würde. Fünf Diskutanten waren geladen, vier gaben eine positive Einschätzung des Films ab, und ein Kritiker trat auf – von der AfD.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Politiker Dirk Spaniel äußerte seine Bedenken darüber, dass in diesem unkommentiert zu sehen sei, wie die junge Malvina ihrem syrischen Freund Diaa Mohammed gegenüber stets nachgebe – sie trage etwa nur noch lange Kleidung und esse kein Schweinefleisch mehr. Dieses Nachgeben werde als vermeintliche Emanzipation idealisiert dargestellt, weshalb ihm das Ganze als „Propaganda“ erscheine.

          Die Publizistin Lamya Kaddor hingegen hatte in dem Film ein selbstbewusstes Mädchen gesehen und kein Opfer. Die Medienforscherin Maya Götz trug vor, dass der Film in der Zielgruppe der Zwölf- bis Dreizehnjährigen und insbesondere bei Mädchen kritisch aufgenommen worden sei mit Blick auf das Verhalten des jungen Mannes aus Syrien, der seiner deutschen Freundin seine Vorstellungen aufzwingen wolle. Die HR-Fernsehdirektorin Gabriele Holzner wiederum wies darauf hin, dass Diaa Mohammed von ganz anderer Seite massiv angegangen werde mit dem Vorwurf, er lasse seiner Freundin zu viel durchgehen. Inzwischen hat der Migrant Morddrohungen erhalten. Aufgrund der Drohungen auf rechten Internetseiten haben Malvina und Diaa inzwischen die Polizei um Hilfe gebeten. Es würden Streifenwagen zum Schutz des Paares eingesetzt, berichtete der Hessische Rundfunk.

          Dass er den jungen Mann mit seiner Kritik gerade in die Arme von Salafisten treibe, wurde schließlich dem AfD-Mann Spaniel vorgehalten – womit die an sich zuträgliche Debatte wieder eine Stufe auf der Eskalationsleiter erreichte, die man doch eigentlich vermeiden wollte.

          Funde bei Facebook

          Dazu freilich tragen auch die Funde auf der Facebook-Seite von Diaa Mohammed bei, die inzwischen die Runde gemacht haben. Er hat die Seite des Salafisten Pierre Vogel gelikt und bei einer anderen Gelegenheit auf Facebook – dem Sinn nach – die Botschaft hinterlassen, seinen Teil zur Islamisierung Deutschlands beitragen zu wollen. Das, so heißt es auf Anfrage beim HR, sei ein Scherz zum Ende des Ramadans gewesen, zu dem die Jugendlichen – man sieht Diaa auf einem Bild auf einer mittelalterlichen Kanone sitzen – „darüber gefeixt“ hätten, „dass sie die Kanone feuern, wenn sie wieder essen dürfen“. Was den „Like“ für den Islamisten Vogel angeht: Das sei die Reaktion auf ein Gewinnspiel gewesen, „bei dem es einen Flug nach Mekka“ zu gewinnen gab. Der junge Mann habe dem Sender versichert, dass er „sich von jeglichem Islamismus distanziert“.

          Mit einer falschen Altersangabe freilich hatte es angefangen. In Bildunterschriften der Reportage erschien das Mädchen Malvina als sechzehn, ihr Freund Diaa als siebzehn, dabei war er schon neunzehn beziehungsweise ist jetzt zwanzig. Als die beiden sich kennengelernt haben, dürfte Malvina indes vierzehn (und er sechzehn) gewesen sein. Dass lässt im Verein mit den Aussagen, die man in dem Film von ihr und von ihm zu hören bekommt, nicht nur aufhorchen, weil die AfD meint, daraus Kapital schlagen zu können, und nicht erst seit der Ermordung eines fünfzehnjährigen Mädchens durch ihren aus Afghanistan stammenden ehemaligen Freund im rheinland-pfälzischen Kandel. Die Problemlage scheint dem HR allerdings erst im Nachhinein aufgegangen zu sein.

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