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Von den Russen verschleppt : Ukrainische Sanitäterin „Taira“ ist frei

Julia Pajewska Bild: picture alliance / empics

Die legendäre ukrainische Sanitäterin Julia Pajewska ist aus russischer Gefangenschaft entlassen worden. Mit selbst aufgenommenen Videos hatte sie das Grauen der Angriffe auf Mariupol gezeigt.

          3 Min.

          Gibt es „gute“ Nachrichten aus dem Vernichtungskrieg, den die russische Armee in der Ukraine führt? Zehntausende ermordete Zivilisten, bis zu zwei Millionen Verschleppte, Vergewaltigungen, Folter, „Filtration“ in Lagern, ein Dauerbombardement, das Dörfer und Städte in Schutt und Asche legt, Diebstahl von Millionen Tonnen von Getreide, Hunger als Waffe – Wladimir Putin und die russische Armee begehen Kriegsverbrechen sonder Zahl und erfüllen einen Punkt nach dem anderen, um eine Anklage wegen Völkermords zu erfüllen. Bilder von diesem mörderischen Treiben gibt es immer weniger. Als die Verteidiger von Mariupol noch im Asow-Stahlwerk ausharrten, vermochten sie es selbst, welche in die Welt zu senden. Das ist mit der Eroberung der vollständig zerstörten Stadt durch die russischen Invasoren vorbei. Nun führen sie voller Siegerstolz Presseleute durch die Bunker von Asowstahl. Die „Spezialoperation“ läuft.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Zu denen, die zeigten, was in Mariupol geschah, zählte die ukrainische Sanitäterin Julia Pajewska. Sie filmte ihre Einsätze zwei Wochen lang mit einer Bodycam oder Helmkamera. Gedacht waren die Aufnahmen für eine Netflix-Dokumentation zu den Invictus Games, die Prinz Harry produziert. 2014 war Julia Pajewska als Sanitäterin bei der Majdan-Bewegung engagiert. Von 2018 bis 2020 diente sie in der ukrainischen Armee, danach schied sie aus dem Dienst und bildete Sanitäterinnen und Sanitäter aus, die im Osten der Ukraine Verletzte behandelten. Sie werden „Tairas Engel“ genannt, nach dem Spitznamen, den sich Julia Pajewska als begeisterte „World of Warcraft“-Spielerin selbst gab.

          Von diesem Engagement sollten Tairas Aufnahmen zeugen, doch dann dienten sie als Belege für den Terror des russischen Vernichtungskrieges: Wir sehen, wie die 53 Jahre alte Julia Pajewska Schwerverletzte versorgt, wir sehen, wie sie von einem Weinkrampf geschüttelt wird, als ein kleiner Junge den Ärzten unter den Händen wegstirbt. Wir sehen aber auch, wie sie verletzte russische Soldaten behandelt. Von einer dabeistehenden Frau ungläubig darauf angesprochen, ob sie den Russen wirklich helfen wolle, sagt sie: „Sie werden zwar nicht so freundlich zu uns sein, aber für mich ist es keine Frage. Sie sind Kriegsgefangene.“ Die Aufnahmen, die dies und andere Einsätze von Julia Pajewska zeigen, schmuggelten zwei Reporter der Agentur Associated Press, die letzten Journalisten, die aus Mariupol herauskamen, Mitte März aus der Stadt, vorbei an fünfzehn russischen Kontrollposten, versteckt in einem Tampon.

          Von der russischen Armee verschleppt

          Am Tag darauf, dem 16. März, wurde Julia Pajewska mit ihrem Fahrer von der russischen Armee in den Donbass verschleppt. Ihre Entführer bezeichneten die Sanitäterin, wie nicht anders zu erwarten, als „Nazi-Kollaborateurin“ des Asow-Regiments und als Organschmugglerin. Auf einem Video wurde sie, mit schwarzem Sack über den Kopf, vorgeführt. Dann musste sie, sichtlich gezeichnet, eine Erklärung verlesen, in der das Ende des Krieges gefordert wird. Dann hörte man nichts mehr von ihr. Doch setzte in der Ukraine, nicht anders als bei den rund zweieinhalb Tausend verschleppten Zivilisten und Soldaten aus dem Asow-Stahlwerk, eine Solidaritätsaktion ein, in der Hoffnung, dass die Mutter einer minderjährigen Tochter aus der russischen Gefangenschaft freikäme.

          Und das ist nun tatsächlich geschehen. „Wir haben es geschafft, Taira, die ukrainische Sanitäterin Julia Pajewska, freizubekommen“, verkündete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am vergangenen Samstag. „Wir arbeiten daran, alle Gefangenen zu befreien.“ „Ich habe immer daran geglaubt, dass alles genau so kommen würde“, sagte Julia Pajewska in einer kurzen Videobotschaft, „und alle, die noch auf der anderen Seite sind, wissen, dass alles gut enden wird.“ Über die Hintergründe der Freilassung wurde nichts bekannt. Der britische „The Guardian“ zitiert eine russische Journalistin des Staatsfernsehen, Irina Kuksenkova, die von einem Austausch gegen den Sohn eines von den Ukrainern festgenommenen tschetschenischen Offiziellen gesprochen habe.

          Die Worte der freigekommenen Sanitäterin klingen sehr optimistisch angesichts der Berichte über Folterungen in russischen Lagern, der Verschleppung der Verteidiger von Mariupol nach Russland und der vor Gewalt- und Mordlust strotzenden Äußerungen von Politikern und Moderatoren in den russischen Medien. In der Sendung des faschistischen Putin-Hardliners Wladimir Solowjow wird darüber debattiert, ob die von den Separatisten im Donbass gefangen genommenen beiden Briten und der Marokkaner, die in der Ukraine lebten und in der ukrainischen Armee dienten, erhängt, erschossen oder gevierteilt werden sollen. In Moskau, twittert der Reporter Matthew Luxmoore vom „The Wall Street Journal“, werde inzwischen ein Wodka namens „Selenskyjs Tränen“ verkauft. „Die russischen Invasoren sind stolz auf ihre völkermörderische Grausamkeit“, schreibt die Journalistin Julia Davis von der amerikanischen Nachrichtenseite „The Daily Beast“ dazu.

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