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Kochshows bei Netflix : Wo man Lammhoden in Butter und Knoblauch besser nicht ablehnt

Macht lustig: David Chang erfährt in Istanbul, was „sauer eingelegt“ bedeuten kann. Bild: Netfix

Essen ist fertig! Netflix stillt mit kulinarischen Dokumentationen den Hunger nach einem friedlichen Miteinander der Kulturen – und die Sehnsucht nach Reisen in ferne Länder.

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          In Urlaub nach Südostasien fliegen und im Gedränge an den Streetfood-Ständen Bangkoks mit allen Sinnen in eine andere Kultur eintauchen, in fremden Düften, Geschmacksaromen und für den Gaumen neuartigen Zutaten schwelgen? Selbst diejenigen, für die ein solcher Ausflug zum erreichbaren Luxus gehörte, essen zurzeit wohl eher Poffertjes in Holland als Tom Yum in Thailand, Fugazzeta in Buenos Aires oder ein Barbecue in Memphis, Tennessee. Nichts gegen erreichbare Genüsse, aber die Sehnsucht nach Weltläufigkeit vermögen niederländische Mini-Pfannekuchen ebenso wenig zu stillen wie das wiedereröffnete China-Restaurant um die Ecke.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Bleiben die pandemiekompatiblen Surrogate, die Netflix mit großer Küchenfertigkeit seinem globalen Publikum serviert: kulinarische Reisen rund um den Erdball, vorzugsweise im Gefolge eines begeisterungsfähigen amerikanischen Cicerone, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, Tränen der Rührung in die Augen steigen und wenigstens für die Dauer einer Mahlzeit den Glauben an die Menschheit zurückgeben.

          Aus der breiten Phalanx der Genuss-Dokumentationen, die der Streamingdienst aufstellt, ragt der mit zwei Michelin-Sternen dekorierte Koch, Gastronom, Autor und mit Großer-Junge-Lächeln jeden entwaffnende mediale Selbstdarsteller David Chang heraus. Er, der sich nicht scheut, hässliche Gerichte zuzubereiten, wenn es denn nur dem Geschmack dient, der furchtlos noch das Abstruseste vor der Kamera in den Mund steckt, das eine kulinarische Entdeckung verheißt, wird als Rockstar der Ramen-Nudeln gefeiert. Sein Credo im Wettstreit auf dem von religiösen Vorschriften, kulturellen Traditionen und ideologischen Prägungen durchzogenen Feld der Küchenkunst: „Ich glaube daran, dass etwas, das köstlich ist, am Ende siegen wird.“

          Als Kind koreanischer Einwanderer im amerikanischen Bundesstaat Virginia aufgewachsen, galt der zweiundvierzigjährige Chang als hoffnungsvoller Nachwuchsgolfer, bevor er die Gastronomie eroberte. Er eröffnete Restaurants in den Vereinigten Staaten, in Australien und Kanada, launchte eine Fastfood-Kette, brachte ein Kochbuch sowie ein Magazin heraus und trat im Fernsehen auf.

          Seit 2018 ist er bei Netflix unter Vertrag. Die von ihm produzierte und präsentierte Dokuserie „Ugly Delicious“ läuft in der zweiten Staffel; die im vergangenen Jahr von Chang aufgelegte Serie „Frühstück, Mittag- und Abendessen“ ist weiterhin abrufbar. In letzterer schlemmt er an der Seite von Stargästen in deren Heimatstadt oder an anderen Orten („Vancouver mit Seth Rogen“, „Marrakesch mit Chrissy Teigen“). Reisedoku trifft Kochsendung und Personality-Show: So kommen Fragen des Geschmacks, der Kultur und der Identität auf den Tisch, ohne dass an ihnen allzu schwer zu kauen wäre.

          In der jüngsten Episode von „Ugly Delicious“ geht es um Fleisch am senkrecht aufgestellten Drehspieß, das als türkisches Döner Kebab um die Welt geht, dem griechischen Gyros zu eigen ist und zum arabischen Schawarma gehört – aber immer ein ungleich uneleganteres Image hat als die horizontale französische Rôtissoire. Und schon sticht Chang („Damit kenne ich mich überhaupt nicht aus“) die Gabel quasi mitten in die verwickelte und von politischen Konflikten überschattete Kochhistorie des Nahen und Mittleren Ostens, die auch eine Geschichte der erzwungenen Migrationen, des Kolonialismus, der Aneignungen und Abgrenzungen ist.

          Unterwegs in Istanbul konstatiert der Amerikaner, der sich schon seiner Biographie wegen als Mittler zwischen Orient und Okzident versteht, treuherzig: Immerhin entstünden aus schrecklichen Verwerfungen, wie es sie auch im Osmanischen Reich gab, oft wunderbare Rezepte, die viele Einflüsse vereinten. Seine türkischen Gastgeber quittieren das mit einem Lächeln und führen ihn zu einem traditionellen Geschäft für sauer Eingelegtes, in dem es Essiglake zu trinken gibt.

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